"Steinzeit"-Soap in der ARD Das dreckige Dutzend

Gelebte Geschichtsforschung: Für "Steinzeit – Das Experiment" quartierte die ARD eine Gruppe Freiwilliger in eine Pfahlbausiedlung ein – und ließ sie unter prähistorischen Bedingungen das Überleben üben. Die Retro-Soap soll nicht nur unterhalten, sondern auch die Wissenschaft voranbringen.

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Beim Sozialverhalten hat sich in den letzten 5000 Jahren Zivilisationsgeschichte offensichtlich wenig getan: Während sich die Familie in feuchten Nächten wie eine Sippschaft Hängebauchschweine wärmend aneinanderschmiegt, lenkt sich der Single-Mann von seinem einsamen Schicksal mit verwegenem Aktionismus ab.

Zwei Paare mit je drei Kindern, zwei alleinstehende Männer und eine ältere Frau sind die fellbeschürzten Helden dieser Wissenschafts-Soap aus der Jungsteinzeit. Das Team des SWR hat ihnen ein paar pittoreske Pfahlbauhütten an einer geschützten Ecke des Bodensees hergerichtet, den Raum allerdings bewusst knapp bemessen: Während sich die Paare samt Nachwuchs ins Haupthaus quetschen, müssen die beiden Junggesellen in eine im Bau befindliche Behausung ziehen, die während des Zeitreise-Urlaubs erst noch fertig zu stellen ist. Doch die Singles haben nach dem jungsteinzeitlichen Warm-Up sowieso noch was anderes vor: Auf den Spuren von Gletschermann Ötzi sollen sie in Bärenfelltretern 300 Kilometer durch die Alpen wandern.

Und wofür dieser Aktionismus? Für die Forschung. Und ein bisschen vielleicht auch für die Einschaltquote. Tatsächlich soll der zwei Millionen Euro teure Vierteiler nicht nur auf unterhaltsame Weise historisches Wissen vermitteln, sondern auch archäotechnische Mutmaßungen über das Leben im Neolithikum bestätigen oder widerlegen. Der Fußmarsch in Felllatschen, den die beiden Junggesellen in Teil zwei und drei stemmen, während sich der Rest des Fernsehdorfs an Fischfang und prähistorischer Hausmusik erfreut, folgt jedenfalls einer Route vom heutigen Deutschland über Österreich bis Italien, die Ötzi seinerzeit mit Metallen zum Handeln beschritten haben könnte. Die beiden ungebundenen TV-Abenteurer sollen nun den Beweis erbringen, dass der Trip unter damaligen Bedingungen tatsächlich zu absolvieren gewesen ist – auch um eine Frage größerer Bedeutung zu beantworten: Gab es eine Art Steinzeit-EU?

Lehre und Forschung in einem soll "Steinzeit – Das Experiment" (Regie: Martin Buchholz) liefern. Vom "Schwarzwaldhaus 1902" über "Windstärke 8" bis zur "Bräuteschule" ging es ja in der ARD und ihren Zeit-Rekonstruktionen bislang um die Vermittlung historisch verbürgter Lebenssituationen, gerne würzten die TV-Macher sie mit einigen authentischen sozialen Konflikten. Das war Geschichtspädagogik für die Soap-Generation, teilweise auf hohem Niveau produziert. Doch das Steinzeit-Experiment führt das Format der "Living History", also Geschichtsvermittlung anhand lebender Beispiele, nun zur "Living Science": Die Steinzeit-Simulation zum Erkenntnisgewinn.

"Big Brother" im Öko-Ambiente

Gelegentlich wird der sorgsam mit den Mitteln der experimentellen Archäologie in Szene gesetzte Primitivismus digital getunt. Auf ProSieben lief vor zwei Jahren ja schon das britische Doku-Drama "Mord im Eis", für das man das Ableben des Jungsteinzeitlers Ötzi im "CSI"-Stil mit sämtlichem dazugehörigen Hightech-Bohei rekonstruierte. Räudiges Fell-Outfit und glitzernde Computerästhetik bilden eben einen hübschen telegenen Widerspruch, der nun auch für das deutsche Steinzeit-Experiment genutzt wird: Die Zeitangaben rattern hier wie in einem Hightechthriller als digitale Lettern ins Bild, gelegentlich schmücken ohne ersichtlichen Grund gepixelte Kurvendiagramme den unteren Bildrand.

Neben solchen Spielereien kommt aber auch relevante moderne Technik zum Einsatz, so werden die Steinzeit-Akteure mit Aktometern ausgestattet. Die Bewegungsmesser sollen festhalten, wie sich der Neolithikum-Lifestyle aufs körperliche Befinden auswirkt. Schon ein komisches Bild, wenn einer der Versuchsteilnehmer zwei Stunden lang angestrengt Steine zusammenhaut, um ein Feuer zu entfachen, während er ein Hightech-Messgerät am Arm trägt.

Nach Startschwierigkeiten scheinen sich dann allerdings alle Beteiligten ganz wohl unter ihren wuchernden Bärten und schwer zu reinigenden Fellkleidern zu fühlen. Allerdings vermeiden die Verantwortlichen auch tunlichst den Eindruck eines "Big Brother" im Öko-Ambiente: Als die Steinzeit-Urlauber es einfach nicht hinbekommen, das Korn sachgerecht zu bearbeiten, reicht man ihnen ein bisschen Mehl zum Brotbacken. In einer extrem regnerischen Nacht zieht man den Durchnässten eine Plastikplane übers löchrige Schilfdach, und als die überwiegend unbedarften Neu-Ackerbauern und -Viehzüchter sich durchringen, eines der Schweine zu schlachten, hilft man ihnen – schlimm genug für die tierlieben Kleinen – mit einem Bolzenschussgerät. Auch für die Hygiene ist gesorgt: Hinter der urigen Kulisse stehen ein paar Dixie-Klos.

So werden 5000 Jahre Zivilisationsgeschichte zum Katzensprung. Und die TV-Probanden – "Living science" hin, "Big Brother" her – richten sich schließlich in ihrem prähistorisch Umfeld auf irgendwie recht heutige Weise ein: Die Familie rückt ungeduscht wie im Campingurlaub zusammen, Oma darf Gutenachtgeschichten erzählen, die beiden Singles latschen sich in einem Extremsporttrip den Frust von der Seele. Und das alles im Dienst der Wissenschaft.


Folge 1 - "Der Härtetest", Pfingstsonntag, 21.45 Uhr, ARD
Folge 2 - "Der Aufbruch", Pfingstmontag, 21.45 Uhr, ARD
Folge 3 - "Auf Ötzis Spuren", 4. Juni, 21 Uhr, ARD
Folge 4 - "Die Heimkehr", 11. Juni, 21 Uhr, ARD



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