Stasi-Vorwürfe Aktenstreit über neuen NDR-Sportchef

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) fordert von der Berliner Birthler Behörde die vollständige Akte seines desginierten neuen Sportchefs Hagen Boßdorf. Zahlreiche Zeitungen seien besser über die angebliche Stasi-Vergangenheit des Journalisten informiert als der Sender.


Hamburg - Unterlagen der Birthler-Behörde zu Boßdorf, die kürzlich in der Presse bekannt geworden seien, lägen dem Sender nicht vollständig vor, erklärte NDR-Sprecher Martin Gartzke heute. "Das Material, das die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU) ausgewählten Journalisten ausgehändigt hat, ist offenbar nicht identisch mit den Unterlagen, die sie dem NDR geschickt hat", sagte Gartzke der dpa. Der Sender will die neuen Stasi-Vorwürfe gegen Boßdorf nun sorgfältig prüfen. Der Journalist soll im März nächsten Jahres Nachfolger von Gerhard Delling als Sportchef beim NDR werden.

Designierter NDR-Sportchef Boßdorf: Mutmaßungen über Stasi-Vergangenheit
DDP

Designierter NDR-Sportchef Boßdorf: Mutmaßungen über Stasi-Vergangenheit

Nach Angaben des NDR-Sprechers habe der Sender von der Behörde insgesamt 36 Seiten erhalten: sieben Seiten Anschreiben und Erläuterungen der BStU, zwölf Seiten, die sich auf die bereits bekannte Tätigkeit Boßdorfs im Wachregiment 'Feliks Dzierzynski' bezögen, sowie 17 Seiten, zu deren Inhalt sich Boßdorf schon Anfang 2002 im Rahmen seiner Ernennung zum ARD-Sportkoordinator ausführlich geäußert habe. Mehreren Zeitungen liege aber offenbar ein 80-seitiges Dossier vor, sagte Gartzke.

Von einem Entwurf einer Stasi-Verpflichtungserklärung, von dem in Veröffentlichungen die Rede gewesen sei, sei dem Sender nichts bekannt. Auch fänden sich in den dem NDR vorliegenden Unterlagen keine Hinweise darauf, dass Boßdorf als so genannter Werber aufgebaut werden sollte.

Der Sender werde nun die Übermittlung der vollständigen Unterlagen beantragen, erklärte Gartzke. "Sollten sich jetzt neue Sachverhalte ergeben, wird der NDR diese prüfen, soweit sie für das künftige Arbeitsverhältnis relevant sein sollten."

Unter Berufung auf neue Akten der Birthler-Behörde hatte "Die Welt" heute Details einer angeblichen Stasi-Verstrickung Boßdorfs veröffentlicht. So gehe aus den Unterlagen hervor, dass der inoffizielle Mitarbeiter (IM) "Florian Werfer", ein Deckname der mit Boßdorf in Verbindung stehe, während seiner Hochzeitsreise für die Stasi operative Kontakte herstellen sollte. Laut "Welt" regten Stasi-Führungsoffiziere an, "Werfer" solle die geplante Reise mit seiner am 13. Mai 1989 frisch Angetrauten nach Budapest nutzen, um "Kontakte zu operativ interessanten Personen" herzustellen. "Dabei wurde die Möglichkeit erwogen, finanzielle Mittel durch das Ministerium für Staatssicherheit dafür zu stellen", zitierte die Zeitung aus einem Treffbericht.

Der Sprecher der Birthler-Behörde, Christian Booß, bezeichnete die Vorwürfe des NDR gegenüber dpa als unverständlich. "Alle wesentlichen Erkenntnisse lagen dem NDR am 26. Oktober vor". Es sei nicht zutreffend, dass wesentliche Unterlagen vorenthalten wurden. Vielmehr sei dem NDR zusätzliches Material mit "mehreren Hinweisen auf inoffizielle Tätigkeit" Bosdorfs überlassen worden.

Booß verwies bezüglich der vom NDR monierten Diskrepanz in den Unterlagen auf die unterschiedlichen Rechtsvorschriften. Danach konnte der NDR einen Überprüfungsantrag stellen, der von der Behörde zusammenfassend beantwortet wurde. Medien dagegen können vollständige Akteneinsicht nehmen. Nach Aussage von Booß habe der NDR seit Ende Oktober mehr Informationen vorliegen als im Jahr 2002 bekannt. Aus den Erkenntnissen passe es ins Bild, dass der Journalist als "Werber" tätig werden sollte, ergänzte Booß.



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