New York/Hamburg - Die Aufnahme ist ebenso schockierend wie faszinierend: Zwei Männer liegen am Boden, als hielten sie ein Nickerchen, fast sieht es so aus, als räkelten sie sich. Doch sie sind tot. Aufgefunden am Boden eines Aufzugschachts eines zwölfstöckigen Hauses in Manhattan.
Am nächsten Tag wird die "New York Tribune" berichten, wie ein schwarzer Fahrstuhlführer und ein weißer Ingenieur bei dem Versuch, wertvolle Seide aus dem Gebäude zu stehlen, in den Tod gestürzt sind. Der Artikel erschien im November 1915, damals ohne das Foto vom Tatort. Wer es sehen wollte, musste sich persönlich in die Räume des New Yorker Stadtarchivs begeben. Bis jetzt. Denn es ist eines von Hunderttausenden Bildern aus mehr als 150 Jahren Stadtgeschichte, die die Behörden von diesem Dienstag an im Internet zur Verfügung stellen - neben anderen Dokumenten wie Stadtplänen oder Film- und Tonaufnahmen.
Dass diese außergewöhnlichen Zeitzeugnisse nun weltweit problemlos zugänglich sind, ist Ergebnis eines außergewöhnlichen Projekts des New Yorker Stadtarchivs: Rund 870.000 Dokumente hat die Behörde in den vergangenen vier Jahren aufwendig digitalisiert und katalogisiert - und stellt sie nun online kostenlos zur Verfügung. Es ist eine Auswahl aus den mehr als 2,2 Millionen Stücken der Sammlung des Archivs, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen.
Den Großteil machen die Fotografien aus. Die meisten stammen nicht von bekannten Künstlern, sondern von städtischen Angestellten. Dennoch sind zahlreiche Fotografien von außerordentlicher Qualität. Sie zeigen Häuser und Brücken, das Leben auf den Straßen der Stadt, Kriminalfälle, Szenen aus der Arbeitswelt. Unter anderem gehören dazu die mehr als 800.000 Aufnahmen, die die Stadt Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von jedem Gebäude anfertigen ließ - ebenso wie zahlreiche Fotos der New Yorker Polizei, die als Beweismittel der Strafjustiz dienten.
Viele Aufnahmen stammen von städtischen Angestellten
So lassen sich nun nicht nur Tatortfotos wie das der beiden Männer im Aufzugschacht begutachten, sondern auch jene Aufnahmen, die die New Yorker Polizei am 18. April 1936 vom berüchtigten Mafia-Mobster Lucky Luciano machte, der als "Cosa Nostra"-Boss das Geschäft mit der Prostitution in der Stadt beherrschte. Oder die Fotografie jener Leiche in einem mit Sackleinen bedeckten Fass, die Kinder im Jahr 1918 beim Spielen auf einer Wiese fanden.
Ein Highlight der Sammlung sind die Bilder von Eugene de Salignac, der von 1906 bis 1934 offizieller Fotograf der städtischen Baubehörde war. Von ihm stammt auch die ikonenhafte Aufnahme aus dem Oktober 1914, die mehr als ein halbes Dutzend Arbeiter in den Seilen der Brooklyn Bridge zeigt. "Auch viele andere Fotografen, die für die Stadt arbeiteten, hatten eine Menge Talent. Aber sie haben weder in einem solch großen Umfang produziert, noch derart individuelle Arbeiten geschaffen", sagt Michael Lorenzini, Kurator der Fotografien beim Stadtarchiv New York.
Die Digitalisierung der Fotos und der kostenlose Zugang ist übrigens auch von ganz konkretem Nutzen für viele New Yorker. Etwa für Eigentümer, die ihre Häuser im historischen Originalstil restaurieren lassen wollen, oder für Filmausstatter, die das New York früherer Jahrzehnte nachbilden wollen. Und auch Hobbyhistoriker werden sich über die neue Recherchemöglichkeit freuen. Doch eigentlich braucht niemand einen konkreten Anlass, um in dem Online-Archiv zu stöbern: 150 Jahre aus dem Leben einer Weltmetropole im Bild sehen zu können, ist Grund genug.
fdi/AP
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