Stasi-Debatte "Alles verlogen, Flierl muss weg!"

Der Kinofilm "Das Leben der Anderen" und das Missgeschick des Berliner Kultursenators haben eine erhitzte Debatte über die Rechte der Täter der DDR-Diktatur ausgelöst. In Berlin wehrten sich gestern Abend ehemalige Stasi-Häftlinge gegen organisierte Geschichtskosmetik.

Von Edith Siepmann


Der Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Opfer des Ministeriums für Staatssicherheit, Abgeordnete aller Parteien, auffallend viele ältere Menschen sitzen auf den Stühlen. "Zeichen setzen", leuchtet eine rote Schrifttafel in den Saal. Als der Berliner Kultursenator Thomas Flierl in der dritten Reihe Platz nimmt, gibt es ein Blitzlichtgewitter. Mit regloser Miene und hochgezogenen Schultern in den Sitz gesunken lässt er es über sich ergehen.

Denn dass der Präsident des Abgeordnetenhauses Walter Momper gestern Abend zu einer Lesung aus Gefängnisaufzeichnungen von ehemaligen Häftlingen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR eingeladen hat, ist zu einem guten Teil dem PDS-Spitzenpolitiker Flierl zu verdanken.

Der hatte vor knapp drei Wochen bei einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung über die weitere Ausgestaltung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen eine schlechte Figur abgegeben. Auf ein organisiertes, aggressives Auftreten von 200 Ex-Stasi-Angehörigen reagierte der Diskussionsleiter Flierl nur zaghaft und unentschlossen. Viele Alt-Stasi-Mitarbeiter fühlen sich unschuldig, sie verwiesen lautstark darauf, nach geltendem Recht gehandelt zu haben. Dass aus 30.000 Ermittlungsverfahren nur ein Dutzend Haft- und Geldstrafen erfolgten, sei für sie ein weiterer Beweis ihrer Unschuld.

Ein Hohn für die Opfer. Statt die Veranstaltung zu beenden und der organisierten Geschichtskosmetik ihre Bühne zu entziehen, suchte Flierl damals einen Ausgleich. Er wies darauf hin, dass man auch mit diesen Leuten das Gespräch suchen müsse, sie seien ebenfalls Zeitzeugen.

Machte Flierl Wahlkampf auf Kosten der Stasi-Opfer?

Das ist zwar, sieht man von den Umständen der Diskussionsveranstaltung ab, nicht falsch, wurde ihm aber in dieser provokanten Situation sehr übel genommen. Erst von den anwesenden ehemaligen Häftlingen und Historikern, und  - publikumswirksam verstärkt - dann von Politikern vor allem aus der Opposition. Denn in Berlin finden im September Landtagswahlen statt. Auch wenn Flierl "persönliches Fehlverhalten" einräumte und bedauerte, die Auseinandersetzung nicht "offensiv" genug geführt zu haben, wird ihm dennoch Wahlkalkül unterstellt. Handelte er mit Rücksicht auf den ewiggestrigen Teil seines Wählerklientels? So fragt eindringlich eine Opposition, die ihrerseits in dem Skandal eine Chance wittert.

Die Auseinandersetzung trifft auf eine sensibilisierte Öffentlichkeit. In deutschen Kinos läuft zurzeit erfolgreich der Film "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck. Er zeigt abseits jeglicher DDR-Folklore die deformativen Folgen eines Überwachungsstaates auf Gesellschaft und Individuum und hat damit eine Debatte ausgelöst.

"Sie sind ein Verräter, Herr Momper"

Die Veranstaltung im Abgeordnetenhaus ist laut den einleitenden Worten seines Präsidenten Momper "eine klare und unmissverständliche Reaktion auf die infame Herabwürdigung und tiefe Verletzung der Stasi-Opfer. Vor dem Hintergrund der DDR-Nostalgie wagen sich die Täter von gestern wieder an die Öffentlichkeit und erheben frech ihr Haupt." Ein Zwischenrufer unterbricht ihn: "Sie sind ein Verräter, Herr Momper. Das sag' ich klar und deutlich!" Die meisten Stasi-Geschädigten können sich nicht damit abfinden, dass in Berlin die SPD mit der aus der SED entstandenen PDS die Regierung bildet.

Die Kameras verfolgen jede Regung von Thomas Flierl, doch seine Mimik ist verschlossen. Nur als Hubertus Knabe demonstrativ auf ihn zukommt, steht er erfreut auf und lässt sich im einvernehmlichen Gespräch mit dem Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen filmen, der ihn zuvor stark kritisiert hatte.

Die Schauspieler Udo Schenk und Karsten Harfst sowie einige ehemalige Häftlinge beginnen, aus Zeitzeugenberichten zu lesen. Vom Brief des 1945 inhaftierten Schauspielers Heinrich George an seine Frau bis zu den Aufzeichnungen der 1988 verhafteten Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld werden 18 Zeugnisse der menschenverachtenden Geschichte des Stasi-Untersuchungsgefängnisses Berlin-Hohenschönhausen überliefert, das vor 1951 "Zentrales Untersuchungsgefängnis für Deutschland" der sowjetischen Besatzer war.

