Stasi-Hörspiel: Berlin bläst zum Lauschangriff

Von Lars-Olav Beier

Im Angesicht der Überwachungskamera: Bei dem Freiluft-Hörspiel "50 Aktenkilometer" in Berlin können sich Hörer die Stasi-Geschichte erwandern - und nebenbei erleben, wie eine Stasi 2.0 im Zeitalter von Google-Streetview und GPS funktionieren könnte.

Überwachung als Kunstprojekt: "Ich sehe Dich." Fotos
Google Earth/ bef.friebel

Wenn er die Familienministerin Schröder abhören wolle, müsste er nur einen Fotoapparat auf die Scheibe des Raumes richten, in dem sie sich befindet, sagt Detlev Vreisleben. Nicht irgendeinen Fotoapparat, sondern einen speziellen, mit dem man über einen Laserstrahl die Vibrationen des Glases ermitteln kann, die eine im Raum stattfindende Unterhaltung auslöst. So könne man die gesprochenen Sätze rekonstruieren. Die Physik, sagt Vreisleben, sei in Ost und West gleich, und sie kenne nun mal keine Moral.

Der aus West-Deutschland stammende Ingenieur der Sicherheitstechnik steht vor dem Gebäude des Familienministeriums in der Glinkastraße in Berlin-Mitte, während er dies erzählt. Die Stasi, führt er aus, habe bereits in den achtziger Jahren mit Laserstrahlen experimentiert, um in Gebäude hineinzulauschen, allerdings ohne Erfolg. Heute hingegen sei die Technik ausgereift, sagt er und redet darüber so selbstverständlich wie ein Fensterputzer über seine Tricks, die Scheiben zu säubern.

Die Zeitzeugen rufen an

Vreisleben ist eine von rund 100 Personen, die in dem Hörspiel "50 Aktenkilometer" zu Wort kommen. Ihre Stimmen sprechen den Hörer jäh an, während er durch die Straßen von Berlin geht, sie kommen nicht aus dem Radio, sondern aus dem Handy. Zusammen mit Deutschlandradio Kultur und dem Hebbel-Theater am Ufer bespielt die Künstlergruppe Rimini Protokoll von Dienstag bis zum 13. Juni ein rund zweieinhalb Quadratkilometer großes Areal in Berlins Mitte mit einem "begehbaren Stasi-Hörspiel".

Jeder Hörer wird von den Veranstaltern mit einem GPS-Handy ausgestattet, das ihm automatisch eine "akustische Blase" zuspielt, sobald er einen bestimmten Punkt im Areal erreicht. Rund 120 solcher Blasen können zwischen der Behörde für Stasi-Unterlagen nördlich des Alexanderplatzes und dem Brandenburger Tor angesteuert werden. Der Weg ist nicht vorgeschrieben, jeder Teilnehmer kann sich auf Schritt und Tritt sein eigenes Hörspiel zusammenstellen.

Stasi-Opfer lesen aus ihren Akten vor, informelle Mitarbeiter der Stasi erzählen, wie sie vom Ministerium für Staatssicherheit angeheuert wurden, Besucher aus dem Westen berichten, wie sie verhaftet und von der Stasi verhört wurden - etwa eine West-Berlinerin, die am 1. Mai 1989 auf der Ostseite des Brandenburger Tors einen Teppich ausbreitete, mit der Aufschrift "Fliegender Teppich" versah und ein flammendes Plädoyer für die Reise- und die Gedankenfreiheit hielt.

Verhaftet mit Bettvorleger

Der Hörer lauscht ihren Erzählungen, während er nahe dem Brandenburger Tor steht, mitten im Trubel der Touristen, deren fröhliches Gekreische immer wieder in die Hörblase eindringt und sich mischt mit der Beschreibung der Vorgänge vom Mai 1989. Plötzlich ändert sich der Ton, es schrabbelt im Ohrhörer. Eine Männerstimme vermeldet, eine West-Berlinerin, Jahrgang 1960, wohnhaft in der Mainzer Straße 39, sei von einem "VP" verhaftet worden, mit einem "Bettvorleger".

Der "VP" war ein Volkspolizist, und der Mann, der davon berichtete, ein Mitarbeiter des MfS, der die Teppich-Demo der Zentrale meldete. Dieses Tondokument von 1989 zeigt, wie groß die Paranoia und Überwachungswut der Stasi war: Sie ließ sogar die Gespräche der eigenen Leute mitschneiden. In Momenten wie diesen verdichtet sich das Hörspiel "50 Aktenkilometer" zum kafkaesken Gesellschaftsporträt. Und während der Hörer noch amüsiert den beflissenen Beamten lauscht, bekommt er plötzlich eine SMS: "Ich sehe dich."

