"Empört euch!"-Autor Stéphane Hessel ist tot

Der Résistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Hessel ist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben. Sein fulminanter Essay "Empört euch!", in dem er zum Widerstand gegen den Neoliberalismus und die Macht der Banken aufrief, machte ihn 2010 weltberühmt.

Stéphane Hessel: Résistance-Kämpfer und streitbarer Autor gestorben
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Stéphane Hessel: Résistance-Kämpfer und streitbarer Autor gestorben


Der Autor der Streitschrift "Empört euch!", Stéphane Hessel, ist tot. Der 95-Jährige starb in der Nacht zum Mittwoch, wie seine Ehefrau Christiane Hessel-Chabry der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der einstige französische Widerstandskämpfer und KZ-Überlebende wurde 2010 mit dem Essay "Empört euch!" weltweit bekannt. Der 1917 in Berlin geborene Diplomat hatte darin die kapitalistische Finanzwirtschaft kritisiert und zum Protest aufgerufen.

Hessels Streitschrift hatte mit zur Entstehung der Bewegung der "Empörten" geführt, die wegen der Wirtschaftskrise in New York, London, Madrid und vielen weiteren Städten gegen den Finanzkapitalismus und die Sparpolitik Front macht.

Hessel kam am 20. Oktober 1917 in Berlin als Sohn des deutschen Schriftstellers Franz Hessel und der Modejournalistin sowie Übersetzerin Helen Grund zur Welt. Als er sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Paris. Im Hause seiner Eltern begegnete er Pablo Picasso, Man Ray, Max Ernst, Walter Benjamin und vielen anderen prägenden Figuren des Pariser Künstler- und Intellektuellenmilieus.

Mitautor der Menschenrechtserklärung

Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geriet Hessel, der 1939 in die französische Armee eingezogen worden war, in deutsche Gefangenschaft. Ihm gelang die Flucht nach London, wo er Charles de Gaulle traf und sich der französischen Résistance anschloss. 1944 fiel er der Gestapo in die Hände, wurde gefoltert und in das KZ Buchenwald deportiert. Während der Verlegung nach Bergen-Belsen gelang ihm im April 1945 die Flucht aus dem Zug.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte Hessel Karriere als Diplomat - in französischen Diensten und ab 1948 als Sekretär der Uno-Menschenrechtskommission. Er war Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und trieb die Entkolonialisierung voran.

Später wurde Hessel Uno-Botschafter in Genf. Unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand übernahm er dann Aufgaben im Außenministerium in Paris. Zuletzt war er mit 75 Jahren als Diplomat für Frankreich im Einsatz - bei der Wiener Menschenrechtskonferenz 1993.

Mit 92 zum Bestsellerautor geworden

Nach seiner diplomatischen Karriere setzte er sich aus dem Ruhestand heraus politisch ein - etwa für die Rechte der "sans-papiers", der illegalisierten afrikanischen Flüchtlinge in Frankreich. Infolge der Terroranschläge von 11. September gründete er das "Collegium international" zur Verhinderung eines Krieges zwischen den Zivilisationen.

Seine Karriere als Autor begann Hessel erst mit 80 Jahren: 1997 erschien seine gefeierte Autobiografie "Tanz mit dem Jahrhundert". Der nur 30 Seiten starke Essay "Empört euch!" machte Hessel im biblischen Alter von 92 Jahren zum internationalen Bestsellerautor. Die in Folge der Bankenkrise von 2009 entstandene Schrift wurde zum bedeutendsten Vermächtnis des Ex-Diplomaten und Antifaschisten. Hessel plädierte in ihr für eine Wiederbelebung der Résistance-Werte, schrieb gegen die Macht des Finanzkapitals an und warb eindringlich für eine demokratischere, humanere Gesellschaft, die die Solidarität mit Minderheiten und Gewaltlosigkeit praktiziert.

twi/ap



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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
friedrich_eckard 27.02.2013
1.
Ehre seinem Andenken! - und die Hoffnung, dass ihn seine Aufforderung "Empört euch!" lange überleben möge.
BedenkenträgerHH 27.02.2013
2. Die Guten..
.. sterben aus, leider. Wo findet man heute noch solche Biographien? Weichgespülter Mainstream in Politik u. Gesellschaft.
frubi 27.02.2013
3. .
Zitat von sysopREUTERSDer Resistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Hessel ist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben. Sein fulminanter Essay "Empört euch!", in dem er zum Widerstand gegen den Neoliberalismus und die Macht der Banken aufrief, machte ihn 2010 weltberühmt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/stephane-hessel-der-empoert-euch-autor-starb-im-alter-von-95-jahren-a-885804.html
Er hat vor allem meinen Jahrgang (1986) und viele andere junge Menschen mit seinen Thesen angesprochen. Normalerweise interessiert es mich nicht, wenn sehr alte berühmte Persönlichkeiten sterben aber als ich eben die Nachricht gelesen habe, musste ich kurz inne halten. Europa verliert mit ihm mehr als nur ein Stück Geschichte. Ein großer Mann dessen Lebenswerk einfach zu wenig gewürdigt wurde während Leute wie Barroso und Juncker mit wertlosen Preisen und Ehrungen überschüttet werden. Ein großer Europäer und vor allem ein wahrer Europäer ist von uns gegangen. Ruhe in Frieden. Sie haben es sich verdient.
sr11 27.02.2013
4. Demut ist Unverwundbarkeit.
Zitat von sysopREUTERSDer Resistance-Kämpfer und KZ-Überlebende Stéphane Hessel ist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 95 Jahren gestorben. Sein fulminanter Essay "Empört euch!", in dem er zum Widerstand gegen den Neoliberalismus und die Macht der Banken aufrief, machte ihn 2010 weltberühmt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/stephane-hessel-der-empoert-euch-autor-starb-im-alter-von-95-jahren-a-885804.html
Ich verbeuge mich vor diesem Mann.
Spiegelleserin57 27.02.2013
5. Kein Wunder!
Zitat von frubiEr hat vor allem meinen Jahrgang (1986) und viele andere junge Menschen mit seinen Thesen angesprochen. Normalerweise interessiert es mich nicht, wenn sehr alte berühmte Persönlichkeiten sterben aber als ich eben die Nachricht gelesen habe, musste ich kurz inne halten. Europa verliert mit ihm mehr als nur ein Stück Geschichte. Ein großer Mann dessen Lebenswerk einfach zu wenig gewürdigt wurde während Leute wie Barroso und Juncker mit wertlosen Preisen und Ehrungen überschüttet werden. Ein großer Europäer und vor allem ein wahrer Europäer ist von uns gegangen. Ruhe in Frieden. Sie haben es sich verdient.
dass sein großes Werk nicht ausreichend gewürdigt wurde. In unserem Land ist es fast unerwünscht, da es von der Wirtschaft und den Banken regiert wird. Wer will sich schon sein eigenes Grab graben? Was mir immer wieder auffällt dass M;esnchen wie er die es sicherlich sehr schwer im Leben gehabt haben so alt werden. Zeigt es uns dass wir doch den Wohlstand unserer Zeit auch mit unserer Lebenszeit bezahlen? Auch meine Mutter die 360 Luftangriffe auf Berlin überlebt hat und hungern mußte ist 90 Jahre alt geworden. Dieses Phänomen gibt mir zu denken. Ist weniger am Ende doch mehr?
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