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Stadtentwicklung: Lob der Ramschmeile

Stadtteile, die von Billig-Shops, Kopftuchträgerinnen und Eckkneipen geprägt sind, gelten als "Problemviertel". Christoph Twickel hält in seinem Buch "Gentrifidingsbums" dagegen: Zur Kultur der Stadt gehören auch die günstigen, informellen Ecken.

Stadtentwicklung: Resterampen versus Latte-Macchiato Fotos
DDP

Eines Tages stand Inés aus Santiago de Cuba vor der Tür unserer Zweier-WG. Mein Mitbewohner hatte sie bei einer seiner zahlreichen Radtouren über die Karibikinsel kennengelernt. Inés, 32 Jahre alt, konnte ein wenig Deutsch, weil sie in den Achtzigern im Rahmen der sozialistischen Völkerfreundschaft in der Kleinstadt Schmalkalden in Thüringen gearbeitet hatte. An diese goldene Zeit fühlte sie sich erinnert, als sie auf Kuba meinen Mitbewohner traf. So gerne würde sie ihre alten Freunde in der ehemaligen DDR wiedersehen!

Um die Reise bezahlen zu können, hatte sie sich 700 Dollar von einem Onkel geliehen, der den Keller seines Hauses als informelle Tankstelle nutzte. Das Geld hatte allerdings nur für den Flug gereicht, weshalb Inés bei ihrer Ankunft gerade mal zehn Euro dabei hatte. Nicht genug Bares, um die Reise nach Schmalkalden anzutreten. Ohnehin stand ihr der Sinn keineswegs mehr nach einem Besuch in der beschaulichen Fachwerkstadt am Rande des thüringischen Waldes. Nein, Inés hatte größere Pläne. Hamburg sollte ihr Profit Center werden. Zwar erklärten wir ihr wortreich, dass bezahlte Arbeit im Kapitalismus ein knappes Gut ist, aber das war für Inés nur graue Theorie. Schließlich war sie nach Deutschland gekommen, um zu "triumphieren", wie sie sagte.

Wir schenkten Inés zwei Umzugskisten mit alten Schallplatten und ein paar Säcke abgelegter Klamotten aus den Speichern befreundeter Wohngemeinschaften. Samstags und sonntags fuhren wir frühmorgens mit der Ware zu einem der Flohmärkte im Hamburger Stadtgebiet. Die seichten Chachacha-LPs gingen zu guten Preisen über den Tapeziertisch. Die Platten-Spürnasen glaubten, es handele sich um gesuchte Sammlerstücke, von einer Kubanerin ahnungslos auf den deutschen Markt geworfen. Und beim Kleidungsverkauf entpuppte sich Inés als Beratungstalent. Unermüdlich nutzte sie die ihr zur Verfügung stehenden hundert Worte Deutsch, damit die Kopftuchträgerinnen ihren Stand nicht ohne ein passendes Teil verließen.

Die Standortvorteile der Resterampe

Mit einer Gruppe von Ecuadorianern entwickelte sich ein reger Austausch. Sie lebten ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland und verhielten sich dementsprechend vorsichtig und verschüchtert. Inés mit ihrer resoluten kubanischen Art mauserte sich zum beliebten Alphatier der Flohmarkt-Connection. Die Ecuadorianer gaben ihr wertvolle Tipps, wie man sich möglichst preisgünstig durch die Stadt schlägt.

Im Kapitalismus, pflegte Inés zu sagen, gibt es zwar sehr teure Geschäfte, aber eben auch sehr billige. Die astronomischen Preise in den Flagship-Stores der Hamburger Innenstadt riefen bei ihr höchstens Belustigung hervor: Wer wäre wohl so umnachtet, sich Prada-Turnschuhe für mehrere hundert Euro zu kaufen, wenn es ein paar S-Bahn-Haltestellen weiter modisch designte Exemplare für ein Zehntel des Preises gibt? Ihren lebensweltlichen Mittelpunkt fand sie in der Großen Bergstraße im Hamburger Stadtteil Altona. Hier gab es das billigste Internet-Café, die günstigsten Hähnchenbeine und vor allem jede Menge preiswerte Wühltisch-Ware. Für den westeuropäischen Mittelständler billiger Tand, aus der Perspektive der kubanischen Mangelwirtschaft gesuchter Stoff.

