Sprachrunde bei Maybrit Illner Deutsch aus dem Kosmetikköfferchen

"Besser sprechen per Gesetz?", fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Doch statt einer harten Kontroverse im Deutsch-Streit sah Bastian Sick nur röhrende Hirsche - und Verona Pooth, die einen super Vorschlag für eine Grundgesetzänderung machte.


Hamburg - Es war eine sehr männerlastige Runde, die Maybrit Illner am Donnerstagabend ins Studio geladen hatte, um das Für und Wider jenes CDU-Parteitagsbeschlusses zu erörtern, der ein Bekenntnis zur deutschen Sprache im Grundgesetz vorsieht.

Sprachtalent Pooth: "Die deutsche Sprache ist super"
ZDF

Sprachtalent Pooth: "Die deutsche Sprache ist super"

Da war der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, sodann der hessische Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir, der Journalist und Moderator Ulrich Kienzle, der Sprachkritiker und ehemalige Journalistenlehrer Wolf Schneider und schließlich - als Alibi-Frau - Verona Pooth, die lange Zeit mit grammatisch bedenklichem Deutsch Werbung gemacht hatte, jetzt aber offenbar geläutert ist und für die deutsche Sprache wirbt. Immerhin bekannte sie im Vorgespräch, dass sie "die deutsche Sprache super" findet.

Ich will nicht verschweigen, dass die Redaktion von Frau Illner auch mich für diese Sendung angefragt hatte, aber just an diesem Abend hatte ich - um es in bestem Deutsch zu sagen - ein Date, und musste Frau Illner daher einen Korb geben. Meine Verabredung hatte sich dann allerdings kurzfristig zerschlagen, so dass ich nun doch Zeit hatte und mir die Sendung im Fernsehen anschauen konnte.

Alle hatten sich auf diese Gesprächsrunde gut vorbereitet: Bosbach und Al-Wazir hatten sich ihre Argumente genau eingeprägt, Wolf Schneider hatte sich Notizen gemacht, Verona Pooth hatte offenbar Stunden in der Maske zugebracht und an ihrer Frisur gezupft. Es ging um die Frage, ob es Sinn macht - pardon: ob es sinnvoll ist, die deutsche Sprache per Eintrag ins Grundgesetz unter Schutz zu stellen.

Jeder der Diskutanten hatte gute Argumente. Wolfgang Bosbach ("Es geht nicht um Gebote und Verbote") sprach angenehm klar und ruhig. Wolf Schneider brillierte wie gewohnt mit scharfzüngiger Sprachkritik. Für kurze Irritation sorgte allein seine Behauptung, die Flagge der Bundesrepublik sei blau-weiß-rot. Zum Glück beharrte er nicht darauf. Tarek Al-Wazir forderte mehr sprachliche Sensibilität von jedem Einzelnen anstelle einer Änderung des Grundgesetzes.

Gastgeberin Illner ("Weil eigentlich ist ja klar …") hielt sich angenehm zurück, manchmal allerdings hätte man sich gewünscht, die Regie hätte sie zwischen Kienzle und Bosbach gesetzt, dann wäre Herr Kienzle Herrn Bosbach vielleicht nicht ständig auf so enervierende Weise ins Wort gefallen. Bisweilen wurde es nämlich recht laut - und zwar immer dann, wenn bei den Männern eine Testosteron-Ausschüttung zu verzeichnen war und das Röhren der Hirsche die sachliche Diskussion in den Hintergrund drängte.

Vielleicht hätte die Gegenwart einer weiteren Frau dem Ganzen gutgetan. Angela Merkel zum Beispiel hätte sicherlich für etwas mehr Ausgeglichenheit und weniger künstliche Aufgeregtheit gesorgt. Aber die hatte wahrscheinlich auch gerade keine Zeit. Vielleicht hatte sie ebenfalls ein Date. Stattdessen wurde der aus dem Satire-Magazin "Extra 3" bekannte Vorzeige-Franzose Alphonse hinzugeholt, der auf Stichwort ein paar Deutschland-Frankreich-Klischees bediente, mit denen er die Zuschauer erwartungsgemäß zum Lachen brachte. So erklärte er, warum es das Wort "Warnstreik" nur im Deutschen und nicht im Französischen gäbe: Die Franzosen streikten leidenschaftlich gern; die Deutschen würden auch gerne länger streiken, hätten aber keine Zeit, weil sie immer arbeiten müssten.

Verona Pooth hielt die vielen englischen Wörter im deutschen Sprachalltag für ganz normal. Wenn sie mal wieder eine Woche in L.A. gewesen sei, gingen ihr die meisten englischen Begriffe wie selbstverständlich über die Lippen, sagte sie. Es stellte dann aber leider niemand mehr die Frage, für wie viel Prozent der Deutschen es wohl zur Gewohnheit zähle, immer mal wieder eine Woche in Los Angeles zu verbringen. Davon abgesehen konnte Frau Pooth zahlreiche Sympathiepunkte verbuchen, das Publikum im Saal signalisierte mit wohlwollendem Beifall, dass es ihr die "Da werden Sie geholfen"-Kampagne ebenso verziehen hatte wie ihre kurze Mesalliance mit Dieter Bohlen.

