Stasi-TV-Doku "Verraten": Spitzel mit Spitzenleistung

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Dramatischer als "Das Leben der Anderen": Die ARD-Dokumentation "Verraten" zeichnet eindringlich nach, wie systemkritische Studenten in der DDR von einem Kommilitonen überwacht wurden – und konfrontiert den Täter mit seinen Opfern.

Der Täter gibt Auskunft. Beredt, trocken, abwägend. Eine Gruppe von sechs Freunden hat Arnold Schölzel Ende der Siebziger für die Stasi bespitzelt. Die anderen wollten einen demokratischen Sozialismus, Schölzel glaubte das System der DDR verteidigen zu müssen. Also fertigte er Protokolle über das Treiben der Regimekritiker an; über 1000 sind es am Ende geworden, sein Observationseifer war offensichtlich unerschöpflich. Im Film wird der Stasi-Spitzel vor laufender Kamera angeklagt: "Du hast uns verraten – und dabei kein schlechtes Gewissen?" Seine Erwiderung: "Ich habe das immer als Politikum begriffen."

Die damalige Oppositionsgruppe (im Audimax an der Berliner Humboldt-Universität): Sebastian Kleinschmidt, Klaus Wolfram, Jan Lautenbach, Wolfgang Nitsche, Dieter Krause und Wolfgang Templin, v.l.
WDR

Die damalige Oppositionsgruppe (im Audimax an der Berliner Humboldt-Universität): Sebastian Kleinschmidt, Klaus Wolfram, Jan Lautenbach, Wolfgang Nitsche, Dieter Krause und Wolfgang Templin, v.l.

Der Verweis aufs große Ganze zur Verschleierung individueller Schuld ist eine altbekannte Strategie; in den 17 Jahren seit der Wiedervereinigung wurde sie wieder und wieder angewendet. Doch in dieser Dokumentation kommt es zu einer bislang ungesehen Konfrontation zwischen Täter und Opfern, das bringt eine neue Dimension in die Aufarbeitung.

Denn gedreht wurde "Verraten" von Inga Wolfram – der Ehefrau eines der sechs observierten Mitglieder der Oppositionellen-Gruppe. Auch sie stand durch Schölzels Spitzeldienste mit einem Fuß im Gefängnis; ihr Film erzählt also gleichsam aus der Wir-Perspektive. Es ist eine durchaus riskante Technik, die Opfer selbst das Verbrechen rekonstruieren zu lassen. Denn natürlich kann man aus dieser Position nicht objektiv richten und berichten. Aber eben darum geht es in "Verraten" auch gar nicht: Die Schuld, sie ist ja längst geklärt. In der Birthler-Behörde lagern Hunderte von Akten, die den Nachweis über Schölzels Spitzeltätigkeit erbringen. Leugnen wäre zwecklos, der Denunziant versucht es erst gar nicht.

Stattdessen offenbart sich in dem emotional aufgeheizten 45-Minüter (heute Abend, 23.30 Uhr) ein erhellendes Szenario aus Verschwörung und Verrat. Der Kinohit "Das Leben der Anderen" mit seinem relativ schlichten Lügen- und Läuterungstheater wird hier nicht nur an melodramatischer Wucht, sondern vor allem auch an psychologischer und politischer Komplexität übertroffen.

Kein schmieriger Stasi-Scherge

Der Verräter Schölzel etwa, so schonungslos er von seinen Opfern attackiert wird, war weit mehr als ein eindimensionaler Opportunist. Kein schmieriger Stasi-Scherge, wie man ihn aus den einschlägigen Filmen kennt. Er war ein Überzeugungstäter, dessen Motivation für den Spitzeldienst in der eigenen Geschichte zu finden ist: In den Sechzigern floh er aus der BRD vor dem Wehrdienst in ein System, das ihm ideal erschien. Heute verwaltet Schölzel als Chefredakteur der "Jungen Welt" die geistigen Rückstände des einst realen Sozialismus. Der Mann war kein Mitläufer, der Mann glaubte in einer Mission unterwegs zu sein. Das war es wohl, was ihn als Spitzel zu Spitzenleistungen antrieb.

In den Philosophiestudenten der Humboldt-Universität zu Berlin, die sich in den Siebzigern zu einer oppositionellen Gruppe zusammenschlossen, konnte jemand wie Schölzel nur Feinde sehen. Auch sie hatten eine Mission: "Es war klar, dass wir tun müssen, was wir denken", erinnert sich einer. Man sah sich nicht als studentischer Debattierclub, irgendwann wurde der Rotwein abgesetzt. "Das war kein 68er-Leben, wir wollten die Regierung stürzen!", erklärt ein anderer.

Dabei formierte sich dieser Widerstand aus dem geistigen Machtzentrum der DDR selbst. Die jungen Verschwörer waren Abkömmlinge von Parteifunktionären oder von verdienstvollen Antifaschisten. Dass sie studieren konnten, war ein Privileg, welches ihnen ein Staat zukommen ließ, den sie abschaffen wollten.

Es ist das Aufzeigen dieser gesellschaftspolitischen Widersprüche, die "Verraten" zu einer ergiebigen Studie über den geistigen Widerstand in der DDR macht – und zu einer wichtigen Ergänzung zu der viel beachteten Dokumentation "Jeder schweigt von etwas anderem". In dem vom ZDF koprodizierten Film sind vor allem die Willkür-Opfer des Stasi-Apparats zu Wort gekommen, in der WDR-Arbeit geht es nun um die kritischen Geister, die das System DDR selbst erzeugt hat. "Wir waren Kinder der herrschenden Klasse", heißt es am Ende des Films.

Wie alle anderen Aufarbeitungen stützt sich auch "Verraten" auf die penibel festgehaltenen Observationsvorgänge, die in der Birthler-Behörde in Form von Papierbergen lagern. "Eine Chronik unseres Lebens" nennt Inga Wolfram die Spitzel-Berichte. Nichts geht verloren, alles steht in den Akten. Welch Ironie: All die Aufzeichnungen, die angefertigt wurden, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen, legen nun Zeugnis vom Unrechtsstaat ab.


Verraten – Sechs Freunde und ein Spitzel, Mittwoch 23.30 Uhr, ARD

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