Dieter Rieke, 1948 eingekerkert, beschreibt die Wasserfolter: tagelanges Stehen in einer Zelle mit unter Wasser gesetztem Boden. Zermürbung und Zusammenbruch mit Geständnis und Verrat der Freunde war das Ziel. Kurt Müller wurde als Zweiter Vorsitzender der KPD Westdeutschlands 1950 verhaftet und schildert die Dauerverhöre im Stehen, nachts und tags, die kleine fensterlose Zelle, in der ständig ein lauter Ventilator lief.

Nur herein, wenn's kein Schneider ist 

Der 1952 verhaftete Horst Fichter liest selbst vor, vom Stehkarzer, von der Kellerzelle. "Nach drei Monaten gab ich Verbrechen zu, die nicht stattgefunden hatten. Nach drei Monaten unterschrieb ich alles, obwohl ich nur Flugblätter verteilt hatte. Man wollte nur noch schlafen und ins Zuchthaus." Walter Janka, Leiter des Aufbau-Verlages, wurde 1956 verhaftet und beschreibt das überdimensionale Stalin-Bild, das noch drei Jahre nach dessen Tod im Aufnahmebereich von Hohenschönhausen hing. "Sein Geist war hier gegenwärtig geblieben." Splitternackt musste sich Janka vor Stalins Bildnis ausziehen. Als er die Augen auf den Boden richtet, hört er die ironische Aufforderung: "Kopf hoch, Janka!" Es ist die Stimme des Chefs der Staatssicherheit, Erich Mielke. "Bücken, noch tiefer, mit beiden Händen die Arschbacken auseinander ziehen!", kommandierte dann ein Stasi-Offizier.

Die ehemaligen Häftlinge schreiben weniger von direkter körperlicher Folter, sondern von Isolation, Langeweile, Ausgeliefertsein, Vereinsamung. Gilbert Furian, der 1985 wegen "Anfertigens von Aufzeichnungen, die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden", eingekerkert wurde, spricht vom lähmenden Nichtgeschehen im Zellenalltag. Perverse Vertrautheit mit dem Vernehmer, der sich Betreuer nannte, kam auf. Jahrelang war der Major sein einziger Gesprächspartner. Beim Kännchen Tee mit Zitrone wurde eine Atmosphäre hergestellt, in der es sich besser verpfeifen lassen sollte. Als Furians Mutter bei einem Besuch nach dem Namen des Majors fragte, antwortete der: "Schneider. Wir heißen hier alle Schneider!" Darauf die Mutter: "Ach so, daher kommt das Sprichwort: Nur herein, wenn's kein Schneider ist." Furian blieb nach seiner Entlassung bis zum Herbst 1989 vollkommen apolitisch.

"Der Glaube wurde ihnen ausgetrieben"

Dann tritt Christian Kunert auf. Ein weißes Stirnband um den grauen Haarkranz, in Jeans und nicht im Anzug wie die älteren Stasi-Opfer, dafür aber mit Gitarre. Kunert war Teil der in der DDR populären und schließlich verfolgten Klaus Renft Combo. 1976, im Zuge der Künstler-Opposition gegen die Biermann-Ausbürgerung aus der DDR, wurden er und sein Freund, der Liedermacher Gerulf Pannach, verhaftet und in die BRD ausgewiesen.

An die uneinsichtigen Ex-Stasi-Aufseher appelliert Kunert, dass sie sich erst mal selber in ihre eigene Gefängnis-Obhut hätten begeben müssen, um jetzt mitreden zu können. Großer Applaus. Die Rechtfertigung der Stasi-Mitarbeiter, man habe doch einer guten Sache gedient, kontert er: "Etliche Leute, die eingesperrt wurden, haben auch an eine gute Sache geglaubt und der Glaube wurde ihnen ausgetrieben." Kunert singt seinen Blues über einen in den Hohenschönhausen-Knast weggeschlossenen Freund stimmgewaltig ins Rund des Abgeordnetenhauses und verlängert ihn um eine Nachwende-Strophe: "Ich singe meinen Blues in Rot. Wie groß die Hoffnung war an den Runden Tischen, da wo jetzt die Chefsessel stehen…"

Zum Schluss der Veranstaltung singt Christian Kunert noch eine Ballade über verlorene Heimat und Verlassenheit, die mit dem Auftrag endet, "Rufer in der Wüste" zu sein. Ein Abschieds-Gruppenfoto mit Walter Momper wird arrangiert, bei stehenden Ovationen für die ehemaligen Stasi-Häftlinge.

Plötzlich tönen Rufe von der rechten Seite. Ungefähr 30 Leute stimmen im Chor an: "Alles verlogen. Flierl muss weg! Flierl muss weg! Flierl muss weg!" Der Kultursenator ist da aber gerade schon durch den Ausgang verschwunden. Walter Momper geht wenig später.



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