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Steinbach-Debatte bei Anne Will: "Warum drehen die Polen durch?"

Von Henryk M. Broder

Soll Erika Steinbach auf ihren Sitz im Stiftungsrat des "Zentrums gegen Vertreibungen" verzichten, um die Polen zu besänftigen? Bei "Anne Will" gab es trotz erregter Diskussion keine Antwort. Die Nichtigkeit der Debatte machte jedoch klar: Besser als heute war das deutsch-polnische Verhältnis noch nie.

Zukünftige Archäologen werden es leicht haben. Während Heinrich Schliemann und seine Kollegen noch richtig graben, schuften und schleppen mussten, werden ihre Nachkommen einfach in ein Mediacenter gehen und sich ein paar Mikrochips ausleihen, auf denen TV-Programme aus dem Jahre 2009 gespeichert sind: z.B. "Wetten, dass...?", "Germany's Next Topmodel" und "Anne Will" von gestern Abend.

Moderatorin Will, CDU-Politiker Bosbach: Streit über Steinbach
NDR

Moderatorin Will, CDU-Politiker Bosbach: Streit über Steinbach

Die Archäologen werden sich die Programme ansehen und zu der Erkenntnis kommen, dass die Deutschen im Jahre 2009 ein sehr glückliches Volk gewesen sein mussten, die sorgenlos vor sich hin lebten. Die wichtigsten Probleme, die ihnen zu schaffen machten, waren erstens die Beziehung zwischen Boris und Lilly, zweitens die Nachfolge von Heidi Klum und drittens die Frage, ob Erika Steinbach einen Sitz in einem 13-köpfigen Stiftungsrat einnehmen darf, der den Aufbau eines "Zentrums gegen Vertreibung" planen und koordinieren soll. "Ausgerechnet Erika Steinbach, der Volksfeind Nummer eins in Polen", sagte Anne Will zu Beginn ihrer Sendung, woraus die Archäologen schließen werden, das auch die Polen ein sehr glückliches Volk gewesen sein mussten, das vor allem unter einem Mangel an wirklichen Problemen litt.

Der seit Wochen hin- und herwabernde Streit um eine Personalie trägt in der Tat seltsame Züge. Es ist, als ob Menschen, die in einem Wagen ohne funktionierende Bremsen bergab rollen, sich darüber Gedanken machen würden, ob sie das Radio lauter oder leiser stellen sollten. Psychologen sprechen von einer "Übersprungshandlung" in einer Krise, der Volksmund von einem Sturm in Wasserglas und in Köln wird in solchen Fällen die schöne Metapher bemüht, "wie man aus einem Furz einen Fackelzug macht".

Die "Steinbach-Frage", die sowohl in Deutschland wie in Polen für maßlose Aufregung sorgt, erfüllt alle drei Kriterien. Aus polnischer Sicht steht ein Angriff der Bundeswehr auf Polen unmittelbar bevor, aus deutscher Sicht ist die Vertreibung von zwölf Millionen Volksdeutschen aus dem Sudetenland, Schlesien und Ostpreußen noch immer im vollen Gange.

Andererseits könnte man meinen, wenn das wirklich die aktuellen Befindlichkeiten zwischen Deutschland und Polen sind, dann war das deutsch-polnische Verhältnis noch nie besser. Oder, um es mit Jerry Seinfeld zu sagen: Es ist eine Show über nichts.

"Ich weiß nicht, was ich bin, Deutscher oder Pole"

Und so fing Anne Will mit der Kernfrage an: Sollte Erika Steinbach auf den Sitz im Stiftungsrat des "Zentrums gegen Vertreibung" verzichten, um die Eskalation der Gefühle auf beiden Seiten zu stoppen? "Sie muss es nicht tun, aber wahrscheinlich wird sie es tun", sagte Wolf von Lojewski, der sieben Jahre alt war, als seine Familie vertrieben wurde. Es sei eine Frage des Anstands, meinte der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, "sich vor Frau Steinbach zu stellen, statt ihr in den Rücken zu fallen".

Steffen Möller, ein Deutscher, der seit 15 Jahren in Polen lebt und dort als Unterhalter sehr beliebt ist, konnte sich nicht entscheiden, für welche Seite er sprechen soll. "Ich weiß nicht, was ich bin, Deutscher oder Pole." Während Renate Künast das ganze Projekt daneben fand und sich eine "europäische Gedenkstätte" in Polen wünschte. "Denken Sie an den Holocaust und und und..."

Der Historiker Arnulf Baring sprach von einer "hysterischen Kampagne der Polen", was nicht ganz falsch war, wenn man sich den folgenden Einspielfilm anschaute, in dem Polen, denen ein Bild von Erika Steinbach gezeigt wurde, erklärten: "Sie sieht Hitler ähnlich", was Anne Will wiederum zu der Frage veranlasste: "Warum drehen die Polen durch?", worauf Steffen Möller antwortete, das komme daher, weil "alle offenen und geheimen Ängste vor den Deutschen" aktiviert würden.

So war es eine harmonische Diskussion, in der nur Arnulf Baring einmal ein wenig laut wurde, als er Renate Künast vorwarf, sie wäre "immer unfair", worauf die Grüne zurückschepperte: "Mein Respekt vor dem Alter lässt keine Unverschämtheiten zu."

Furchtbarer Funktionär

Richtig Leben in die Sülze kam erst mit dem Auftritt Rudi Pawelkas. Der Vorsitzende der Schlesischen Landsmannschaft vertritt Ansichten, die der ganz normale Fernsehzuschauer nur noch aus älteren Dokumentationen über Vertriebenentreffen kennt, auf denen Redner wie Otto Schily ausgebuht wurden, wenn sie es wagten, darauf hinzuweisen, dass Deutschland den Krieg angefangen hatte. So brauchte auch Pawelka mehrere Anläufe, bis er das NS-Regime als "verbrecherisch" anerkannte, freilich nicht ohne die von Anne Will erzwungene Einsicht gleich zu relativieren: "Man kann ein Verbrechen nicht mit einem anderen entschuldigen." Um sich abzusichern, hatte Pawelka "einen jüdischen Freund aus Breslau" mitgebracht, der ebenfalls vertrieben wurde, wenn auch nicht von den Polen.

Da war er, der Prototyp des furchtbaren Funktionärs, der sich darüber beklagte, die Deutschen würden von den Polen "rassisch diskriminiert" und der im Namen einer Organisation namens "Preußische Treuhand" die Polen auf Entschädigung verklagt hatte, wovon sich wiederum Frau Steinbach distanzieren musste, um nicht selbst ins revisionistische Wasser zu geraten. Es war Barings Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass Pawelka "eine Randfigur" ist und dass es wichtiger wäre, darüber nachzudenken, "wie kriegen wir Deutschland und Polen durch die Wirtschaftskrise", statt über Ereignisse zu debattieren, die 70 Jahre zurück liegen.

Aber da war die Sendung schon vorbei. Die Archäologen der Zukunft werden es vor allem Wolf von Lojewski zugute halten, dass er sein Schlusswort für eine klare Positionierung benutzte: "Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn ich da ein Gut geerbt hätte."

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