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Staatschefs oben ohne: Ausgezogen, um zu siegen

Von Daniel Haas

Der postheroische Polit-Softie ist out: Der Staatsmann von Welt lässt die Muskeln spielen. Damit diese gut sichtbar sind, zieht er sich aus. Waschbrett statt Wampe heißt die Devise - nicht nur bei Wladimir Putin.

Das Kino hat's mal wieder vorgemacht. Als Daniel Craig in "Casino Royale" aus den Fluten stieg, war klar, dass der Agent alten Typus' ausgespielt hat. Dieser neue Bond war nicht mehr elegant und diplomatisch, sondern schlagkräftig. Bonmots waren von diesem Geheimdienstproll nicht zu erwarten, dafür gab's die solide Einsicht, dass, wer politisch die Muskeln spielen lassen will, auch über solche verfügen sollte.


Der Ex-Agent Wladimir Putin überrascht jetzt mit Oben-ohne-Fotos, beim Fischen am Jenissej-Fluss warf er sich wie Bond in die Brust und angelte damit die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Der russische Präsident ist nicht der erste, der sich auszog, um politisch anziehender zu wirken: Auch Berlusconi und Sarkozy stellten ihr Dekolleté zur Schau und demonstrierten damit Sportsgeist, Gesundheit und Tatendrang.

Die Ikonografie passt zum politischen Klima: Der Softie hat ausgespielt, zumal Krisenherde wie der Irak und Afghanistan den ganzen Mann fordern. Der zeigt sich, wie in Putins Fall, als Outdoor-Kämpfer, dessen Pose signalisiert: Ich kann jederzeit vom Feldherrenhügel herunterklettern und selbst mitkämpfen. Wie Putin in Tschetschenien waren - beziehungsweise sind - auch Berlusconi und Sarkozy Feldherren. Sowohl Italien als auch Frankreich kämpfen in Afghanistan, wo sich die geopolitischen und ideologischen Machtfragen zu handfesten Kriegen ausgeweitet haben.

Reflektiert? Trainiert!

Vorbei also die Zeiten, als ein Top-Politiker wie Matthias Platzeck aufgrund von Burnout kürzer treten konnte: Der Staatsmann neueren Zuschnitts ist nicht nur reflektiert, sondern vor allem trainiert. Da können Historiker lange von der posthistorischen Ära reden, in der Wehrpflicht und Soldatenehre als Auslaufmodelle gelten - mit Putin und Sarkozy kehrt Testosteron als Treibstoff zurück in die politische Maschinerie.

Vorbei ist auch die Epoche der Saumagen-Mampfer und Sport-Verweigerer: Ein Typ wie Helmut Kohl wäre in unseren heutigen, von Fitness, Rucola und Yoga bestimmten Zeiten ästhetisch und PR-stragegisch gar nicht mehr vermittelbar. Und kein Politiker könnte es sich heute noch leisten, "No sports!" zu rufen – es sei denn, er hätte ein autoaggressives Verhältnis zu Umfragewerten.

Die deutsche Regierungschefin kann es ihren Kollegen nicht gleichtun. Im Gegenteil: Mächtige Frauen tendieren dazu, geschlechtsneutral, das heißt auch körperlos zu werden. Feminität gilt im Politgeschäft nach wie vor als Zeichen von Schwäche, sie wird mit nüchternen Outfits und großer Sachlichkeit kompensiert. Angela Merkel braucht keine Arbeitsphysis; sie brilliert als diplomatische Software, nicht als Hardware mit Lizenz zum Töten.

Überhaupt ist die deutsche Geschichte für Bilder wie den Angler-Macho Putin oder den mit Piratentuch getunten Berlusconi noch nicht reif: Die bundespolitischen Körper waren nach 1945 erst einmal versehrt (man denke an Kurt Schumachers schwere Verletzungen); dann vom deutschen Patriotismus, auch kulinarisch, beschwert (Kohl); schließlich vom dolce far niente geschwächt (die Zigarren paffende, Brioni tragende, schlemmende Toskana-Fraktion).

Männer. Schau an.

Amerika hat da eine ganz andere Tradition: Vom Segler John F. Kennedy bis zum Cowboy George W. Bush spannt sich eine lange Bildtradition des männlichen Mannes. Bush ist so gesehen der Angezogene unter den gerade medial kursierenden Nackten: Seine Monturen – mal Stetson, mal Bomberpilotenjacke – legen seine wahre Statur als Kämpfer frei.

Mit Putin und Co. kehrt jedoch nicht nur der Arbeitskörper in die Weltpolitik zurück, sondern auch der Leib als Schauobjekt. Als Craig alias Bond in "Casino Royale" aus den Fluten stieg, trat nicht nur der muskuläre Tatmensch in Erscheinung, sondern auch der Mann als Objekt des Blicks. Was lange im Kino nur für Frauen galt – einfach da sein, um angeschaut zu werden – wurde nun auch für den männlichen Helden entscheidend. Putin-Bilder sind in dieser Perspektive politische Pin-ups, Starschnitte einer auf Dominanz und Konsequenz abzielenden Viriltät.

Der erste Schaukörper dieser Art gehörte übrigens Arnold Schwarzenegger; am Anblick seiner Conan-Muskeln berauschten sich in den achtziger Jahren erstmals Männer und Frauen gleichermaßen. Heute ist er Gouverneur von Kalifornien. Was man im Kino nicht alles voraussehen kann.

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