Star-Architekt Richard Neutra Bauen fürs Reich der Sinne

Klang, Geruch, Gefühl: Richard Neutra gilt als einer der wichtigsten Architekten der Moderne. Seine Gebäude sprechen vor allem die Sinne an - ein gutes Bauwerk galt dem in den USA berühmt gewordenen Österreicher als Arznei. Eine große Ausstellung zeigt jetzt erstmals sein europäisches Spätwerk.


Müsste einem einmal ein schmerzender Zahn gezogen werden, dann sollte es doch bitteschön in einer von Richard Neutra gestalteten Praxis geschehen. Die menschlichen Maße des Raumes, ein spiegelndes Wasserbecken, Pflanzen und ein von der Architektur wie gerahmt wirkender Ausblick würden einen dann beruhigen.

Wie kaum ein anderer Architekt baute Neutra für den positiven Einfluss der Umgebung auf den Menschen. Das machte sich bemerkbar etwa in den Praxisräumen seines Mariner's Medical Arts Center in Newport Beach. Es ist spürbar bei seinen heute ikonischen südkalifornischen Flachdachvillen, die er nach zeitraubenden Erkundungen ganz auf die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Bewohner abstimmte. Und es ist unübersehbar bei einem Teil seiner Bauten, der uns wesentlich näher ist: bei seinem europäischen Spätwerk. Dieses wird jetzt anlässlich einer Schau im Herforder MARTa erstmals systematisch aufgearbeitet. Nur Insider wussten bisher davon.

Dabei hätte schon ein Blick auf seine Biografie stutzig machen können. 1892 in Wien geboren, hat Neutra unter anderem bei Adolf Loos studiert. Anfang der zwanziger Jahre arbeitete er bei Erich Mendelsohn in Berlin, bevor er 1923 in die USA emigrierte. Nach kurzer Mitarbeit im Büro von Frank Lloyd Wright stieg er in Los Angeles schon bald zu einem der führenden Architekten der USA auf. Gestorben aber ist Neutra 1970 überraschenderweise in Deutschland, genauer: in Wuppertal. Und dort nicht irgendwo, sondern in einer von ihm selbst entworfenen Villa.

Vorhänge: limonengrün

Erst 1958, gut 30 Jahre nach seinem Weggang, hatte er wieder hier in Europa zu arbeiten begonnen: an einem Ferienhaus in Ascona, oberhalb des Lago Maggiore. Andere Aufträge folgten. So entstanden in den sechziger Jahren acht Villen - zwei davon in Wuppertal - und Wohnhaussiedlungen in Walldorf bei Frankfurt und im schleswig-holsteinischen Quickborn. Sieben weitere Projekte wurden nicht realisiert: etwa eine luxuriöse Düsseldorfer Villa für Gabriele und Konrad Henkel. Das Industriellenehepaar hatte zuerst das zu exponierte Wohnen hinter den großen Glasflächen beanstandet, letztlich aber aus persönlichen Gründen das Projekt nicht realisiert.

Ohnehin ging nicht immer alles nach Plan. Beim Haus Rentsch wurde aus einem nicht genehmigten Flachdach ein Satteldach, das den Ausblick auf das Jungfraumassiv dann aber grandios rahmte. Und die mondäne Villa bei Locarno, gebaut für den "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius, musste lange leiden: Dessen Ehefrau Ebelin half der Gemütlichkeit mit stilbrechenden Chintz-Vorhängen und Rüschenkissen nach.

Alle europäischen Bauten Neutras aber variieren die typischen Elemente seines Stils: die "Spider Leg" genannten, über die Außenwand hinausragenden Deckenbalken, die in einer Stütze enden; die verschattenden Lamellen-Konstruktionen; den Einsatz von reflektierenden Wasserflächen, Spiegeln und großen Glasflächen, die Wohnraum, Garten und Landschaft miteinander verschränken. "Ein richtig entworfenes Haus", so Neutra, "ist eben nicht ein statisches Gehäuse, sondern ein Spiegel des Naturgeschehens darum herum, und gerade dadurch eine immer neue Seelenerfrischung."

Basierend auf anthropologischen Erkenntnissen konzipierte er sein "biorealistisches Bauen", das den Respekt gegenüber der Natur des Menschen und seiner natürlichen Umgebung über funktional-technische Möglichkeiten stellte. Die Entwurfszeichnungen dazu kommentierte er handschriftlich bis hin zu Details wie "Vorhänge: limonengrün". Manchmal klebte er in die Skizzen auch Fotos ein, die Fensterausblicke genau vorhersagten.

Charismatischer, weißhaariger Herr

In Herford hat man für 100 Planzeichnungen und Entwurfsskizzen, für Modelle und Fotografien eine wunderbare Architektur erfunden und mittig im weiten Ausstellungssaal platziert: ein aus rohem Bauholz gezimmertes Display im Stil einer Neutra-Villa. Aus ihr heraus blickt man auf die kurvigen Innenwände des von Frank Gehry entworfenen Museumsbaus, als würde man in eine Landschaft hinausschauen.

