Europa Zeichen der kommenden Apokalypse

Europa stirbt. Oder besser gesagt, es begeht vor unseren Augen Selbstmord. Der Suizid wird jedoch nicht nur durch fehlgeschlagene Politik vorangetrieben. Wir sind alle Komplizen.

Europe is lost
DPA

Europe is lost

Ein Gastbeitrag aus der Themenwoche "Europa" Srecko Horvat


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Flüchtlinge, die in Belgrad vergessen werden, die aus Calais und Idomeni weggeschickt werden. Millionen von Menschen, die vor dem Krieg fliehen und Europa erreichen. Mauern werden von Frankreich bis Ungarn hochgezogen, Grenzen gefestigt und Schengen ausgesetzt. Terrorangriffe von London bis Istanbul, von Paris bis Berlin, von Nizza bis München. Wer irgendeine europäische Stadt dieses Jahr bereist hat, konnte Polizisten und Soldaten sehen, die an Flughäfen, Einkaufszentren oder Bahnhöfen patrouillieren. Europa rutscht in einen dauerhaften "Ausnahmezustand", wie von Carl Schmitt definiert, angeblich, um die sogenannten europäischen Werte zu verteidigen. Doch es sind diese "europäischen Werte", die ausgesetzt werden.

Zur Person
  • Oliver Abraham
    Srecko Horvat, 34, wurde in Osijek im ehemaligen Jugoslawien geboren. Der kroatische Philosoph ist bekannt für den Interviewband "Nach dem Ende der Geschichte". Von 2008 bis 2013 organisierte er das Subversive Festival. Er hat keine feste Adresse, reist durch Europa und ist einer der Gründer von DiEM25, dem Democracy in Europe Movement 2025.

Die Schilder der Einbahnstraße waren offensichtlich für alle, die diesen Sommer in Hamburg waren. Selbst heute, wenn nur kurz ein Helikopter vorbeifliegt, fühle ich mich in den G20-Albtraum zurückversetzt, als vier Tage lang Helikopter und Polizeisirenen den Soundtrack eines gescheiterten Systems bildeten, das beweisen will, dass es noch lebt.

Auf der einen Seite sind die extrem uneinigen G20, auf der anderen gibt es Proteste und Gewalt. Während die gesamte Stadt blockiert und leer war, während die Demonstranten und Polizisten in einem postapokalyptischen St. Pauli aufeinandertrafen, hörten die Mächtigen der Welt Beethovens "Ode an die Freude" in der Elbphilharmonie.

Und so wird wahrscheinlich das Ende der EU aussehen. Es kommt nicht mit einem großen Knall, es wird ein unbestimmter "Ausnahmezustand", Armut und Niedergang, begleitet von "Alle Menschen werden Brüder…".

Waren doch alle Zeichen der kommenden Apokalypse zu sehen?

Die Frage ist nicht, wie die Zukunft Europas aussehen wird, sie ist weit traumatischer. Was ist, wenn die Zukunft schon hier ist? Was ist, wenn uns Trumps "evangelischer Fundamentalismus" direkt in die dystopische Autokratie von Margaret Atwoods "Der Report der Magd" führt? Was ist, wenn Europas Krise uns in eine Welt wie bei Alfonso Cuaróns "Children of Men" bringt, wo der "Ausnahmezustand" normal ist, mit Flüchtlingen in Käfigen in unseren Stadtzentren und Terrorattacken und Explosionen jeden Tag?

Jeder Mensch heutzutage ist sich eines gewissen apokalyptischen Zeitgeistes bewusst. Dieser Zeitgeist zeigte sich am deutlichsten durch die SPIEGEL-Cover von November 2016 bis April 2017.

Im November 2016 veröffentlichte der SPIEGEL eines seiner ersten Cover mit Donald Trump - dargestellt als Meteor, der auf die Erde zurast, mit einer Anspielung auf den berühmten R.E.M Song "It's the End of the World as We Know It (And I Feel Fine)" darunter. Gleich nach Trumps Amtseinführung folgte ein neues Cover mit Trump, wie er in der einen Hand ein blutiges Messer schwingt und in der anderen den abgeschnittenen Kopf der Freiheitsstatue hält, der Titel: "America First". Inmitten wachsender Spannungen zwischen den USA und Nordkorea veröffentlichte der SPIEGEL im April 2017 ein Titelbild mit einer Atombombe, auf der Donald Trump und Kim Jong Un als Babys sitzen.

