Stadt-Design auf St. Pauli Guter Rat für die Reeperbahn

In Hamburg-St. Pauli beraten Design-Studenten die Stadtteilbewohner bei Gestaltungsfragen: Sie bauen nicht nur Notmöbel, sondern gestalten auch Kneipendecken und begrünen Hinterhöfe.

Charlotte Dieckmann

Im Hamburger Stadtteil St. Pauli gibt es so ziemlich alles. Aber dass es am Hein-Köllisch-Platz eine Designberatung geben soll, noch dazu im Kölibri, einem Zentrum für Gemeinwesenarbeit mit Sozial- und Mieterberatung, mit Sprachkursen, Familientreff und Jugendclub, da staunt selbst der Kiezkenner. Gibt es aber, im Fenster vom Kölibri hängt es aus: "Öffentliche Gestaltungsberatung - Jetzt".

Das Angebot kommt von Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK), zusammen mit 17 Studenten. Jeden Mittwoch seit November vergangenen Jahres sind sie von 17 bis 18 Uhr zur Sprechstunde im Kölibri, beraten kostenlos St. Pauli-Bewohner. Im Projektblatt ist zu lesen: Man biete Unterstützung "bei der Erforschung und Lösung von Alltagsproblemen der BewohnerInnen dieses Stadtteils" an. Es geht also um zu voll gestellte Wohnungen und unattraktive Hinterhöfe, um Kneipeneinrichtungen und Hausgemeinschaftsflächen.

Da war zum Beispiel die alte Seemannskneipe Sailor's Inn aus der Bernhard-Nocht-Straße, die in ein neues Gebäude ziehen musste. Am neuen Standort lief es nicht: zu viele Bauarbeiten und Gerüste, im Innenraum keine Atmosphäre. An Wänden und Decken durfte nichts geändert werden; Geld gab es nicht, die Betreiber standen kurz vor der Pleite. Was blieb: Licht dimmen, Vorhänge vor die Schaufenster, Schilder als Wegweiser anbringen, mehr Zeug aus dem alten Lokal herholen. Oder bis zum Rückzug schließen.

Dem Sailor's Inn wäre fast die abgehängte helle Bürodecke auf den Kopf gefallen. Die nahmen sich die Studenten mit der Idee vor, in die Felder der Deckenraster einfache Schwarzweißkopien zu montieren. Simpel und schnell wurde mit Tesafilm die Decke mit einem kopierten Foto vom Abbruch der alten Kneipe beklebt, was das Licht und die Stimmung veränderte. Alles zusammen kostete 180 Euro, die Kopien wurden während des laufenden Barbetriebs montiert und im Sailor's Inn diskutierten die Gäste über St. Pauli, Mietverhältnisse, Investoren und Stadtpolitik.

Wie wird es wohl im Niebuhr-Hochhaus mit 150 Mietwohnungen auf der Reeperbahn ausgehen? Die Bewohner kamen, weil sie nach Mieterhöhungen, Asbest-Freisetzung und Wohnungsverkäufen im Haus mehr Gemeinschaft wollten und einen Raum für Zusammenkünfte brauchten. "So was gibt es generell auch in anderen Hochhäusern nicht", sagt ein Student. Man suchte gemeinsam legale und illegale Möglichkeiten, bis man merkte, nicht die Raumfrage ist wichtig, sondern das Treffen. Und das gab es dann auf einem Flur. Hocker wurden gebaut, eine "Türbar" und Stehtische, die zwischen Decke und Boden klemmen, weil wegen des Asbest-Problems nicht gebohrt werden darf. Inzwischen gab es andere Treffen, die Bewohner agieren selbst. "Mit einer solchen Aufgabenstellung hätte ich mich nie beschäftigt", sagt ein Student, er habe gelernt, dass "Designprozesse nahe an der Gesellschaft" seien.

Design sei mehr als den tausendsten neuen Stuhl zu entwickeln, sagt Fezer. Seine Studenten sollen das Anliegen der Ratsuchenden erkennen, analysieren, Fragen stellen und mit den Leuten zusammen an einer Lösung arbeiten. Kann Design die Stadt verbessern? Das sollen die Studenten herausfinden.

Bisher gilt Design eher als Differenzierungsmerkmal im Städtewettbewerb oder als individuelle Statusbestimmung. "Aber heute", so Fezer, sei "jeder Nutznießer oder Opfer von Design", weil "von der Politikerfrisur bis zur Kaufhausmusik und zu sozialen Beziehungen alles irgendwie designt ist". Und wenn das so ist, dann kann man etwas verändern, zum Beispiel mit "Eingriffen in städtische Prozesse", oder wenn man Bewohner "zu Initiativen und Handlung anregt".

Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli. Hamburg, Hein-Köllisch-Platz 12, im Kölibri. www.design.hfbk-hamburg.de.



insgesamt 2 Beiträge
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sexobjekt 03.07.2012
1. St.Pauli?
Zitat von sysopCharlotte DieckmannIn Hamburg-St. Pauli beraten Design-Studenten die Stadtteilbewohner bei Gestaltungsfragen: Sie bauen nicht nur Notmöbel, sondern gestalten auch Kneipendecken und begrünen Hinterhöfe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,842131,00.html
warum werden bei solchen "Aktionen" die immer gleichen Stadtteile wie St.Pauli, Schanze, Ottensen bevorzugt? Langweilig! Warum nicht Osdorf? Steilshoop? Jenfeld? Mümmelsmannsberg? Die Bewohner dort hätten es am meisten "verdient" ihre Stadteile aufzuwerten! Aber offensichtlich hat das elitäre, linke Künstlermilieu nichts mit dem waren Prekariat am Hut.
olle kalle 03.07.2012
2. Pseudo-linkes Milieu
Wären diese Kunstfuzzis links gebildet, wüssten sie, dass ihre Aktionen nur der Verdrängung und Preissteigerung in den Szenestadtteilen Vorschub bietet. Deshalb sind sie ja nur in den ganz hippen Stadtteilen unterwegs, da ist es total cool und macht sich bestimmt auch ganz toll auf dem Bachelor-Zeugnis.
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