Am Ende stellte sich heraus, dass sich im Grunde alle einig waren: Keiner will zu einer Hexenjagd auf englische Wörter aufrufen, keiner will den Türken ihre türkische Kultur verbieten, keiner will die Jugendsprache unterbinden, die Dialekte schon gar nicht (nicht einmal Sächsisch, obwohl einer eingeblendeten Umfrage zufolge 40 Prozent der Befragten den sächsischen Dialekt als "unangenehm" empfinden), und keiner will eine alles reglementierende Super-Behörde oder eine alles überwachende Sprachpolizei.

Tatsächlich hatte sogar niemand wirklich etwas dagegen, dass die deutsche Sprache durch den Zusatz "Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch" im Grundgesetz verankert wird. Selbst Ulrich Kienzle nicht, sodass Maybrit Illner resümierte: Dafür, dass es eigentlich keine Kontroverse gab, wurden wahnsinnig viele Worte gemacht.

Und nachdem Tarek Al-Wazir seinem Gegenspieler Bosbach das Versprechen abgenommen hatte, die Forderung "Deutsch ins Grundgesetz" nicht als Wahlkampfparole auszugeben, war auch der letzte Dissens aus der Diskussion gewichen. Politische Konsequenzen sind nicht zu befürchten. Es sei denn, die SPD macht sich jetzt für ein gesetzliches Verbot des sächsischen Dialekts stark - in der Hoffnung, damit endlich einmal wieder auf 40 Prozent zu kommen.

Auch von juristischen Konsequenzen wollte niemand etwas wissen. Alle waren sich einig, dass sich durch die Festschreibung im Grundgesetz gar nichts ändern würde. Es wäre nicht viel mehr als eine "freundliche Geste". Da drängt sich mir natürlich die Frage auf, als was wir unser Grundgesetz eigentlich begreifen: als ein Handbuch voller Nettigkeiten ohne besonderen Nutzen und ohne zwingende Notwendigkeit? Ein harmloses Büchlein, an dem man ab und zu mal ein bisschen Kosmetik betreiben kann, damit es frischer und vielseitiger wirkt?

Das kleingeschriebene "deutsche Volk"

Apropos Kosmetik: Erst vor wenigen Jahren ist das Grundgesetz schon einmal geändert worden - wegen eines vermeintlichen Rechtschreibfehlers!

Ein Berliner Sonderschullehrer namens Harald Büsing hatte an der Schreibweise des ersten Satzes der Präambel Anstoß genommen. Dort ist von der "verfassungsgebenden Gewalt" des "Deutschen Volkes" die Rede. Büsing war der Meinung, das Fugen-s in "verfassungsgebend" sei falsch. Er strengte einen Streit an, der sich über Jahre hinzog und mehrere Aktenordner füllte. Am Ende behielt der Lehrer recht - wie es bei Lehrern meistens der Fall ist. Das Innenministerium zeigte sich zerknirscht und erklärte das Fugen-s für falsch. Büsing gab sich damit nicht zufrieden. Er wolle weiterkämpfen, sagte er dem SPIEGEL, und dafür sorgen, dass auch noch das großgeschriebene "Deutsche Volk" in ein kleingeschriebenes "deutsches Volk" abgewandelt würde.

Wenn schon kleine Zweifelsfälle der deutschen Orthografie zu einer Überlastung des bürokratischen Apparats führen, was soll dann erst werden, wenn ein Bekenntnis zur deutschen Sprache im Grundgesetz festgeschrieben wird?

Ich behaupte ja, dass auch der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" falsch ist, denn Zusammensetzungen mit der Silbe "bar" beschreiben eine Möglichkeit oder Unmöglichkeit, nicht aber eine Forderung oder einen Wunsch. "Dieser Fraß ist ungenießbar" bedeutet, dass die Speise einfach nicht schmeckt. Es bedeutet nicht, dass der Verzehr verboten ist. Und wenn die Würde des Menschen wirklich unantastbar wäre, hieße es, dass man sie gar nicht verletzen kann, was auch immer man mit ihr anstellte.

Gemeint ist freilich, dass die Würde des Menschen unter keinen Umständen angetastet werden darf. Denn sie ist überaus kostbar und leider sehr zerbrechlich.

Das weiß auch Verona Pooth, die mehr als einmal in ihrem Leben hart am Verlust ihrer Würde vorbeigeschrammt ist. Vielleicht sollte man statt des CDU-Vorstoßes einfach ihr fröhliches Bekenntnis ins Grundgesetz aufnehmen. Dann hieße es in Artikel 22:

(1) Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin.

(2) Die Bundesflagge ist nicht blau-weiß-rot, sondern schwarz-rot-gold.

(3) Die deutsche Sprache ist super.

