Steinmeier bei der "Bild" Fränkie goes to Plattkritik

Er hat's getan. Frank-Walter Steinmeier, Bundesaußenminister und SPD-Kandidat der letzten Hoffnung, hat die mit großem Getöse angekündigte erste Blattkritik bei "Bild" gemacht, die zugleich per Online-Video in die Welt hinausgeht. Das große "Wagnis" war's dann aber nicht.

Von Reinhard Mohr


Eigentlich hätte sie, wie stets, um elf Uhr stattfinden sollen. Zu einer Zeit also, die all jenen gestressten Journalisten gemäß ist, die nach einem turbulenten Wochenende mit Bayernklatsche, Beziehungsgespräch und Oktoberfest erst einmal zu sich selbst finden müssen. Doch der brutale Terminkalender Frank-Walter Steinmeiers erzwang eine Vorverlegung um drei Stunden – auf acht Uhr früh.

"Bild"-Chef und Außenminister Steinmeier: Bitter, aber wahr

"Bild"-Chef und Außenminister Steinmeier: Bitter, aber wahr

Steinmeier, Bundesaußenminister und SPD-Kanzlerkandidat der letzten Hoffnung, trat an, um bei der "Bild"-Zeitung Blattkritik zu üben - öffentlich zumal. Denn nur wenige Stunden danach war sein Auftritt als Video auf der Online-Seite des Blattes zu bewundern.

Ob das der Grund war, dass man "Bild"-Chef Kai Diekmann seine gewiss kurze Nacht nicht ansah? Voll Stolz annoncierte er den Blattkritiker Steinmeier – "Ham wer mal ne Bundesausgabe?" – und betonte, dass Deutschlands Boulevardzeitung immer schon eine innovative Kraft gewesen sei.

Dem immerhin ist nicht völlig zu widersprechen.

Mit sonorer, immer schröderianischer werdender Stimme machte sich Steinmeier dann an die Arbeit und befolgte sogleich Regel Nummer eins für alle Kritiker, die von mächtigen publizistischen Organen eingeladen werden: Er lobte erstmal.

Schon die Idee selbst, die Kritik öffentlich zu machen, sei sehr lobenswert. Mehr noch: "Sie ist ein Wagnis, zu dem Mut gehört", eine Art "Enthüllungsjournalismus in eigener Sache". Da müssen Günter Wallraff im fernen Köln aber die Ohren geklungen haben.

Fast noch toller sei die Bereitschaft gewesen, schon um acht Uhr anzutreten. So früh, so wach. Von der Redaktionsmannschaft sah man fast nichts, so konnte man auch niemanden verstohlen gähnen oder zu einem koffeinhaltigen Aufputschmittel greifen sehen. Aber der neue Hoffnungsträger der Sozialdemokraten wollte auch niemanden zu arg strapazieren und machte es Münteferingsch knapp. Zehn Minuten müssen reichen.

In Hubertus-Heil-artiger Jugendsprache aus den Neunzigern unterschied er keck zwischen "Tops" und "Flops". "Top" sei der Kommentar von Hugo Müller-Vogg zur aktuellen Finanzkrise gewesen – warum genau, verriet er leider nicht. Doch wer den stramm konservativen einstigen "FAZ"-Mitherausgeber kennt, mag in Steinmeiers Lob schon den Versuch einer taktischen Frontbegradigung erblicken. Der Bundestagswahlkampf wird hart, da müssen schon mal unnötige Flanken gesichert werden.

SPD-Mitteilungsblatt "Bild"

"Aber einen totalen Schutz gegen von außen kommende Stürme gibt es nicht. Das ist bitter, aber leider wahr", resümiert Müller-Vogg im "Bild"-Kommentar.

Ähnliches galt für "Top 2" auf Seite 2, für die exklusiven Auszüge aus dem Buch des frisch geschassten SPD-Vorsitzenden Kurt Beck mit dem zeitlos schönen Titel "Ein Sozialdemokrat. Die Autobiographie". Was Steinmeier da lesen musste, hat ihn offenbar irgendwie betroffen gemacht. Ein Stück weit wenigstens. Nicht zuletzt die Offenheit, mit der Beck über seine "persönlichen Verletzungen" berichtete, die ihm im Landhaus Ferch am Schwielowsee angetan wurden. Bemerkenswert und wunderbar, wie hier die "Bild"-Zeitung zum internen sozialdemokratischen Mitteilungsblatt wird.

Als "Flop" empfand Medienkritiker Steinmeier die "Bild"-Meldung "Gift in Babymilch", weil sie bei verängstigten deutschen Müttern die irrtümliche Mutmaßung auslösen könnte, es handle sich um grundanständige deutsche Milchprodukte.

Erst ganz zum Schluss werde klar, dass es um China gehe. Unschön fand der Außenminister auch die Schlagzeile "Tödliches Geburtstagsgeschenk" über jene Frau, die ihrem Mann ein Fahrzeug zum Geburtstag schenkte, mit dem er kurz darauf in den Tod fuhr.

"Stark wie zwei"

Ob man die ganze Tragik des Falles denn noch einmal derart präsentieren müsse?

Muss man leider, antwortete Kai Diekmann später. So läuft das Geschäft.

Bitter, aber wahr.

Der "Gewinner des Tages" brachte allerdings wieder Licht, Luft und Freude in Steinmeiers Herz: Udo Lindenberg, den er gerade letzte Woche noch in Hamburg getroffen habe. Wie schön. Und wie gerecht. "Stark wie zwei."

"Ausgesprochen fair" sei Steinmeiers Kritik gewesen, lobte Diekmann zurück. "Sie hätte ruhig härter ausfallen dürfen." Das Blattmachen sei ja immer ein "schmaler Grat", geprägt von "Ambivalenz" und schwierigen Abwägungen.

Bitter, aber wahr.

Dem deutschen Chefdiplomaten hätte er das freilich nicht sagen müssen. Artig verabschiedete er sich und dankte allen. Man sieht sich. Spätestens im Wahlkampf.



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