In einem Nebenraum läuft ein Film aus den sechziger Jahren. Er zeigt Neutra als charismatischen, weißhaarigen Herrn, der im Ton etwas dogmatisch, in der Sache aber faszinierend anschaulich die Prinzipien seines Bauens erläutert: Alle sensorischen Aspekte seien zu bedenken: Wie entfaltet sich der Klang eines Klaviers? Wie riechen Hölzer oder Lacke? Wie fasst sich ein Treppengeländer an? Und wie erleben Kleinkinder den Wechsel von Stein- und Teppichböden?

Der Baumeister des "Allsinnlichen", wie er es nannte, besuchte 1970 während einer Vortragsreise das von ihm entworfene Haus Kemper in Wuppertal. Dort erlitt er einen Herzinfarkt, dem er erlag. Es gibt Mutmaßungen, dass er sich über einen benachbarten Neubau zu sehr echauffierte. Zu einem Menschen, der meinte, dass "Architektur als Prophylaxe" wirken, ja "heilsam" sein müsse, würde es allerdings passen: Wem ein gelingender Bau als Arznei gilt, den kann ein misslingender vermutlich auch umbringen.


Richard Neutra in Europa. Bauten und Projekte 1960 - 1970. MARTa Herford, 8. Mai bis 1. August.

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Seite 1
Silvia, 08.05.2010
1. Erstaunlich
Immer wieder erstaunlich, was Architekten unter "sinnlich" verstehen. Diese betonierte Schuhkarton-Architektur hat sich bis heute leider gehalten. Fürchterlich!
Spiegel-trhekrev 08.05.2010
2. the new and old brutality
Zitat von SilviaImmer wieder erstaunlich, was Architekten unter "sinnlich" verstehen. Diese betonierte Schuhkarton-Architektur hat sich bis heute leider gehalten. Fürchterlich!
Kann dem nur zustimmen. Man fragt sich umgehend, was für Architekten dann ein "unsinnliches" Bauwerk wäre. Sehen möchte man das aber nicht. Der Spiegel könnte sich auch ruhig etwas mehr Mühe geben und ein paar bessere Beispiele für gelungene Architektur bringen, in der sich Menschen durchaus wohl fühlen können, anstatt diese Scheusslichkeiten der sogenannten Moderne immer wieder aufzuwärmen. Im Gegensatz zu Architekten, die leider immer noch einer intensiven Gehirnwäsche wärend ihres Studiums ausgesetzt sind, kann sich der Rest der Bevölkerung ein wesentlich besseres und unbefangeneres Bild von dem machen, was Architektur sein oder nicht sein sollte.
dr.humus 08.05.2010
3. "erstaunlich"...
Zitat von SilviaImmer wieder erstaunlich, was Architekten unter "sinnlich" verstehen. Diese betonierte Schuhkarton-Architektur hat sich bis heute leider gehalten. Fürchterlich!
... dass auf den Bildern kein einziges betoniertes Gebäude zu sehen ist. :) und übrigens: die Beurteilung der "Sinnlichkeit" (was auch immer das sein soll) liegt ja wohl bei den Bewohnern. Hätte alle Neutras Baute als unsinnlich abgelehnt, hätte er wohl kaum so viele Privathäuser (über 300) gebaut. Sobald man sich der deutschen Wohnstube nähert entbrennen grässliche Grabenkämpfe, die eine sachliche Diskussion unmöglich machen. Schade
Osis, 08.05.2010
4. Bla?
Sinne? Ahja. energetische Alpträume sind das. Mal abgesehen davon das sie regionale Identitäten ignorieren. Diese "Überallarchitketur" ist nur noch grausam. Warum keine Farbbilder der Scheußlichkeiten? Es mag eine nette Lösungen für den Indivudalisten darstellen, ist aber im Kern vollkommen losgelöst aus der Umgebung. Die Bauten auf den Photos wirken wie Fremdkörper. Zeitlos fremd. Ich empfinde die weder raumlich(klimatisch) angepasst noch ästhetisch gelungen. Wergwerfarchitektut, die vermutlich kaum 100 Jahre alt werden wird.
takeo_ischi 08.05.2010
5. .
Zitat von Spiegel-trhekrevKann dem nur zustimmen. Man fragt sich umgehend, was für Architekten dann ein "unsinnliches" Bauwerk wäre. Sehen möchte man das aber nicht. Der Spiegel könnte sich auch ruhig etwas mehr Mühe geben und ein paar bessere Beispiele für gelungene Architektur bringen, in der sich Menschen durchaus wohl fühlen können, anstatt diese Scheusslichkeiten der sogenannten Moderne immer wieder aufzuwärmen. Im Gegensatz zu Architekten, die leider immer noch einer intensiven Gehirnwäsche wärend ihres Studiums ausgesetzt sind, kann sich der Rest der Bevölkerung ein wesentlich besseres und unbefangeneres Bild von dem machen, was Architektur sein oder nicht sein sollte.
Blöd nur, dass die Klassiker der Moderne bei ihren Bewohnern so beliebt sind, dass sie faktisch niemals verkauft werden. 'Sinnlich' wird ein Bauwerk durch ein Spiel von richtigen Proportionen, Materialien und Oberflächen in Verbindung mit einer funktionalen Erlebbarkeit in deren Mittelpunkt immer der jeweilige Mensch als Nutzer stehen muss. Dann klären Sie uns bitte auf und verlinken mal Ihr Bild oder beschreiben es zumindest. Ich bin gespannt ob Sie mein Gehirn aus der Waschmaschine bekommen...
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