S.P.O.N. - Der Kritiker Die Philosophie der Sterne

"Star Wars" kann als intergalaktische Familienaufstellung gelesen werden und als versteckter Faschismus. Luke Skywalker mag ein Dschihadist sein - oder Jünger im Silicon Valley. Betrachtungen über die ambivalente Seite der Macht.

Eine Kolumne von

Luke Skywalker und Meister Yoda: Zurückhaltung und Kontrolle
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Luke Skywalker und Meister Yoda: Zurückhaltung und Kontrolle


"Star Wars" erzählt davon, wie die Nerds die Welt erobert haben, technologisch, kulturell, politisch und letztlich auch spirituell. Es herrschte in den Filmen der Serie bislang eine Art Techno-Buddhismus, basierend auf einer esoterischen Macht, die eine dunkle Seite kennt und eine helle - ohne dass klar definiert wäre, was das Helle an dieser sehr kriegerisch und hierarchisch organisierten Widerstands-Sekte wäre.

Demokratie jedenfalls, Städte, in denen so etwas wie bürgerliches Leben stattfindet, Kultur, Zivilisation, all das taucht höchstens kurz auf, im Moment der Vernichtung, wie im neuen Teil "Das Erwachen der Macht".

Der Einzelne, so scheint es, gilt auf beiden Seiten der Macht sehr wenig. Individualismus ist nur etwas für Aristokraten und Gauner in diesem Kosmos der mythologischen Gemeinplätze. Und natürlich schaut dabei alles leicht riefenstahlesk aus - "Star Wars" war schon immer Faschismus-Ästhetik auch für Antifaschisten.

Zurückhaltung und Kontrolle waren in den Filmen bislang das Wesen der Macht: So lehrte es Meister Yoda, so praktizierte der junge Luke Skywalker seine Macht und auch der vom Glauben abgefallene Darth Vader - aber was für eine Macht wäre das, die sich so benutzen lässt?

Das ist eine der vielen Fragen, die nicht gestellt werden in diesem reduktionistischen Instant-Epos mit den steilen Bildern, das wie schon mitten im kältesten Kalten Krieg Anfang der achtziger Jahre perfekt in diese Zeit zu passen scheint, die von manichäischer Hysterie geradezu zerfetzt wird.

Optisch ist dabei nicht viel passiert, die Androiden R2D2, BB-8, C-3PO scheppern wie damals - was früher allerdings futuristisch wirkte, wirkt heute nostalgisch, das liegt an der eigentümlichen Zeitmaschine, in der wir seit Langem feststecken: Die Zukunft ist stehen geblieben in den vergangenen 35 Jahren, nur Harrison Ford ist älter geworden.

Dabei hat sich natürlich real viel verändert in dieser Zeit. Und was 1980 noch lustig verspielt war, ist 2015 eine ernst zu nehmende sozio-ökonomische Frage: Was passiert mit den Menschen, wenn die Macht der Maschinen erwacht und sie merken, dass sie uns nicht mehr brauchen?

Anders gefragt: Gibt es gar keine andere Utopie, gibt es keine andere Möglichkeit als entweder Soldat zu sein oder Sammler von galaktischem Schrott, den man dann für eine lausige Pop-up-Mahlzeit an einen wabbeligen Fettklops verkauft, der auch noch Geschäfte mit der dunklen Seite macht?

Was sind also die Ideale, die hier verhandelt werden, außer dem Kippschalter der Moral, 0 oder 1, gut oder böse, dunkle Seite oder helle Seite der Macht? Was ist die Politik von "Star Wars"?

Oder wieder anders: Was ist die Faszination, die heute darin liegt, eine Galaxis zu beschreiben, die kein Außen kennt, einen Weltinnenraum der Paranoia und des Krieges also, der beherrscht wird von archaischen Truppen, deren Technikmüll sich in die Höhlen verwandelt, in denen die Menschen hausen wie ihre Vorfahren aus dem Neandertal?

Zu richtig dystopischer Wucht konnten sich diese Filme ja nie aufraffen - was eben auch an dem merkwürdigen Zwitterverhalten der Macht liegt, die keine echte Opposition duldet, weil sie ja beides verkörpert, das Gute wie das Böse.

Und welche Kraft wäre das, die in ihrem negativen Extremform zum Faschismus wird? Was wäre vor allem die positive Seite dieser Kraft? Wie sähe sie aus? Was würde sie bedeuten? Für Freiheit, Gleichheit, Emanzipation?

Natürlich wurden immer Elemente der Kritik in die Filme hineinprojiziert. Einige hielten Richard Nixon mit seiner fiesen Fratze für das Vorbild des Imperators. Ronald Reagan wiederum sah in der Sowjetunion das "Reich des Bösen", und ein wenig von dieser Mischung aus Hitler, Stalin und Bofrost findet sich auch im neuen Teil.

Heute allerdings stellen sich ein paar Fragen anders: Was hat es zum Beispiel zu bedeuten, dass einige der wichtigsten Leute in Silicon Valley wie Mark Zuckerberg, Marc Andreessen und Peter Thiel so ausgeprägte "Star Wars"-Fans sind?

Es sei gerade das "Star Wars"-Heldenprinzip, das die Dark Lords of Creative Disruption so aufregend finden, schreibt James Douglas: Der junge Nerd also, der aus dem Nichts kommt und sich mit der Macht misst, um der Welt das Gute zu bringen.