Die Spur der Soundblasen

Die Nachricht wurde abgesandt in der "Überwachungszentrale" des Hörspiel-Projektes am Alexanderplatz. Hier werden die digitalen Spuren der lauschenden Spaziergänger verfolgt, aufgezeichnet - und jedem Teilnehmer am Ende als Ausdruck zur Verfügung gestellt. Hier kann man aber auch die Wege der Anderen verfolgen, in Echtzeit, und ihnen Mitteilungen auf ihr Handy schicken. Man beginnt zu ahnen, wie im Zeitalter von GPS und Google-Streetview eine Stasi 2.0 aussehen könnte.

"50 Aktenkilometer" ist keineswegs nur packend rekonstruierte Geschichte. Immer wieder hat der Zuschauer das Gefühl, in einer Zeitschleife zu stecken, in der Vergangenheit und Gegenwart ständig ineinander übergehen. Wer etwa um die Stasi-Unterlagen-Behörde herumgeht, dabei die Schilderungen eines Opfers hört und sich plötzlich in der Weydinger Straße im Auge einer Überwachungskamera wiederfindet - der spürt in diesem Moment, wie kalt ein Blick sein kann.

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ja,ja ......
juergw. 17.05.2011
Zitat von sysopIm Angesicht der Überwachungskamera: Bei dem Freiluft-Hörspiel "50 Aktenkilometer" in Berlin können sich Hörer*die Stasi-Geschichte erwandern - und nebenbei*erleben, wie eine Stasi 2.0 im Zeitalter von Google-Streetview und*GPS funktionieren könnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762804,00.html
da tränen den alten Genossen die Augen ,wenn Sie sehen welche Möglichkeiten mit den technischen Einrichtungen Sie heute hätten.Oder gleich bei Facebook suchen und verwerten.
2. Geheimdienstwissen ist jetzt z.T. Allgemeingut
Manitou, 17.05.2011
Seit etwas mehr als 20 jahren wurde ein etwas problematischer geist aus der Flasche gelassen. Das öffentliche Sezieren eines Geheimdienstes ermöglicht einerseits dem Bürger, sich gegen Bespitzelung zu schützen, wenn er weis, wo er angegriffen werden kann (positiv). Alle Geheimdienste der Welt arbeiten nach den gleichen Methoden, wie die Stasi. Jeder kann heutzutage wissen, wie er sich gegen einen Lauschangriff wehrt, Datenspuren verschleiert und Beschatter erkennt. Negativ ist aber, daß heute jeder Dilletant sich seinen eigenen Geheimdienst "basteln" und sich bei einschlägigen Elektronikmärkten mit optisch-akustischer Spionagetechnik schon für wenig Geld ausrüsten kann, um nachbarn oder Mitarbeiter zu bespitzeln. Die Affären von Bahn, Post, Lidl und co. sind nur die Spitze des Eisberges.
3. Hmm ...
Monark™ 17.05.2011
Interessantes Projekt. Es erinnert mich ein bisschen an die Locative Art in William Gibsons vorletztem Roman "Quellcode" (Spook Country). Der hat auch als Sci-Fi-Autor angefangen, und nun sind seine Romane verwirrenderweise in der Gegenwart angelangt.
4. na, dann mal weiter …
kulinux 17.05.2011
… und das Gleiche bitte auch für den BND und den Verfassungsschutz. Vielleicht erfahren wir dann ja, was eigentlich mit dem deutschen Arm von "Gladio" war – unsere Volksvertreter haben ja bisher kein Interesse an der Aufklärung. Wäre aber auch zuuu dumm, wenn – in Analogie zu Italien – die RAF nur eine Schauspieltruppe deutscher Geheimdienste (und westlicher, die auf unserem Territorium besonders ungehindert agieren …) gewesen sein sollte. Von der (andauernden) Bespitzelung vieler Bürger und Institutionen mal ganz abgesehen - aber das erfolgt ja für einen guten Zweck. Komisch, dass die Stasi-Leute davon auch überzeugt waren … Ach ja, und besonders unterhaltsam stelle ich mir auch vor, wenn die tumben Neonazis endlich realisieren, dass sie allesamt nur von ein paar V-Leuten (in die Irre) geführt werden. Geheimdienste sind einer Demokratie unwürdig – aber wer will schon Demokratie?
5. Vorsicht Kamera!
roterschwadron 17.05.2011
Zitat von sysopIm Angesicht der Überwachungskamera: Bei dem Freiluft-Hörspiel "50 Aktenkilometer" in Berlin können sich Hörer*die Stasi-Geschichte erwandern - und nebenbei*erleben, wie eine Stasi 2.0 im Zeitalter von Google-Streetview und*GPS funktionieren könnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762804,00.html
Wär nicht das Allgäu ein besserer Platz für die Aufführung der Kunstaktion gewesen? Die lokalen Bühnenbildner dort sind zwar teilweise noch in der verlängerten Ausbildungsphase, haben sich aber, nicht zuletzt aufgrund spektakulärer Provokationen in der Schweiz, bereits im Internet einen Namen gemacht...
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