Warum die Stadtplaner dem Gebiet "Anzeichen eines problematischen Stadtquartiers" attestieren, verschweigen sie nicht: "Insgesamt liegt im Stadtteil eine verminderte Kaufkraft vor." Oder anders gesagt: Es kann noch so viel auf der Straße los sein - wenn die Passanten keine Umsatzbringer sind, liegt eine Störung vor.
Die Problemviertel-Rhetorik ist seit Jahren die Begleitmusik für die Erschaffung von innerstädtischen Shopping-Welten - eine der zentralen Angriffspunkte des Immobilienmarktes. Seit 1990 haben sich die Verkaufsflächen in den Stadtzentren nahezu verdoppelt. Große Konsortien errichten überall in der Republik riesige Shopping-Galerien und Einkaufs-Arkaden. Wettergeschützt und vom Bodenbelag bis zur Hintergrundmusik vollständig durchgestaltet, konkurrieren sie als überdachte Oasen mit einem Stadtraum, den die öffentliche Hand nicht mehr zu gestalten bereit oder in der Lage ist. Während die Shopping-Center von der grünen Wiese in die Innenstädte wandern, verfallen öffentliche Plätze und Fußgängerzonen - zumal an den Rändern der Städte. Weil sie mit den Malls nicht konkurrieren können, suchen Grundeigentümer und Einzelhändler ihr Heil in der Verwandlung ihrer Einkaufsstraßen in "Business Improvement Districts" (BID).
"Malls without walls" nennt man die BIDs im anglosächsischen Raum zu Recht, denn sie übertragen das Mall-Modell auf die Straße. Einkaufsstraßen bekommen ein zentrales Management, private Security-Dienste und Putzkolonnen sorgen für Sicherheit und Sauberkeit, eine einheitliche Straßenmöblierung schafft "Aufenthaltsqualität" und der "Branchenmix" folgt einem "Leitbild", sprich: Billiganbieter und Resterampen sollen verschwinden. Draußen sollen damit auch alle die bleiben, die zum Shopping-Geschehen nichts beizutragen haben: Obdachlose, Bettler, Skateboardfahrer, Punks oder einfach Jugendliche, die in der Fußgängerzone abhängen.
Die Nischen gehören zur Kultur des Urbanen
Auch unsere kubanische Bekannte Inés dürfte nicht zur Zielgruppe eines Business Improvement Districts gehören. Zwar verhielt sie sich während ihres gesamten Hamburg-Aufenthaltes durch und durch geschäftssinnig. Aber ihre Vorliebe galt eben Billigtextilien und Made-in-China-Modeschmuck - also den Insignien der kaufkraftmäßigen Deklassierung einer städtischen Einkaufszone.
Als sie uns nach drei Monaten verließ, trug sie sieben Röcke und fünf Sweatshirts übereinander und zog zwei prall gefüllte Koffer hinter sich her, deren Inhalt sie samt und sonders aus den Resterampen und 1-Euro-Shops der Großen Bergstraße bezogen hatte. Auf dem Weg zum Flughafen fühlte sie sich wie eine Königin. Sie hatte es geschafft. Das vom Onkel geliehene Geld war knapp zusammengekommen. Und mit dem Verkauf der Discount-Ware würde sie auf Kuba einen guten Schnitt machen. Genug, um ihrer Familie einen Farbfernseher zu finanzieren.
Ihr Hamburg bestand nicht aus den sauber gefegten Caffè-Latte-Oasen mit Alster- oder Elbblick, sondern aus den informellen Zwischenzonen, in denen sich auch Stadtbewohner ohne sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz durchschlagen können. Diese Nischen gehören seit jeher zur städtischen Realität - in gewisser Weise begründen sie sogar die Kultur des Urbanen: dass Menschen jedweder Herkunft und Anschauung in die Stadt eintauchen und in ihr untertauchen können, dass sie als "Fremde" Teil der Stadt werden, dass die Stadt ihre Unterschiedlichkeit produktiv macht. Von Georg Simmel, der 1903 die moderne Stadtsoziologie begründet, bis zu dem französischen Philosophen Henri Lefèbvre, der 1968 den Begriff "Recht auf Stadt" prägt: Alle beziehen sich auf diese verdichtete Unterschiedlichkeit als Wesensmerkmal des Städtischen.
Gentrifizierung als Generallinie
Die Megacitys des globalen Südens mit ihren Gated Communities für die oberen Schichten und den informellen Barrios, Favelas, Townships, Slums und Shantytowns, in denen die arme Mehrheit lebt, die US-Großstädte mit ihren weißen Mittelschichts-Vorstädten und ethnisch ghettoisierten Innenstadtgebieten: Solche Formen der sozialen Segregation gelten im wohlfahrtsstaatlichen Europa als undenkbar.
Dennoch ist es heute längst ein Gemeinplatz, dass sich in den Großsiedlungen an den Stadträndern "räumlich eingegrenzte Milieus" von "Armen, Ausländern und Arbeitslosen" gebildet haben, wie es z.B. in einem Hamburger Senatspapier heißt. Die Meldungen, Reportagen und Dossiers über das "abgehängte Prekariat" und die Tragödien verwahrloster Kinder häufen sich. Doch so deutlich auch der Rückzug des Wohlfahrtsstaats und die räumliche Marginalisierung als zentrale Aspekte der sozialen Katastrophen erkannt sind, so wenig ist man bereit, die fälligen Konsequenzen zu ziehen. Nicht Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Wohnverhältnisse der Prekarisierten sind angezeigt, sondern Maßnahmen zur Gentrifizierung ihrer Viertel. Statt die Teile der Stadt wieder zugänglicher zu machen, in denen es sich gut leben lässt - durch sozialen Wohnungsbau und Mietbegrenzungsmaßnahmen-, arbeitet man daran, die "schlechten" Stadtteile aufzuwerten. Die Diagnose lautet, dass die Gebiete, in denen sich die Armen, die Bildungsfernen und Prekarisierten ballen, nicht marktfähig genug sind.
So wird Gentrifizierung zur Generallinie: als Erfolgsstory, die man überall dort zu implementieren versucht, wo sich soziale Problemzonen gebildet haben. Nicht die Armut, die Armen sind in dieser Logik das Problem. Denn so unschuldig die Forderung nach "Aufwertung" und "Belebung" auch daherkommen mag - de facto ist sie das Bekenntnis der öffentlichen Hand, die Initiative dem Immobilienmarkt zu überlassen. Und dessen Gesetzen folgend sind Investitionen nur erfolgversprechend, wenn sich die Insignien sozialer Randständigkeit zurückdrängen lassen. Die Eckkneipen mit den vergilbten Gardinen, die Callshops und die Dönerbuden, die Spielhallen und Asia-Elektronikhöker, die Billigflohmärkte und Billardhallen: Das prekäre Habitat muss verschwinden. Und mit ihm das Milieu, das es besiedelt. Zonen wie die Große Bergstraße in Hamburg-Altona müssen sich häuten, ihre informellen Bereiche abstreifen, um als möglichst lückenlos renditebringendes Portfolio wiederauferstehen zu können.
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