Stararchitekt Zumthor: "Wir Schweizer sind nicht so anfällig für Moden"

Unter den großen Baukünstlern der Welt gilt Peter Zumthor als eiserner Einzelgänger - an diesem Freitag wird der Architekt mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Schweizer über öde Marketing-Bauten - und politischen Pfusch am Bau.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zumthor, Ihnen wird an diesem Freitag der Pritzker-Preis verliehen, der als Nobelpreis der Architektur gilt. 2001 wurden bereits Herzog & de Meuron aus Basel geehrt. Sind Schweizer die besseren Architekten?

Zumthor: Vielleicht sind Schweizer nicht so anfällig für Moden. Bei uns hat die Bauhaus-Tradition eine Fortsetzung gefunden - in Deutschland hat das der Krieg verhindert. Aber auch die Holländer sind zurzeit stark, weil sie den schnellen Wandel der Städte zulassen. Und in den jungen Demokratien Spanien und Portugal paart sich neue Power mit altem Wissen - das merkt man auch der Architektur an.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Baustil ist ganz anders als derjenige von Herzog & de Meuron. Gibt es trotzdem Gemeinsamkeiten?

Zumthor: Bestimmt. Jacques Herzog und ich haben als Basler einen ähnlichen kulturellen Hintergrund. Und da gab es als große gemeinsame Inspiration die zeitgenössische Kunst jener Jahre: Arte povera, Concept-Art, Land-Art. Aber auch die mystisch-sinnliche Welt von Joseph Beuys.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist Herzog stets unterwegs, Sie gelten als Einsiedler, der sich in die Berge zurückzieht, grübelt ...

Zumthor: Einsiedler? Ach was, das ist doch ein Klischee. Das stimmt überhaupt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es stimmt aber schon, dass Sie bei einem Bau gerne alles selber bestimmen?

Zumthor: Mir gefällt die Idee des Gesamtkunstwerks, der Autorenarbeit. Meine Projekte gehen über das rein Bauliche hinaus, sie beginnen viel früher. Ich entwickle meine Architektur gerne aus den Inhalten heraus. Wie beim Schweizer Pavillon für die Expo 2000 in Hannover. Da durfte ich alles machen. Man fragte mich: Herr Zumthor, wo ist denn Ihr Marketing-Konzept-Experte? Und ich sagte: Das bin ich. Sind Sie sicher? Können Sie das? Beim Hotel Therme in Vals war das ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie beginnen Sie ein neues Projekt?

Zumthor: Ich gehe an den Ort, höre mich um, studiere die Vorgaben, fühle mich ein. Irgendwann kommt dann die Idee, ist ein Bild da.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es danach weiter?

Zumthor: Ich beschreibe den Menschen das Bild, das ich habe, schaue, wie sie darauf reagieren. So fängt es an, und es hört nicht mehr auf, bis man fertig ist. Am Anfang ist da ein großes Gefühl mit zwei, drei Bildern, die vielleicht noch unscharf sind. Und am Schluss muss jedes Detail stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Das Gefühl bildet die Basis?

Zumthor: Ja, aber zwischendurch braucht man immer wieder den Intellekt, den Kopf, um die Bilder zu befragen. Was bedeuten sie? Wieso gefällt mir das? Was fehlt noch? Denn das analytische Denken ist linear. Es ist ein Strahl, den man auf einen Aspekt richtet. Im Gefühl aber ist alles präsent, was in uns drin ist. Deshalb ist es wichtiger.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu anderen Architekten bauen Sie wenig. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Aufträge aus?

Zumthor: Ein Bau muss nicht etwas Besonderes sein; er muss mir sinnvoll vorkommen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie es abgelehnt haben, für den Modegiganten Armani und den US-Hotelmagnaten Ian Schrager zu bauen?

Zumthor: Stimmt schon.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Zumthor: Lassen Sie mich das so erklären: Wenn einer das vierte Ferienhaus bauen möchte und das auch bezahlen kann, ist das eine Sache. Aber für mich geht es um vier, fünf Jahre meiner Lebenszeit, wenn ich so etwas mache. Deshalb muss ich gut überlegen, ob ich zusage oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Schrager wollte aber kein Ferienhaus, sondern ein Hotel.

