Stasi-Thriller im ZDF Dämonen im Zauberwald

Stasi-Drama im Spreewald: Die Helden des ZDF-Films "Das Geheimnis im Moor" treiben in einem langen, unruhigen Fluss aus Lügen, Sehnsüchten und Begierden. Der gelungene TV-Thriller zeigt die moralischen Verwerfungen von Stasi-Opfern und -Tätern vor zauberhafter Kulisse.

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Im Moor geht nichts verloren. Was hier luftdicht unter Schichten von Torf lagert, lässt sich nach tausend Jahren ausgraben, besichtigen und studieren. Moorleichen sind die stummen Zeugen längst vergangener Epochen. Aber was sind schon tausend Jahre gegen die 17, die seit dem Fall der Mauer vergangen sind? Wie aus einer fremden, fernen, geradezu prähistorischen Zeit erscheint einem gelegentlich, was bis 1989 im Osten des Landes vor sich gegangen ist. Vielleicht braucht es deshalb eine Moorleiche, um das Erinnern in Gang zu bringen.

Szene mit Sebastian Blomberg: Stochern in der Vergangenheit
ZDF/Maria Krumwiede

Szene mit Sebastian Blomberg: Stochern in der Vergangenheit

Der plastische Chirurg Til Desno (Sebastian Blomberg) hat jetzt so einen morschen Körperrest auf seinem Berliner Labortisch liegen. Er wurde im Spreewald gefunden, wo Desno selbst aufgewachsen ist. Mit Forscherneugier nähert er sich der Leiche: Wer das wohl mal war? Ein Rotarmist, der gegen Kriegsende von seiner Truppe versprengt wurde? Ein Tourist, der sich im Zauberwald verirrte? Die Antwort ist naheliegender: Es handelt sich – wie der Mediziner nach der Rekonstruktion am Computer feststellt – um Jugendfreund Ralf, der seit der Abifeier vor 20 Jahren als vermisst gilt.

Also kehrt Desno, der verlorene Sohn von Lübbenau, der nach dem Schulabschluss auf Nimmerwiedersehen nach Berlin zog, zurück in den Spreewald. Zurück zur Mutter (Angela Winkler), die mit der geistig behinderten Tochter in einer Waldhütte ohne Telefon lebt. Zurück zur Jugendliebe (Anna Loos), die inzwischen eine kleine Herberge für Touristen betreibt.

Desnos Jugendliebe ist jetzt mit einem anderen Jugendfreund (Kai Scheve) liiert. Die Eheleute hatten zu DDR-Zeiten ein Jahr in Haft verbracht – wegen einer aufgeflogenen Republikflucht, die sie während der verhängnisvollen Abi-Feier 1986 gemeinsam mit Desno geplant hatten. Doch der hatte sich durch einen kleinen Handel mit dem Stasi-Schergen vor dem Gefängnis retten können, während die Freunde ihre Zeit in Bautzen absitzen mussten.

Echter und angenommener Verrat

Das Krimi-Drama, das sich in der Zauberwelt des Spreewalds entfaltet, ist eine herrliche Zumutung. Die ethisch-moralische Gemengelage ist erst einmal ziemlich unübersichtlich für den Zuschauer, da nützen auch die wunderschön fotografierten Landschafts-Impressionen nicht viel. Schuldig, so stellt sich in Rückblenden und Gesprächen nach und nach heraus, ist hier (fast) jeder auf die eine oder andere Weise geworden. Deshalb interessiert Regisseur Kai Wessel ("Klemperer – Ein Leben in Deutschland") und Autor Thomas Kirchner ("Mord am Meer") kaum die Feststellung, dass jemand etwas Falsches getan hat, sondern vielmehr die Frage nach dem Weshalb.

Wem das Lügen- und Läuterungstheater im Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" ein bisschen zu geschniegelt und zu schöngeistig daherkam, der wird in "Das Geheimnis im Moor" nun mit einem weniger sakral inszenierten Geflecht menschlicher Verfehlungen konfrontiert. Echter und angenommener Verrat, kleine Verbrechen und monströse Gerüchte, jugendliches Aufbegehren und pragmatisches Arrangieren mit den Verhältnissen bilden hier eine unheilvolle Allianz.

So wie die Holzboote auf den Fließen des Spreewalds treiben, geraten die Helden und Antihelden des Films in einen Sog aus Lügen, Sehnsüchten und Begierden. Dabei sind die Filmemacher schlau genug, ihre Figuren und deren Handeln nicht billigem Relativismus anheim fallen zu lassen: Den Versöhnungsversuch des einstigen Stasi-Mannes zum Beispiel, der heute auf die Befehle von damals verweist, lassen sie ins Leere laufen. Jeder hat seine Gründe – doch nicht alle reichen aus, das eigene Tun zu legitimieren.

Paddeltour mit Hindernissen

Während sich dem Zuschauer nebenbei die Perfidie des totalitären Systems aus Bestrafung und Belohnung verdeutlicht, stützt sich das Geschehen vor allem auf die subjektive Aufarbeitung der Ereignisse durch den Heimkehrer. In einer der stärksten Szenen legt sich der Spreewald-Spross ins Holzboot, um den aus dem Ruder gelaufenen Abi-Abend zu rekonstruieren, bei dem der Schulfreund ums Leben gekommen ist. Und so treibt er, das Gesicht zur Sonne, durch die ruhigen Fließe – um auf einmal gegen eine Schleuse zu bumsen, die vor 20 Jahren noch nicht da war. Erinnern ist eben immer eine Exkursion gegen innere und äußere Widerstände, keine plauschige Paddeltour.

Das Memorieren wird hier derart konsequent in Szene gesetzt, dass man gelegentliche dramaturgische Schwachstellen (der Held als Pathologe, der den alten Freund auf den Seziertisch bekommt, ist ein bisschen viel) gerne übersieht. Vom Sounddesign mit seinem suggestiven Rascheln und Rauschen über die Bildmontage, die sich in ähnlich ruhigem Fluss befindet wie die Wasserstraßen im Moor, bis zur Kamera von Holly Fink ("Dresden"), der grandios das Licht- und Schattenspiel der Baumwelt einfängt – all das sind Mittel, um die Entzauberung des Zauberwalds voranzutreiben.

"Das Geheimnis im Moor" ist ein kleiner feiner Thriller, mit dem das ZDF – wie zuvor schon in den "Solo für Schwarz"-Krimis aus Schwerin – ein Stückchen die Entmystifizierung der ganz nahen und doch so fernen jüngeren deutschen Geschichte vorantreibt. Wie die Schichten von Torf im Moor türmt sich hier zwar unübersichtlich die Schuld der Menschen. Doch man muss diese Schichten nur abtragen, dann stößt man irgendwann unweigerlich auf den Kern des Verbrechens. Im Moor geht eben nichts verloren.


Das Geheimnis im Moor. Montag, 6.11., 20.15 Uhr, ZDF



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