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Städtebau: Magermodels aus Ostdeutschland

Von Rainer Müller

Von Sachsen-Anhalt lernen, heißt siegen lernen: Um die schrumpfenden Städte für morgen fit zu machen, veranstaltete das Bundesland eine Internationale Bauausstellung. 19 Modellstädte beweisen jetzt: "Weniger ist Zukunft" - und zeigen dabei auch, was der westdeutschen Provinz bald blüht.

IBA 2010: Einfach nur dichtmachen geht nicht Fotos
[M] Doreen Ritzau / Stiftung Bauhaus Dessau / IBA-Büro

Mit jeder erklommenen Treppenstufe wird der würzige Geruch intensiver, doch erst auf der Aussichtplattform wird endgültig klar, wie das Bauwerk zu seinem Namen kam: Räucherturm. Hier wurden einst die Würstchen der "Produktionsgenossenschaft des Fleischerhandwerks" in Dessau geräuchert, hier oben sitzt der Fleischgeruch besonders tief im Mauerwerk. Doch die sozialistische Wurstfabrikation läuft nicht mehr, die Arbeitsplätze sind verschwunden. Nur der Räucherturm blieb stehen, wurde saniert, begehbar gemacht und mieft ein bisschen vor sich hin. Der Geruch also bleibt - die Menschen aber verduften.

"In zehn Jahren wird Dessau im Vergleich zu 1990 rund ein Drittel seiner Bewohner verloren haben", sagt Stadtplanerin Heike Brückner. Seit der Wende schrumpft Dessau so stark wie kaum eine Kommune in Deutschland. 2007 fusionierte sie schließlich mit der Nachbarstadt zu Dessau-Roßlau und zählt gegenwärtig noch 88.000 Einwohner. Ganze Viertel wirken verlassen, Gründerzeitfassaden bröckeln, die Fenster vieler Plattenbauten sind eingeschlagen. Schulen, Geschäfte, Wohnhäuser stehen leer. "Was sollen wir tun, wenn die Hälfte der Bevölkerung weg ist?", fragt Brückner. "Einfach nur dichtmachen geht ja nicht."

Dessau-Roßlau ist ein Extremfall in der Region - aber kein Einzelfall. Kein Bundesland ist so stark vom Bevölkerungsrückgang betroffen wie Sachsen-Anhalt. Die Gründe sind bekannt: Nach der Wende 1990 brachen ganze Industriezweige und damit Existenzgrundlagen weg, die Menschen wandern bis heute ab, vor allem junge und gut ausgebildete. Dramatische Herausforderungen auch für die Städte. 2003 richtete die Regierung daher eine Art Versuchslabor ein: Die Internationale Bauausstellung (IBA), ein auf sieben Jahre angelegtes Programm zum Stadtumbau, das eigentlich eine Verschlankungskur ist.

Vorreiter beim Abriss

Angesiedelt an der traditionsreichen Bauhaus-Akademie in Dessau-Roßlau entwickeln Brückner und ihre Kollegen seither neue Strategien zum Umgang mit der Schrumpfung. 2010 endet der Versuch, und ab 9. April präsentiert die IBA ihre Projekte in einer zentralen Überblicksausstellung mit dem Titel "Weniger ist Zukunft" im Bauhaus - und vor Ort in den insgesamt 19 beteiligten Städten.

Anders als bei früheren Internationalen Bauausstellungen in Berlin oder im Ruhrgebiet ist in Sachsen-Anhalt ein ganzes Bundesland Ausstellungsgebiet. Erstmals wird im Rahmen einer Bauausstellung auch weniger neu gebaut als umgebaut und abgerissen. "Sachsen-Anhalt ist beim Umbau Vorreiter für Deutschland. Wir haben hier schon Erfahrungen gesammelt, die andere Regionen noch vor sich haben - oft ohne das wahrhaben zu wollen", sagt IBA-Geschäftsführer und Bauhaus-Chef Philipp Oswalt.

Bevölkerungsprognosen etwa des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung sehen für viele ländliche Regionen in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen ähnliche Entwicklungen voraus. "Auch dort werden Bürgermeister und Stadtkämmerer ihren Bürgern früher oder später erklären müssen, dass es mit weniger Einwohnern und weniger Steuereinnahmen kein 'Weiter so' geben kann", erklärt Oswalt. So präsentiert die IBA in ihren Modellstädten Projekte, die zwar aus der Situation vor Ort entwickelt wurden, die aber vielleicht bald Schule machen in der Oberpfalz, im Sauerland oder anderen schrumpfenden Landstrichen.