Zumthor: Ich hatte das Gefühl, dass er nicht eine Hotel-Substanz sucht, die mich interessiert. Es ging mehr ums Business als um Architekturleidenschaft. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich Herrn Schrager über den Weg trauen kann. Ich brauche jemanden, der mich nicht nach ein paar Jahren fallen lässt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. So nicht
W. Robert 29.05.2009
Bevor das Thema völlig ignoriert wird wage ich mal den Versuch einer Kritik und gebe zu, dass mich Zumthors Bauwerke depressiv stimmen. Selten war ich von einer Architektur derart abgestoßen wie von Zumthors schlecht getarnten Atombunkern. Das in der Fotostrecke abgebildete Riesenfenster mit Bergblick weckt noch üblere Assoziationen, das Schwimmbad ist absolut geschmacklos. Zu allen Ungereimtheiten kommt noch die Tatsache, dass sich Zumthor bei seinem Privathaus offensichtlich den Bunker erspart hat und auf Erkenntnisse der Solar-Architektur zurückgreift. Ebenso fällt die “Calputa Sogn Benedetg” etwas aus dem Rahmen, bei genauer Betrachtung hat er aber auch dort einen Trutzturm in die Landschaft gestellt. http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Zumthor Natürlich darf auch der bei Behörden allseits beliebte Primitiv-Kubismus iun seinem Oeuvre nicht fehlen. Meiner Ansicht nach projiziert Zumthor seine Ängste in die Umwelt, er erschafft sich seelenlose Bunker zur Kompensation seiner Neurosen. Wo bei Mies van der Rohe noch der Wille zum “guten Design” durchschimmert fehlt dieser bei Zumthor völlig. Zum Interview kann ich nur sagen, dass hier Anspruch und Wirklichkeit extrem divergieren. Zudem lag es eben doch nicht am fehlenden Geld in Berlin, was mehrer kritische Veröffentlichungen zu diesem Thema beweisen. Wahrscheinlich hat Zumthor mit seiner okkulten Heidegger-Philosophie nun wirklich nicht ins Konzept gepasst. Um auch hier Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin weder Architekt noch Architekturkritiker, ich beschreibe nur meine subjektiven Eindrücke bei der Betrachtung der vorliegenden Bildstrecke.
2. genial
Angelus Merkel 29.05.2009
Tja, auch ich bin weder Architekt noch Archtekturkritiker. Aber im Gegensatz zu meinem Vorposter halte ich Alles, was ich bisher von Herrn Zumthor gesehen habe, für hervorragend bis genial. Seine Bauwerke stehen für mich im positiven Sinn für moderne Architektur des 21. Jahrhunderts, das gilt auch für die ein wenig älteren Beispiele. Die Bauten vieler Kollegen dagegen stehen für mich oft für den nicht immer gelungenen Versuch die Technik unseres Jahrhunderts zu nutzen und damit zu bauen, was vorher nicht möglich war. Zumthor dagegen zeigt, dass Architektur mehr sein kann als Computertechnik plus Design. A.M.
3. Sehr gute Entscheidung.
Plethon 29.05.2009
Zumthor ist einer der größten und letzten Intellektuellen Architekten die es noch gibt! Seine Architektur ist voller puristischer - Sinnstiftender Schönheit, die natürlich nicht für jeden Menschen zugänglich ist! Das ist auch gut so, solche Gebäude können und sollen ja auch nur Menschen in andere geistige Dimensionen versetzten, welche auch eine gewisse Innere geistige Prädisposition dazu besitzen. Wie hässlich unsere Städte sind und das es nur unfähige Architekten gibt, sieht man jeden verfluchten Tag. Alle Wohnen in hässliche Häuser, Wohnblocks, Hochhäuser, fertige Einfamilienhäuser, alles optisch gleichgestellt...
4. -
kulturphänomen 29.05.2009
Zitat von W. Robert... von einer Architektur derart abgestoßen wie von Zumthors ...
ulkig, da finden sie wohl genau das schrecklich, was mich anspricht. ich würde mich nirgendwo depressiv fühlen, sondern befreit von allem überflüssigen und lauten. seine entwürfe sind nach meinem empfinden ungemein präsent und in sich sehr stimmig.
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