SPIEGEL ONLINE: Herr Zumthor, Ihnen wird an diesem Freitag der Pritzker-Preis verliehen, der als Nobelpreis der Architektur gilt. 2001 wurden bereits Herzog & de Meuron aus Basel geehrt. Sind Schweizer die besseren Architekten?
Zumthor: Vielleicht sind Schweizer nicht so anfällig für Moden. Bei uns hat die Bauhaus-Tradition eine Fortsetzung gefunden - in Deutschland hat das der Krieg verhindert. Aber auch die Holländer sind zurzeit stark, weil sie den schnellen Wandel der Städte zulassen. Und in den jungen Demokratien Spanien und Portugal paart sich neue Power mit altem Wissen - das merkt man auch der Architektur an.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Baustil ist ganz anders als derjenige von Herzog & de Meuron. Gibt es trotzdem Gemeinsamkeiten?
Zumthor: Bestimmt. Jacques Herzog und ich haben als Basler einen ähnlichen kulturellen Hintergrund. Und da gab es als große gemeinsame Inspiration die zeitgenössische Kunst jener Jahre: Arte povera, Concept-Art, Land-Art. Aber auch die mystisch-sinnliche Welt von Joseph Beuys.
SPIEGEL ONLINE: Heute ist Herzog stets unterwegs, Sie gelten als Einsiedler, der sich in die Berge zurückzieht, grübelt ...
Zumthor: Einsiedler? Ach was, das ist doch ein Klischee. Das stimmt überhaupt nicht.
SPIEGEL ONLINE: Es stimmt aber schon, dass Sie bei einem Bau gerne alles selber bestimmen?
Zumthor: Mir gefällt die Idee des Gesamtkunstwerks, der Autorenarbeit. Meine Projekte gehen über das rein Bauliche hinaus, sie beginnen viel früher. Ich entwickle meine Architektur gerne aus den Inhalten heraus. Wie beim Schweizer Pavillon für die Expo 2000 in Hannover. Da durfte ich alles machen. Man fragte mich: Herr Zumthor, wo ist denn Ihr Marketing-Konzept-Experte? Und ich sagte: Das bin ich. Sind Sie sicher? Können Sie das? Beim Hotel Therme in Vals war das ähnlich.
SPIEGEL ONLINE: Wie beginnen Sie ein neues Projekt?
Zumthor: Ich gehe an den Ort, höre mich um, studiere die Vorgaben, fühle mich ein. Irgendwann kommt dann die Idee, ist ein Bild da.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es danach weiter?
Zumthor: Ich beschreibe den Menschen das Bild, das ich habe, schaue, wie sie darauf reagieren. So fängt es an, und es hört nicht mehr auf, bis man fertig ist. Am Anfang ist da ein großes Gefühl mit zwei, drei Bildern, die vielleicht noch unscharf sind. Und am Schluss muss jedes Detail stimmen.
SPIEGEL ONLINE: Das Gefühl bildet die Basis?
Zumthor: Ja, aber zwischendurch braucht man immer wieder den Intellekt, den Kopf, um die Bilder zu befragen. Was bedeuten sie? Wieso gefällt mir das? Was fehlt noch? Denn das analytische Denken ist linear. Es ist ein Strahl, den man auf einen Aspekt richtet. Im Gefühl aber ist alles präsent, was in uns drin ist. Deshalb ist es wichtiger.
SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu anderen Architekten bauen Sie wenig. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Aufträge aus?
Zumthor: Ein Bau muss nicht etwas Besonderes sein; er muss mir sinnvoll vorkommen.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie es abgelehnt haben, für den Modegiganten Armani und den US-Hotelmagnaten Ian Schrager zu bauen?
Zumthor: Stimmt schon.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Zumthor: Lassen Sie mich das so erklären: Wenn einer das vierte Ferienhaus bauen möchte und das auch bezahlen kann, ist das eine Sache. Aber für mich geht es um vier, fünf Jahre meiner Lebenszeit, wenn ich so etwas mache. Deshalb muss ich gut überlegen, ob ich zusage oder nicht.
SPIEGEL ONLINE: Schrager wollte aber kein Ferienhaus, sondern ein Hotel.
Zumthor: Ich hatte das Gefühl, dass er nicht eine Hotel-Substanz sucht, die mich interessiert. Es ging mehr ums Business als um Architekturleidenschaft. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich Herrn Schrager über den Weg trauen kann. Ich brauche jemanden, der mich nicht nach ein paar Jahren fallen lässt.
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