Stasi-Streit in Berlin "Rot lackierte Faschisten"

Bei einer Buchvorstellung in Berlin kam es heute zu heftigen Wortgefechten. Anlass war unter anderem die Behauptung des ehemaligen Stasi-Obersts Peter Pfütze, die Häftlinge im Gefängnis Hohenschönhausen seien "korrekt behandelt" worden.


Berlin - Eine besondere Art der DDR-Wirklichkeit haben zwei ehemalige Stasi-Offiziere heute Vormittag in Berlin in ihren neuen Büchern ausgebreitet. Die vom Eulenspiegel Verlag veranstaltete Buchvorstellung verlief durch lautstarke Einsprüche von Opfern des SED-Regimes teilweise turbulent.

Autoren Schramm, Pfütze (r.): "Es gab keine Beschwerden!"
DDP

Autoren Schramm, Pfütze (r.): "Es gab keine Beschwerden!"

Der frühere DDR-Topagent Markus Wolf erschien entgegen einer Verlagsankündigung nicht zu der Lesung. Sein ehemaliger Vize Werner Großmann, der wie Wolf sprechen sollte, saß im Publikum. Er drohte einem Ex-Häftling eine Beleidigungsklage an.

Der ehemalige Stasi-Oberst Peter Pfütze stellte in seinem Buch "Besuchszeit - Westdiplomaten in besonderer Mission" dar, dass es bei den rund 3400 Besuchen der Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei gefangenen Bundesbürgern im Ostberliner Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen keine Beschwerden und Proteste gegeben habe.

Unter höhnischem Gelächter eines Teils des Publikums erklärte er: "Die Gefangenen wurden korrekt behandelt." Pfütze war nach eigener Darstellung zuständig für die Gefangenenbesuche. Die Frage, ob er für die Recherchen zu seinem Buch die ihm seinerzeit persönlich bekannten Mitarbeiter der damaligen Ständigen Vertretung Bonns kontaktiert habe, verneinte er - auch den "als Diplomaten getarnten" August Hanning nicht, der später zum BND-Präsidenten aufstieg und derzeit Staatssekretär im Bundesinnenministerium ist.

Der Oberst im früheren DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Gotthold Schramm, zeichnet sich als Herausgeber des Buches "Der Botschaftsflüchtling" verantwortlich, in dem frühere "Kundschafter" - darunter die beim BND platzierte Gabriele Gast oder der durch den Überläufer Werner Stiller enttarnte Johannes Koppe - mit Anekdoten vertreten sind. In einem Vorwort von Wolf und Großmann heißt es, mit ihren Berichten träten die ehemaligen Agenten und Mitarbeiter der Stasi-Zentrale auch "den andauernden Bemühungen entgegen, sie und die nachrichtendienstliche Tätigkeit für die DDR zu diffamieren und zu kriminalisieren".

Unter Gelächter von Regimeopfern führte Schramm aus, die angewandten Agentenmethoden hätten nie zu schweren Straftaten wie "Terrorismus, Folter und Mord" geführt.

Während der Buchvorstellung kam es im Publikum zu lautstarken Protesten von Regimeopfern und ebenfalls lauten Gegenbemerkungen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Großmann forderte einen früheren DDR-Bürger und Ex-Gefangenen auf, seinen Namen zu nennen, damit er ihn anzeigen könne. Der aufgebrachte Mann hatte die DDR-Behörden als "rot lackierte Faschisten" bezeichnet.

Schramm zeigte sich zur objektiven Aufarbeitung der Stasi-Geschichte bereit, wenn er und seine Kameraden nicht in emotional aufgeladener Atmosphäre mit Verbrechern in eine Ecke gestellt würden.

anr/AP



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