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Starke Frauen in TV-Serien: Rauh, reif und renitent

Von Nina Rehfeld

Statt junger Dinger im Beziehungsnotstand übernehmen jetzt starke Frauen jenseits der vierzig das Regiment in US-Serien. Mit Karrieredämmerung hat das allerdings wenig zu tun - dafür viel mit der Entdeckung reifer Weiblichkeit.

Eine Anwältin, deren größter Pluspunkt ihr Manipulationstalent ist. Eine Ermittlerin, die sich mit ihrer zauberhaft zarten Art als härteste Nuss des Los Angeles Police Department (LAPD) erweist. Eine drogendealende Mutter, die aus Not die saubere amerikanische Vorstadtidylle subvertiert. Die kaputteste Polizistin der TV-Geschichte. Das sind die neuen Heldinnen der amerikanischen Fernsehunterhaltung, sämtlich verkörpert von Frauen über vierzig.

Seit Autor und Produzent Marc Cherry seine "Desperate Housewives" lustvoll in die Fußangeln des Postfeminismus stolpern lässt, sind junge weibliche Gesichter im Fernsehen irgendwie uninteressant. Reife Frauen mit Sexappeal und Sarkasmus, mit Nervenstärke und Nehmerqualitäten sind angesagt, und nicht zufällig zieht es immer mehr gestandene Hollywoodstars in Serienrollen – nicht als Folge der Karrieredämmerung, sondern weil hier fantastische Frauenfiguren geschrieben werden.

Glenn Close, 60 und fünffach oscarnominiert, trat nach einer fulminanten Gastsaison als Kommissarin in HBOs "The Shield" kürzlich die Titelrolle in "Damages", der neuen Serie von FX an – als Anwältin, die mit mehr als beruflichem Ehrgeiz an der Verurteilung eines ehemaligen Top-Managers arbeitet. Sally Field, 60 und zweifach oscargekrönt, spielt in ABCs "Brothers and Sisters" die bedrängte Matriarchin einer Familie im zunehmend politisch polarisierten USA.

"Das Stigma des Fernsehens hat sich verändert", sagt Kyra Sedgwick, die gerade erst bei der Emmy-Verleihung gemeinsam mit Glenn Close und Mary-Louise Parker die "starken Frauenrollen" im amerikanischen Fernsehen pries. Mit 42 lässt Sedgwick die besonders zarte Weiblichkeit in der Erfolgsserie "The Closer" von FX zu neuen Ehren kommen. Ihre Ermittlerin Brenda Johnson ist eine überaus fragile, wenn auch resolute Südstaatenlady im LAPD, die mit ihrer verspielten Mädchenhaftigkeit Kollegen und Verbrecher gleichermaßen überrumpelt. Sedgwick staunt selbst: "Ich bin 42, und meine Rollen sind nie besser gewesen."

Karrieredominas statt Beziehungspalaver

Figuren wie Brenda Johnson sind dem Beziehungspalaver von "Sex and The City" ebenso entwachsen wie dem händeringenden WG-Reigen von "Friends". Sie sind in einem Alter, in dem sie mit den müden Klischees der Weiblichkeit aufzuräumen wissen. Anstatt mit bemüht steter Hand begegnen sie dem hohen Druck, der auf ihnen lastet, mit beißenden Sarkasmus oder mit rauer Wut, mit zartbitterer Cleverness oder mit kalter Entschlossenheit.

Die Karrieredomina, die Glenn Close in "Damages" spielt, wäre noch vor wenigen Jahren nur als antagonistische TV-Figur denkbar gewesen. Doch Closes messerscharfe Patty Hewes ist gerade deswegen eine interessante Figur, weil ihre Methoden sich mit dem decken, wogegen sie zu Felde zu ziehen scheint: die rücksichtslosen Machenschaften großer Konzerne. Hewes schreckt nämlich selbst nicht davor zurück, hinter den Kulissen bar jeder Ethik die Strippen zu ziehen. Hewes tut dies übrigens nicht, um sich in einer männerdominierten Welt zu behaupten zu können, wie das Fernsehen in den Neunzigern solch aggressives weibliches Verhalten gern rechtfertigte. Patty Hewes tut es, weil sie das Zeug dazu hat. "Sie ist eine wunderbar geheimnisvolle und vielschichtige Figur", sagt Close, "sehr erfolgreich, sehr anspruchsvoll, sehr gut. Und sie verliert nicht gern."

Auch die Mütter erobern dreist neue Dimensionen. Sally Field sieht sich in ABCs "Brothers and Sisters" als Patriarchin einer politisch und menschlich stark polarisierten Familie mit dem Zerbersten ihrer sorgsam gehegten Vorstellungen von Harmonie konfrontiert. Rebecca de Mornay, 48, spielt in HBOs zwischen Traum und Alltagswut oszillierendem "John from Cincinnati” die jugendliche Großmutter einer kaputten Surferfamilie, die von Wut und Karriere-Ressentiments zerfressen wird.

Anti-Heldinnen mit Sex-Appeal

In der wunderbar sarkastischen Showtime-Serie "Weeds" beginnt die rehäugige Mary-Louise Parker, 43, als Mutter unter Druck, mit Drogen zu dealen – ein ökonomischer Kunstgriff nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Denn Nancy Botwin will keinesfalls ihr hübsches Reißbrett-Häuschen und ihr perfektes Leben in der blitzsauberen Vorstadt aufgeben. Parker hatte das Angebot abgelehnt, Susan Mayer in "Desperate Housewives” zu spielen – doch sie nahm die Rolle bei "Weeds" an, "weil das hässlicher war. Ich mag die Serie, weil sie so eine düstere Farce ist."

Und dann sind da noch die Huren. Oscarpreisträgerin Holly Hunter, 49, spielt in "Saving Grace", einer gewohnt grenzensprengenden Serie von FX, eine zynische Polizistin, die die Verbrechen, unter denen sie in der Vergangenheit zu leiden hatte – darunter ihren Missbrauch durch einen katholischen Priester - mit Alkoholexzessen und wahllosem Sex zu betäuben versucht. Bis ihr ein Schutzengel namens Earl erscheint, der auch nicht viel aufgeräumter wirkt, und den sie prompt zum Duell fordert. Hunter betont, dass sie ihre Figur "extrem weiblich" findet: "Sie ist eine Anti-Heldin, eine Frau, die im Chaos zu Hause ist, die es privat kreiert und beruflich auflöst."

Frauen jenseits der vierzig seien einfach interessanter, sagt Kyra Sedgwick, weil man mit zunehmendem Alter in jeder Hinsicht besser werde. "Ich hoffe, viele weitere meiner Altersgenossinnen in starken Rollen zu sehen."

So präsent sind reife, aufregende Frauen im amerikanischen Fernsehen, dass soeben der Backlash der Männer begonnen hat: Mit "Big Shots" und "Carpoolers" startet ABC zwei Männer-Serien, die wirken wie der maskuline Gegenentwurf zur Wisteria Lane. Mit einem Vorbehalt: Soweit man den Vorschauen von ABC entnehmen kann, sind dort Männer um die vierzig noch damit beschäftigt, sich von der Pubertät zu verabschieden.

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