Vielleicht werden diese Titelbilder einst von einem Historiker aus der Zukunft gefunden, der davon erstaunt sein wird, dass doch alle Zeichen der kommenden Apokalypse zu sehen waren. Was ist jedoch, wenn die Katastrophe nicht kommt, weil sie schon da ist? Wenn es nicht in unserer Komfortzone passiert, heißt das nicht, dass es nicht auf den Straßen Hamburgs oder in den Flüchtlingscamps von Idomeni oder Calais bereits geschehen ist.

Deutschland hat die größte Verantwortung für die Zukunft Europas

Vielleicht werden eines Tages in der fernen Zukunft dies die Stolpersteine sein, die darin erinnern, wie leicht Europa, mal wieder, Suizid begangen hat. Vor unseren Augen sind autokratische Regime aufgestiegen, von Kaczynskis Polen über Orbáns Ungarn, wir haben tatenlos einem Exodus von mehr als einer Million Flüchtlingen aus Syrien zugesehen, während es die Reaktion Europas war, Grenzen dicht zu machen und die Flüchtlinge in die Türkei zurückzuschicken.

Vor unseren Augen hat die EU, repräsentiert durch Schäuble und Juncker, die Länder der Peripherie Europas - von Spanien bis Griechenland, von Portugal bis Kroatien, durch mehr Verschuldung und Sparmaßnahmen an den Rand der Armut getrieben. Gescheiterte Wirtschafts- und Außenpolitik haben Europa in eine "Asiatische Halbinsel" verwandelt, selbst wenn Angela Merkel das nicht zugeben wollte.

Als Erstes verordneten sie Griechenland Sparmaßnahmen, dann sah sich Griechenland genötigt, Piräus, einen von Europas strategischen Häfen, an China zu verkaufen. Währenddessen hat China, als Teil seiner "Neuen Seidenstraße", bereits Anfang 2017 eine direkte Zugverbindung mit London aufgebaut und enorme Investitionen in ganz Europa getätigt, von Ungarn bis Serbien und Griechenland. Mit Putin auf der einen Seite und Erdogan auf der anderen hat Europa verzweifelt einen Ausweg gesucht, aber es ist zusammengebrochen.

Gerade Deutschland, als Kern des europäischen Projekts, hat die größte Verantwortung für die Zukunft Europas. Wenn ein Land wie Deutschland seine niedrigste Investitionsrate zu einer Zeit verkündet, in der Investoren ihre Regierung dafür bezahlen, Kredite aufzunehmen, und die Überschüsse den höchsten Stand in der Geschichte des Landes erreichen, dann müssen wir die Frage stellen, wessen Deutschland das ist. Wenn Deutschlands Elite darauf besteht, die Überschüsse durch weitere Lohnunterdrückung der deutschen Arbeiterklasse zu erhalten, als Mittel die italienische und französische Arbeiterklasse zu schwächen und so Frankreichs und Italiens Regierungen eine Entschuldigung gibt, ihre eigenen Arbeiter auszubeuten, dann müssen wir die Frage stellen, wessen Europa das ist.

Das große Karthago führte drei Kriege

Die neuesten Entwicklungen in Deutschland, den Dieselskandal inbegriffen, welcher die wirkliche Macht hinter der Regierung enthüllte, zeigen, dass das begehrte deutsche Modell ernsthaft in Bedrohung ist und dass die Entwicklung im Rest der Eurozone zu einer Zersetzung der sozialen Marktwirtschaft deutscher Tradition führt.

Das ist einer der Gründe dafür, warum die Wahl in Deutschland nicht nur eine deutsche Wahl ist, sondern eine Wahl über Europas Zukunft. Und jede deutsche Partei, die nicht dazu bereit ist, Umweltbewusstsein mit einem Plan zur Lösung der Eurokrise und der Krise von Europas Volkswirtschaften zu verbinden, geknüpft an eine Abkehr von der Sparpolitik, hin zu Finanzmarktregulierung und Genesung durch nachhaltige Investitionen, wird den Fall in den Abgrund nicht verhindern können.

Wie der große deutsche Dichter Bertolt Brecht nach dem Zweiten Weltkrieg sagte: "Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden."

Übersetzung aus dem Englischen: Tobias Hausdorf



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