Stefan Zweig in der Berliner Schaubühne Mitleid auf die brutale Tour

Der Regisseur Simon McBurney macht in der Berliner Schaubühne aus Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" eine fabelhaft konzentrierte Theater-Beschwörung - nur die platten Gegenwartsverweise stören.

Gianmarco Bresadola

Nachts im Museum beginnt dieser Theaterabend. In einem Schaukasten sieht man zwei Uniformen: Die eine ist blutbefleckt und gehörte dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, der im Juni 1914 in Sarajevo von einem Attentäter erschossen wurde. Die andere ist eine strahlend saubere, blaue Offiziersuniform der Habsburgerkavallerie, in die der Held dieser Aufführung gleich vor den Augen der Zuschauer hineinsteigen wird.

Der Schauspieler Laurenz Laufenberg, ein schlaksiger Kerl mit struppigem Haar, spielt den jungen österreichischen Offizier Anton Hofmiller, der sich in den Tagen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in eine unheilvolle Liebesgeschichte mit einer reichen, gelähmten jungen Frau verstrickt.

"Ungeduld des Herzens" heißt der 1939 erschienene, im Jahr 1914 spielende Roman von Stefan Zweig, der in der Berliner Schaubühne dem britischen Regisseur Simon McBurney als Stoff für eine geisterstundenhafte, konzentrierte, nur minimal kitschige Kunstübung dient.

Zweig erzählt davon, wie der junge Soldat Hofmiller in einer Garnisonsstadt an der ungarischen Grenze auf ein Schloss eingeladen wird und ahnungslos Edith, die beinlahme Tochter des Schlossherrn, zum Tanz auffordert; wie er sich bei Edith entschuldigt, täglich zu Besuch kommt, von dem liebesverzweifelten Mädchen angehimmelt und beschimpft wird; und wie sich Hofmiller aus Mitleid und Pflichtgefühl immer tiefer in Schuld verstrickt.

Was geht uns diese Story, deren Moral behauptet, die schlimmsten menschlichen Verbrechen würden "nicht aus Bosheit, sondern aus Schwäche verursacht", heute an?

Einmal zeigt der Regisseur McBurney an diesem Theaterabend tatsächlich ein Bild von Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer, damit jeder Zuschauer die Aktualität des Stoffs begreift. Das ist eher platt. Die Kraft der Aufführung entsteht aus einer Versuchsanordnung, die sich der Erforschung einer zeitlosen Erbarmungslosigkeit widmet. Wie in einem Museumssaal sind die Akteure des Abends an Schreibtischen, Mikrofonen und vor dem Schaukasten verteilt - und versenken sich gemeinsam mit dem Publikum in jene "Welt von gestern", von der Stefan Zweig nicht bloß in seiner so betitelten Autobiografie, sondern in all seinen Büchern erzählte.

Ein verzärtelter Bruder von Woyzeck

Die Schauspielerin Marie Burchard spielt schmallippig, störrisch und manchmal schrill das Mädchen Edith. Der wieselige Robert Beyer ist erst Conferencier und dann Ediths Vater. Der stolz seinen Bauch vor sich herschiebende Johannes Flaschberger hantiert als Ediths Arzt mit einem Beinkorsett aus Leder und Metall. In der Bühnenmitte stolpert der Hofmiller-Darsteller Laufenberg dem Unheil entgegen, souffliert von Doppelgängern und soldatischen Kameraden, hin- und hergerissen zwischen Übermut und böser Ahnung.

"Zweierlei Mitleid" gebe es, schreibt Stefan Zweig, das "sentimentale", das "gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele". Und das "schöpferische Mitleid, das weiß, was es will", und zum Helfen entschlossen sei.

Laufenbergs Hofmiller ist ein willenloser Getriebener, der sich im soldatischen Drill das eigene Denken und Fühlen abgewöhnt hat. Ein gebildeter, verzärtelter Bruder von Büchners Woyzeck. Nicht Ediths Liebesleid, nicht die Verachtung der Soldaten für die gelähmte junge Frau und ihren jüdischen Vater, sondern Hofmillers fatale Empfindungslosigkeit ist das zentrale Thema des Theaterabends. Man sieht einen Mann zu, der sich stets am Reden der anderen orientiert, aber selbst keinen Kompass hat, beim panischen Leerlauf - und beim allmählichen Erwachen. Ganz am Schluss bemerkt er: "Keine Schuld ist vergessen, solange das Gewissen noch um sie weiß."

Der Brite McBurney ist 58 Jahre alt und als Theaterregisseur ein berühmter Mann. Er hat aber auch eine Kinokarriere als Schauspieler hinter sich. Im Theater hat er mit seiner eigenen, in London beheimateten und in der ganzen Welt herumreisenden Truppe wunderbar bildmächtig von der untergegangenen Welt der osteuropäischen Juden ("Street of Cocodiles"), dem Wandel bäuerlichen Lebens in Frankreich ("The Three Lives of Lucie Chabrol") oder vom Eiszeitmenschen Ötzi ("The Mnemonic") erzählt. Im Kino spielte McBurney meist seltsame Schrate, in Woody Allens "Magic By The Moonlight" zum Beispiel.

Manchmal scheint es in der Schaubühne so, als sei das Theater des Regisseurs McBurney von der Kinobegeisterung des Erfolgsdarstellers McBurney infiziert. Einmal sieht man literweise Blut aus dem gläsernen Museumschaukasten im Bühnenzentrum hervorquillen. Ein andermal hört man mit lautem Knall Glas zerspringen, und auf die Bühnenrückwand wird tatsächlich eine zerdepperte Glasplatte projiziert. Zuletzt donnert ein Einspielfilm im Zeitraffer Kriegs- und Elendsbilder des vergangenen Jahres auf die Bühne.

Es ist, als wolle McBurney austesten, ob der Zauber der Stefan-Zweig-Séance nachts im Museum durch solche plakativen Effekte womöglich in tausend Stücke birst. Aber seine eindringliche, fast immer auf die Erzählkunst der Darsteller vertrauende "Ungeduld des Herzens"-Beschwörung hält das locker aus.



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