Stadtinseln per Cut and Paste

Nicht alle IBA-Konzepte sind so radikal wie die Idee der "Stadtinseln" in Dessau-Roßlau, wo die Planer die Stadt quasi "in Pixel zerlegen und per Cut and Paste neu gestalten", wie Brückner pointiert formuliert. Dessau-Roßlau verabschiedet sich so vom kompakten Stadtkörper und lässt nur Häuserinseln. "Gebautes wird ausgeschnitten", so Brückner, "und an der Leerstelle fügen wir Landschaft ein". Eine Idee, die auf eine Bürgerbefragung zurückgeht: Dessau ist stolz auf seine beiden Unesco-Weltkulturerbestätten Bauhaus und Dessau-Wörlitzer Gartenreich, einem Landschaftspark aus dem 18. Jahrhundert. "Holt das Gartenreich in die Stadt", lautete eine der Bürgerideen.

Vom Räucherturm aus sind nun die ersten Ergebnisse zu sehen. Wo alte Fleischereigebäude standen, sprießt Gras, drehen Jugendliche mit BMX-Rädern ihre Runden auf einem selbstgestalteten Parcours. Auf einem Dutzend anderer Brachen haben Bürger als "Flächenpaten" Kräutergärten oder Blumenrabatten angelegt. Um mehr als 60.000 Quadratmeter ist die bebaute Fläche geschrumpft, weitere 30.000 Quadratmeter sollen abgerissen werden.

Am einfachsten ist der Abriss bei städtischen Immobilien: Zwei Schulen fielen ihm zum Opfer und 3500 Wohnungen, die überwiegend dem kommunalen Wohnungsunternehmen gehörten. Mit Privateigentümern gibt es dagegen oft schwierige Verhandlungen; es dauert, "bis wir Eigentümer oder deren Gläubiger davon überzeugen können, dass ihre Immobilien oder Grundstücke auch zukünftig nichts wert sein werden und sie für einen Symbolpreis verkaufen", sagt Brückner.

In der schrumpfenden Landeshauptstadt Magdeburg werden unter dem Motto "Weniger Stadt - mehr Landschaft" zwar auch Industriebrachen begrünt - aber in deutlich geringerem Ausmaß als in Dessau-Roßlau. Auf der Fläche eines alten Bahnhofs am Elbufer entstand ein belebter öffentlicher Platz mit Installationen von Maurizio Nannucci und Gloria Friedmann - und allem Bevölkerungsrückgang zum Trotz entsteht hier ein neues Wohnquartier. Die Stadt wendet sich ihrem Fluss zu. Der alte Handelshafen erlebt als Wissenschaftshafen eine neue Blüte mit neuen Nutzern wie dem Fraunhofer- und Max-Planck-Institut.

Freiluftgalerie statt Baulücken

Von außen nach innen schrumpft hingegen Aschersleben. So versucht die Stadt mit ihren noch 30.000 Einwohnern das historische Stadtzentrum zu stärken. An der verkehrsumtosten Ringstraße rund um die Altstadt wird gar ein Leerstand von 75 Prozent in Kauf genommen, um die dahinterliegende Bausubstanz zu schützen. Wo der Abriss unumgänglich ist, schließt hausgroße zeitgenössische Kunst die Baulücken und verwandelt die vielbefahrene Straße in eine Drive-Thru-Gallery - Freiluftgalerie statt Baulücken. Mit den Brachflächen soll die Galerie auch nach Ende der IBA weiter wachsen.

Doch es wird nicht nur abgerissen bei dieser IBA, es finden sich auch vereinzelte Neu- oder Umbauten. In Aschersleben etwa wurde eine Papierfabrik aufwendig in ein Bildungszentrum verwandelt und in einen Park integriert. Das Projekt von Lederer Architekten zählt zu den wenigen baulichen Akzenten dieser IBA. "Wir setzen bewusst nicht auf Leuchttürme oder architektonische Ausrufezeichen", erklärt Philipp Oswalt das Konzept der IBA angesichts mangelnden Neubaubedarfs. "Obwohl das weniger Bilder produziert und nicht als sexy gilt."

Sexy sind die Ergebnisse des ostdeutschen Magermodell-Stadtkonzepts vielleicht nicht - aber in ihrer Zurückhaltung sehenswert. So wie das neue Besucherzentrum im Luther-Geburtshaus-Ensemble in Eisleben. Behutsam fügt sich dort ein von Springer Architekten aus Berlin entworfenes Ausstellungsgebäude in die mittelalterliche Puppenstube der Altstadt ein. Ein Vorzeigeprojekt der IBA, deren Ausstellungstitel ja zugleich ihre Botschaft ist: "Weniger ist Zukunft." Man könnte auch sagen: Schlanker ist klüger.