Buchtipp

Christoph Twickel:
Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für Alle.

Edition Nautilus; 128 Seiten; 8,90 Euro.

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Sie investierte die Einnahmen aus den Flohmarktverkäufen in modische Slips, Sonnenbrillen, Hot Pants und T-Shirts zu Preisen ab 1 Euro. In Santiago de Cuba, versicherte sie, könne man diese Ware für ein Vielfaches losschlagen. Und auch jenseits der Schnäppchenpreise hatte die Große Bergstraße für sie eine Menge Standortvorteile. Der Callshop, der Gemüsetürke und die Stoffstände auf dem Wochenmarkt fungierten wie ein Jobcenter, was ihr den ein oder anderen Putzjob einbrachte.

Logik der Abwärtsspirale

Hätte man Inés in eine Runde von Stadtplanern und Lokalpolitikern gesetzt, ihre Liebe zur Großen Bergstraße wäre auf Unverständnis gestoßen. Denn aus offizieller politischer Sicht befindet sich die älteste Fußgängerzone der Stadt in einer Abwärtsspirale. Ein von der Stadtentwicklungsbehörde beauftragtes Forschungsinstitut lässt kaum ein gutes Haar an ihr. Hier fehlt es an "Aufenthaltsqualität", dort kommen den Gutachtern Bereiche "unbelebt und ungastlich" vor, und so geht es in einem fort. Insgesamt ergibt die Analyse, "dass das Untersuchungsgebiet derzeit nicht mehr die Funktion eines Bezirkszentrums sowie eines wichtigen Zentrums für das öffentliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben einnimmt".

Wer an einem sonnigen Samstag in der geschmähten Fußgängerzone flaniert, muss sich fragen, wo sich die Gutachter herumgetrieben haben. Die Bänke der Bäckereikette sind voll besetzt, der Wochenmarkt ist gut frequentiert und in den Sonderangeboten vor Woolworth wird eifrig herumgewühlt. Vor der Eisdiele Filippi sitzen Hausfrauen beim Eiskaffee, türkische Kids spielen Fußball, und vor dem Netto-Supermarkt singen ein paar Schäferhund-Punks fröhliche Lieder.