Der Helden-CEO also, so wie etwa Steve Jobs gefeiert wird, Weltenherrscher mit missionarischem Sendungsbewusstsein, Heilsbringer von eigenen Gnaden: Die Macht wäre hier der Kapitalismus, und ihr Glaube wäre, dass es eine dunkle und eine helle Seite dieser Macht gebe.

"Don't be evil", wie es die Google-Gründer sich selbst zum Motto gemacht haben. Sie spüren den Sog der Macht, sie beschwören sie selbst, wie Luke Skywalker, der seinen Vater nicht umbringen will und ihn dann doch sehr triumphal verbrennt.

Ob allerdings Luke, der im neuen Film so auffällig abwesend ist, überhaupt einer der Guten ist - oder doch ein Dschihadist, wie es der amerikanische Blogger Comfortably Smug sehr überzeugend suggeriert?

Und es passt ja alles: Luke, der arglose Junge vom Land, der keinen Vater hat, nur wenige soziale Kontakte pflegt und angezogen wird von einer Gruppe, die ihm einen Sinn und eine Aufgabe gibt.

Das sind drei Kriterien der Radikalisierung, wie sie Anthony Stahelski im "Journal of Homeland Security" benennt. Haben sich also Meister Yoda und Obi-Wan jemanden gesucht, um einen gefügigen Gotteskrieger aus ihm zu machen, einen Techno-Terroristen?

Aber es ist ja die Kraft und auch die Hohlheit des Mythos, dass man alles in ihn hineinlesen kann. Man kann aus Luke Skywalker einen Selbstmordattentäter heutiger Art machen, man kann das alles auch als einen Gottesdienst für Ungläubige sehen und die Lücken in der Geschichte, groß wie der Todesstern, wären dann die zeitgemäße Entsprechung der Wirrnis von Bibel oder Koran.

Man kann das alles auch sehen wie eine Art intergalaktische Familienaufstellung, was vielleicht den Riesenerfolg in diesem therapeutischen Zeitalter erklärt.

Der neue Film ist eine einzige Spiegelung der bisherigen Verwandtschaftsverhältnisse. Rey zum Beispiel ist ja wohl ziemlich sicher die Schwester des neuen Bösewichts Kylo Ren, dem Enkel von Darth Vader, dem Neffen von Luke Skywalker, Sohn von Han Solo.

Und der beendet, Lichtjahre nach dem Tod von Meister Yoda, die buddhistische Phase der Macht: Kylo Ren haut so trotzig mit seinem Lichtschwert herum, als sei er nicht zufrieden mit der Qualität seines Latte Macchiatos - ein verzogenes Kind voll von unerlöster Wut.

Am Ende immerhin taucht Luke Skywalker auf, bärtig, mit Mönchskutte, auf einer diffus irisch anmutenden Insel. Erlösungskitsch also, genau das, was die Gemeinde will.

Rey reicht ihm sein Lichtschwert. Der Kampf geht weiter. Es gibt keine andere Möglichkeit. Es gibt keine Utopie. Es gibt keine Revolte, keine Republik, keine Demokratie. Es gibt keine Alternative.

Die Ambivalenz der Macht ist das Faszinosum. Es ist die Technologie selbst, die die Macht ist und die kein Außen kennt oder duldet.

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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
jufo 20.12.2015
1. eher eine Persiflage
Das Erwachen der Macht empfand ich an vielen Stellen als Ironie. Die alternden Schauspieler und Droiden die nach Jahrzehnten wieder aufeinandertreffen. "es war nicht alles schlecht " sagt Han Solo zur Prinzessin. Eine Anleihe aus "Eins, Zwei, Drei". Das Imperium heisst "die erste Ordnung ", ein Massenaufmarsch wie zum Reichsparteitag inklusive angedeutetem Hitlergruß. Die Gegner eher ein chaotisch bunter Häufen. Ich empfand den Film nicht als faschistisch, eher im Gegenteil. Dem Reichsparteitag folgte die Zerstörung. Kein tiefsinniger Beitrag zur globalen Lage aber durchaus mit Ironie gemacht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Macher ihr Werk sehr ernst nehmen.
wilam 20.12.2015
2. emotional ist es
ein Kinderfilm, oft mit interessanten Bildern. Was er zeigt, das ist unsere Welt, die den Verlust der wichtigsten nichtmateriellen Ressource erleidet: den Verlust der Alternativen. Durch Vermehrung natürlich, denn überall wo wir hinwollen sind schon die anderen. So landen wir in den besagten Schrotthöhlen.
digarth 20.12.2015
3. Um es mal kurz und direkt zu sagen
Das ist wohl die inkompetenste Einlassung zu Star Wars, mit der ein Journalist auf gefühlten zehn Seiten Bleiwüste seine Ahnungslosigkeit zelebriert hätte. Es hätte schon gehört sich einfach mal alle Sechs Filme anzusehen, um die meisten fragen zu beantworten. Und falls man da irgendwas nicht verstanden hat, vielleicht auch noch ein zweites mal.
digarth 20.12.2015
4. Um es mal kurz und direkt zu sagen
Das ist wohl die inkompetenste Einlassung zu Star Wars, mit der ein Journalist auf gefühlten zehn Seiten Bleiwüste seine Ahnungslosigkeit zelebriert hätte. Es hätte schon gehört sich einfach mal alle Sechs Filme anzusehen, um die meisten fragen zu beantworten. Und falls man da irgendwas nicht verstanden hat, vielleicht auch noch ein zweites mal.
kreativling82 20.12.2015
5. ...
wieso sollte Rey ziemlich sicher die Schwester von Kylo Ren sein? ich hallte Cousine für realistischer. "das Internet" übrigens auch...
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