Bastian Sick

insgesamt 123 Beiträge
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Populist 12.12.2008
1. Völlig daneben
Dem Thema wurden die Teilnehmer nur ansatzweise gerecht. So vermischte der ansonsten nich schlechte Herr Wazir Deutschkenntnisse mit Deutschnationlismus, allerdings in keiner Weise aggressiv, und der Sprachforscher hatte wirklich Sinnvoles zu sagen. Herr Bosbach musste sich laufend gegen einen überzogenen Nationalismusvorwurf wehern und das war das Ergebnis der Teilnahme von Herrn Kienzle, der völlig deplaziert war. Erstens waren seine ganzen Anmerkungen und Einwürfe einfach nur absurd und albern, zudem unterbrach er ständig und machte diese Runde für den Zuschauer zur Qual. Ein Mensch,d er seinen Glauben und seine ganze Identität wegwirft, nur um eine Mohammedanrin als Frau zu bekommen, ist für mich kein ernstzunehmender Gesprächspartner. Hier hat das ZDF massiv geschlampt. Eebnso war die Dame Verona Feldbusch völlig deplaziert. Erstens redete sie entsprechend ihres Bildungsgrades nur Unsinn und zweitens sollte sie lieber daheim bleiben und sich darum kümmern, dass die von ihrem Mann ( und indirekt auch von ihr) geschädigten Personen ) endlich ihr Geld bekommen. Alles in allem eine Sendung, die typisch und daher eben schlecht und das Aufbleiben nicht wert war. Ach ja.. Während der Sendung wurde unten eingeblendet: Ticket-hotline... usw. Armutszeugnuis.
mouth 12.12.2008
2. Mehrsprachigkeit
Zitat von sysop"Besser sprechen per Gesetz?" fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Doch statt einer harten Kontroverse im Deutsch-Streit sah Bastian Sick nur röhrende Hirsche - und Verona Pooth, die einen super Vorschlag für eine Grundgesetzänderung machte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,595976,00.html
Also Verona, --- ja Verona sah richtig toll aus gestern. Sie hatte die Beine in der Lieblingsposition der Männer übereinander geschlagen, die Haarfarbe machte ihr Gesicht weich, der Lip gloss gab Ihren Lippen eine völlig andere Gestalt, nur beim Dekolleté war falsch gewählt worden... es war nicht hier und nicht dort. Es wurde platt gedrückt was rausquellen wollte, trotz perfekt aufrechter Sitzhaltung. Schade. Dachte ein Weinroter enger Rolli wäre da fast schon besser gewesen.... Aber was hat Sie gesagt? Ich wünschte sie hätte mehr für Zweisprachigkeit der Deutschen votiert! Mehr dafür gesorgt dass Leute endlich begreifen, Kinder die mit 2-3 Sprachen gleichzeitig aufwachsen werden nicht grenzdebil. Denn trotz Mehrsprachigkeit, kann ein kleiner Mensch Deutsch fließend beherrschen auch nach der Pubertät.
jstm 12.12.2008
3. ist -> sei
---Zitat von Bastian Sick--- Ich behaupte ja, dass auch der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" falsch ist, denn Zusammensetzungen mit der Silbe -bar beschreiben die Möglichkeit, nicht aber eine Forderung oder einen Wunsch. "Dieser Fraß ist ungenießbar" bedeutet, dass die Speise einfach nicht schmeckt. Es bedeutet nicht, dass der Verzehr verboten ist. Und wenn die Würde des Menschen wirklich unantastbar wäre, hieße es, dass man sie gar nicht verletzen kann, was auch immer man mit ihr anstellte. Gemeint ist freilich, dass die Würde des Menschen unter keinen Umständen angetastet werden darf. Denn sie ist überaus kostbar und leider sehr zerbrechlich. ---Zitatende--- Hier hat Herr Sick völlig recht, dieser Satz ist mir auch schon vor langer Zeit als falsch aufgefallen. Richtig müsste es heißen: *Die Würde des Menschen sei unantastbar!*
sponer2 12.12.2008
4. Sinnesfreuden
Warum glaubt Herr Sick eigentlich immer noch, dass "Sinn machen" ein Anglizismus ist? http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/10/01/sinnesfreuden-i/
toskana2 12.12.2008
5. Mit der Türkei im Herzen erfolgreich in Deutschland
Zitat von sysop"Besser sprechen per Gesetz?" fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Doch statt einer harten Kontroverse im Deutsch-Streit sah Bastian Sick nur röhrende Hirsche - und Verona Pooth, die einen super Vorschlag für eine Grundgesetzänderung machte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,595976,00.html
Was mir auffiel: die zwei türkischen Teilnehmer, Herr Özdemir etwas distinguierter, verteidigten defensiv während der ganzen Sendung die Interessen der türkischen Mindeheit. Daraus schliesse ich persönlich, es reicht nicht aus, wenn türkische Mitbürger ein gutes Deutsch sprechen. Sie müssen auch das Land lieben, wo sie so erfolgreich geworden sind. Nach dieser Sendung bezweifle ich das!
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