Stadtbau in China Größenwahn am Grab von Dschingis Khan

Vision oder Wahnwitz? Ein reicher chinesischer Unternehmer will mit einer halben Milliarde Euro die mongolische Steppe erobern. Mitten in die Einöde klotzt er ein gigantisches Kunstmuseum - dem bald eine elitäre Retortenstadt folgen soll.

Von , Peking


Der deutsche Künstler Günther Uecker hat mit Kreisen und Punkten bemalte Stoffbahnen aufgehängt. Sie heißen "Ich will einen Hund essen" oder "Im Kreis gehen". Von Jörg Immendorff steht eine rote Skulptur in Form einer Koralle da. An der Wand prangt ein nacktes Mädchen, gemalt vom Chinesen Wang Ying, gegenüber hängt ein grellrotes Blütenfeld, 24 Meter breit. Es kann wohl keinen verrückteren Ort für ein Museum moderner Kunst geben als diesen hier im Bezirk Ordos.

Die Werke Ueckers, Immendorfs und bekannter chinesischer Gegenwartskünstler waren bis vor kurzem in einem kühn geschwungenen Gebäude aus grauen Ziegeln ausgestellt, das mitten in der Steppe der Inneren Mongolei steht. Die nächste Siedlung liegt rund 30 Kilometer entfernt.

"Vor zehn Jahren begann ich, mich für Kunst zu interessieren", sagt der mongolische Unternehmer Cai Jiang, 41, der seine gesammelten Schätze hier in seiner Heimat zeigt. Eintritt verlangt er nicht, er kann froh sein, wenn überhaupt jemand kommt. Trotzdem hat er große Pläne: "Das Museum ist erst der Anfang."

Neben seiner Atelierwohnung in Ordos hat Cai auch ein Büro im Pekinger Geschäftsbezirk. Dort, im 19. Stock, empfängt er an diesem Nachmittag.

Er trägt einen Dreitagebart, schwarzes Jackett über weißem Hemd mit offenem Kragen. Auf dem kleinen Schreibtisch liegt eine angeschmauchte Zigarre. Zwei Sekretärinnen in Jeans, schwarzen Jacken und Pumps protokollieren jedes Wort des Chefs. Ein komplettes "Kunst-Industrieviertel" mit Studios, Ateliers, Kinos, Konzertsälen, Geschäften, Hotels und Restaurants soll in Ordos entstehen - eine Retortenstadt auf 197 Hektar für 20.000 Einwohner. 4,5 Milliarden Yuan (umgerechnet rund 515 Millionen Euro) stellt Cai dafür bereit.

Vor vier Jahren hat er die Einöde, in der einst mongolische Reiter über Grasland und Sanddünen galoppierten, vom Staat erworben. Dschingis Khan soll irgendwo in dieser Gegend gestorben sein. Deshalb haben ihm die chinesischen Mongolen unweit des Museums ein großes Mausoleum in Form von drei Jurten errichtet. Drinnen verneigt sich ein Hochzeitspaar in mongolischer Tracht vor einem Bild des Eroberers. Draußen erweisen Besucher seinem "heiligen Pferd" und dem Baum des "Himmels und der Geister" die Ehre.

Das Herzstück der geplanten Kulturstadt "Ordos 100" sollen einmal 100 ausgefallene Villen bilden, entworfen von jungen Architekten aus 29 Ländern, darunter auch Deutsche und Schweizer.

Auf die Idee kam ein Freund Cais, der Pekinger Ai Weiwei, einer der politisch widerspenstigen Künstler Chinas. Der bat das Schweizer Architektenbüro Herzog und de Meuron, hundert aufstrebende Baumeister zu benennen, und Cai zückte sein Scheckbuch. Nun stehen die Entwürfe im Untergeschoss der Kunsthalle - eine Sammlung von Pyramiden, Klötzen, Rundbauten, Kugeln und Türmen, ein "laut brüllender Architekturzoo", so nennt es ein Teilnehmer.

Wer soll dem Ruf in die Steppe folgen?

Draußen sind Arbeiter an den ersten zwei Villen und an einem Restaurant beschäftigt. Chinesische Architekten beugen sich über Baupläne. Ein riesiger Funkmast, getarnt als Baum, verbindet die Siedlung mit der Außenwelt. Cai hat jedem der angereisten Architekten 25.000 Dollar bezahlt und dafür alle Rechte erworben: "Die Villen sollten sowohl fürs Arbeiten als auch als Wohnungen genutzt werden können. Ich will sie für jeweils eine Million verkaufen", sagt Cai, der zuweilen mit einer gelben Harley-Davidson durch die Steppe braust.

Ist da ein Größenwahnsinniger am Werk oder ein Visionär?

Cai, Multimillionär schon in jungen Jahren, gehört zu jenen Unternehmern, deren Karriere seit gut 20 Jahren eng mit Chinas abenteuerlicher Reise in den Kapitalismus verknüpft ist. Doch so gern er über Ordos und die moderne Kunst spricht, so sparsam gibt er Auskunft über seine aktuellen Geschäfte. Die Assistentinnen teilen keine Firmenbroschüren aus, keine Pressemitteilungen, keine Geschäftsberichte.

Wer sollte Cais Ruf in die Steppe folgen, für eine Million Dollar eine Modellvilla kaufen und Firmen hier ansiedeln? Wer sollte um alles in der Welt hier leben wollen, bei 40 Grad minus im Winter und sengender Hitze im Sommer?

Cai hat keine Zweifel. Die "Hilton"-Kette wolle in seiner Stadt ein Hotel bauen, sagt er. "Die Wirtschaft boomt in Ordos, das wird das chinesische Ruhrgebiet." Unter dem Sand der Steppe liegen gewaltige Rohstoffvorkommen. Ingenieure haben hier ein Sechstel der Kohlevorräte und ein Drittel der Gasreserven ganz Chinas gefunden.

Deshalb bekommt Cai Rückhalt von den lokalen KP-Funktionären, die wagemutige Projekte ohnehin lieben. Gerade haben sie selbst den völlig neuen Stadtbezirk "Kangbashi" gebaut, weil ihnen ihre Kreisstadt Dongsheng zu eng geworden war. Dafür zogen sie sechsspurige Straßen, schufen Regierungsgebäude, Ausstellungshallen, eine Universität, eine Bibliothek und einen Konzertsaal, der dem Pekinger Vogelnest-Stadion ähnelt. Wuchtige Denkmäler auf dem zentralen Platz erinnern an die Zeit Dschingis Khans. 200.000 Menschen sollen hier einmal leben - noch ist der Bezirk eine Geisterstadt.

Die Parteisekretärin Shi Yanjin spricht enthusiastisch über die Öffnungs- und Reformpolitik, über Modellstädte, über die "harmonische Entwicklung Chinas" - und sagt Sätze wie: "Die Partei und Regierung unterstützen die Bedürfnisse des Volkes." Dazu gehört das Projekt des Unternehmers Cai, der Kultur in die Steppe bringen will.

Und wenn das Geld knapp wird, die hochfliegenden Pläne in der globalen Krise untergehen? "Das ist unmöglich", sagt Genossin Shi. "Das kann hier nicht passieren."



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