Fußgängerzonen wie diese finden sich überall in der Republik. Es sind typische Stadtteil-Einkaufsstraßen, in denen der Lack von den Bänken bröckelt und auch mal eine Bierflasche im Blumenkübel landet. Wieso ist das "öffentliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben" hier funktionsgestört? Was ist so schwer hinnehmbar daran, dass es im innerstädtischen Bereich eine etwas grau gewordene Sonderposten-Einkaufsstraße gibt, in der sich Hartz-IV-Empfänger, Rentner oder Kopftuchträgerinnen noch Butterkuchen mit Kaffee satt leisten können?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Gentrifizierung
SBasker 05.09.2010
Zitat von sysopStadtteile, die von Billig-Shops, Kopftuchträgerinnen und Eckkneipen geprägt sind, gelten als "Problemviertel". Christoph Twickel hält in seinem Buch "Gentrifidingsbums" dagegen: Zur Kultur der Stadt gehören auch die günstigen, informellen Ecken. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,714005,00.html
Klar, unsere Städte brauchen Vielfalt. Da, wo es bunt zugeht, da kaufe ich auch am liebsten ein oder trinke einen Kaffee. Gentrifizierung führt zur Öde. Die Qualität muss natürlich auch beachtet werden. Deutschlands glücklichste Kunden wohnen in Hamburg (http://www.kumran.de/deutschlands-gluecklichste-kunden-wohnen-in-hamburg/).
2. Es besteht keine Gefahr, dass die Ramschmeilen aussterben
Feschak 05.09.2010
Zitat von sysopStadtteile, die von Billig-Shops, Kopftuchträgerinnen und Eckkneipen geprägt sind, gelten als "Problemviertel". Christoph Twickel hält in seinem Buch "Gentrifidingsbums" dagegen: Zur Kultur der Stadt gehören auch die günstigen, informellen Ecken. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,714005,00.html
Ja, leider fressen sich die Ramschmeilen immer weiter vor bis in die Innenstädte, Herr Twickel soll sein Geschäfterl mit seinem Bucherl machen. Ich sitz lieber auf der Piazza bei den Reichen und Schönen.
3. Twickel-Wer?
kaminister, 05.09.2010
Zitat von FeschakJa, leider fressen sich die Ramschmeilen immer weiter vor bis in die Innenstädte, Herr Twickel soll sein Geschäfterl mit seinem Bucherl machen. Ich sitz lieber auf der Piazza bei den Reichen und Schönen.
Was befähigt den Twickel eigentlich Ratschläge zu geben? Wissen? Erfahrung? Er ist einer der Not-in-out-Name Initiatoren, die - wie er selbst in diesem Artikel - den selben Fehler wiederholt, den alle selbsternannten Sozial-Ritter machen: Bis in die kleinsten Details, die Sichtweise unterer Schichten wiederzugeben bzw. die Sicht Anderer und daraus Schlüsse ziehen, die aber nur aus der eigenen Sicht sinnvoll sind. Der Mann merkt gar nicht, dass sein Artikel eine einzige Lobschrift auf den Kapitalismus und freie Märkte ist. Was wohl die Kubanerin Inés denkt von seiner Lösung, dass mehr Staat mehr besser ist?
4. Bravo...
Lady Wanda, 05.09.2010
... endlich spricht mal einer aus, was man in linken Kreisen schon lange weiß: die so genannten Stadtentwicklungsprogramme sind nichts anderes als die schrittweise Enteignung des öffentlichen Raumes. Alles was nicht über das nötige Kleingeld verfügt, soll zusehen, dass es sich in den Untergrund oder nach Suburbia verkrümelt und nicht weiter das Stadtbild stört. Endpunkt dieser Entwicklung dürfte dann ein Neofeudalismus sein, in dem Normal- und Kleinverdiener nur noch als Zuschauer zugelassen sind - wie seinerzeit in Versailles, als Bürger die über "anständige Kleidung und einen Degen" verfügten, Louis XIV beim Speisen zusehen durften. Bedienten war übrigens bis ins frühe 20. Jahrhundert der Zutritt zu öffentlichen Grünanlagen oder Ausflugslokalen untersagt - es sei denn, sie kamen in dienender Funktion. Wenn ich mir die Zuschriften einiger Vorposter anschaue, habe ich den Eindruck, dass sie gerne das Rad zurückdrehen würden. Freilich würde sie der Geldadel nur dann in seinen Reihen dulden, wenn sie sich eine Lakaienuniform anzögen - aber die stünde einigen mit Sicherheit auch gut zu Gesicht.
5. Pro Ramschmeile
jumpforjoy 05.09.2010
Zitat von FeschakJa, leider fressen sich die Ramschmeilen immer weiter vor bis in die Innenstädte, Herr Twickel soll sein Geschäfterl mit seinem Bucherl machen. Ich sitz lieber auf der Piazza bei den Reichen und Schönen.
Da haben Sie doch in Hamburg genug Platz! Da kann man unsere Große Bergstraße doch denen lassen, die sie - wie ich - mögen. (Mir erschließt sich nicht, warum sie durch die Ansiedlung von IKEA, Aldi, DM, Schlecker, Edeka.. (bei schon verhandenen Lebensmittelgeschäften, Discountern, Drogeriemärkten, Möbel- und Haushaltsgeschäften unterschiedlicher Qualitätsstufen) "aufwerten" muss.) Aber vielleicht sind den Ottensern ihre "Schmuddelnachbarn" zu peinlich?
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