IBA Stadtumbau 2010, in 19 Städten in Sachsen-Anhalt, weitere Informationen auf der Hompage

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Und wer zahlt?
Mollari, 09.04.2010
Zitat von sysopVon Sachsen-Anhalt lernen, heißt siegen lernen: Um die schrumpfenden Städte für morgen fit zu machen, veranstaltete das Bundesland eine Internationale Bauausstellung. 19 Modellstädte beweisen jetzt: "Weniger ist Zukunft" - und zeigen dabei auch, was der westdeutschen Provinz bald blüht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,687725,00.html
Und was kostet das alles? Ach ja, ist ja egal, der Soli rollt ja weiter in eine Richtung. Und hier, z.B. Mönchengladbach sieht es aus wie in der DDR Anfang der 80er.
2. Berliner Stadtschloss
el`Ol 09.04.2010
Als der Beschluss für das alberne Disneyworld-Stadtschloss in Berlin fiel, habe ich mich gefragt, warum in den schönen, großen, rechteckigen, und für eine kleine "enturbanisierte Zone" mitten in der Stadt nutzbaren Raum überhaupt irgendein "Riegel" reingeknallt werden mußte. Ich habe nicht einmal etwas über einen derartigen Vorschlag mitbekommen.
3. Ddr
Sapere aude 09.04.2010
Zitat von MollariUnd was kostet das alles? Ach ja, ist ja egal, der Soli rollt ja weiter in eine Richtung. Und hier, z.B. Mönchengladbach sieht es aus wie in der DDR Anfang der 80er.
Dann haben Sie die DDR der 80er nie gesehen. Bei der Einwohnerentwicklung von Mönchengladbach können Sie die Probleme ostdeutscher Provinzstädte überhaupt nicht mit Mönchengladbach vergleichen. Abgesehen davon das die wenigsten westdeutschen Städte in absehbarer Zeit je das gleiche Schicksal treffen wird. Einen Einwohnerrückgang um 30, 40% werden die allenfalls innerhalb von 100 Jahren verzeichnen, aber nicht innerhalb von 20 Jahren! Und in dieser Zeitspanne, den 100 Jahren, ist man vielleicht mal so klug geworden eine vernünftigere Wirtschaftspolitik zu betreiben, die nicht die Zentren stärkt und die Provinz schwächt.
4. Und wer zahlt?
spreeman 09.04.2010
Das die Bevölkerung zurück geht ist klar, nur das dem "Westen" das gleiche blüht bezweifle ich. Sicher gibt es Regionen in denen es ähnlich ist (z.B. Pirmasens),aber es kommt ein weiteres Thema dazu. Nicht nur viele junge Leute haben dem Osten den Rücken gekehrt, sondern nun kommen die Eltern hinterher. Gründe sind Pflege; Ärzteversorgung und nicht zu vergessen die Familie.
5. Weniger ist leer (Die Zweite: Gut gebrüllt u. Erfindungshöhe))
Harald A. Irmer 09.04.2010
Der Slogan "Weniger ist leer" ist - selbstverständlich - nicht meine Erfindung, sondern gehörte zu einem Plakat, das misereor vor 1,2 Jahren auf Bahnhöfen herausbrachte. Das Plakat zeigte eine Reisschale, die fast leer war. ANERKENNUNG! Übrigens hat mir auch mal einer gesagt, er habe den Slogan "Darf's etwas Meer sein?" zur Werbung im Lebensmittelhandel vorgeschlagen. Ob's realisiert wurde, weiß ich nicht. (Lange her: Archivierte Ausgaben der Lebensmittelzeitung?) Sollte jemand _damit_ und dem Foto einer Fischtheke werben wollen, kann durchaus eine Werbeagentur kommen und sagen, das ist UNSERES. Während bei "Weniger ist leer" im Fall verschwindender Plattenbauten auf der fast leeren Wiese das Bild und der Kontext i.Vgl.z. misereor ganz anders sind und die Erfindungshöhe ist m.M.n. auch nicht doll. Also, ich bitte geneigte Leser um massenhafte Verwendung eines Motivs "Weniger ist leer" zeigend eine inzwischen fast leere Wiese (Brache), auf der (noch) zwei kleine Wohnbauten stehen! Das ist SCHÖN! Es wird doch Gegner des Rückbaus geben?! Und wenn das auch gar nicht in meinem Sinne ist, denn ich befürworte das Städterückbauprogramm. Aber viel wichtiger, das Motiv ist MEINE Idee! (Geschenkt, bitte um Namensnennung) Harald Artur Irmer
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