Stephen-King-Serie "11.22.63" Kennedy soll leben

Stephen Kings zumeist voluminösen Romane wurden selten zu guten Filmen. Das 850-Seiten-Werk "Der Anschlag" macht sich hingegen als TV-Serie sehr gut. Darin soll die Ermordung Kennedys mittels Zeitreise verhindert werden.

Josh Duhamel in "Der Anschlag"
Warner Bros. Entertainmen/ Fox

Josh Duhamel in "Der Anschlag"


Wie würde man die Welt verändern, wenn man in der Zeit zurückreisen und die Vergangenheit manipulieren könnte? Hier ist die Antwort von Stephen King, dem Verfasser von Horrorbestsellern, der zuletzt auch tiefgründigeren Themen zugeneigt war: Er würde die Kennedy-Ermordung und damit den Vietnamkrieg verhindern. So zumindest plant es die Hauptfigur seines Fantasy-Thrillers "11.22.63", der Diner-Besitzer Al Templeton (Chris Cooper). Der Roman mit dem deutschen Titel "Der Anschlag" wurde als Serie verfilmt und läuft jetzt im deutschen Pay-TV an.

Al, selbst Vietnam-Veteran und damit womöglich eher persönlich als welthistorisch motiviert, hat in der Speisekammer seines Diners ein Portal entdeckt, das direkt in den 21. Oktober 1960 führt, gut drei Jahre also vor dem titelgebenden Datum des Kennedy-Attentats. Im Jetzt verstreichen stets nur zwei Minuten, egal, wie viel Zeit man im Damals verbringt, und weil Al sichergehen will, dass er den tatsächlichen Kennedy-Attentäter ausschaltet, ist er viel in den frühen Sechzigern unterwegs gewesen.

Dabei hat er Erstaunliches in Erfahrung gebracht - zum Beispiel, dass sich die Vergangenheit auf mehr oder minder subtile Weise dagegen wehrt, verändert zu werden. Al kann seine Recherchen samt dieser Warnung gerade noch an den Englischlehrer Jake Epping (James Franco) weitergeben, bevor es ihn dahinrafft, und Jake übernimmt die Mission seines alten Freundes: Das Kennedy-Attentat zu verhindern und die Welt zu einer besseren zu machen.

Erst nonchalanter Optimismus, dann tiefe Verunsicherung

Jakes Motivation mag einigermaßen dünn sein - die Geschichte eines älteren Schülers, der seine Familie durch ein Verbrechen verlor, spielt eine Rolle - aber die faszinierende Ausgangslage dieses Thrillers tröstet schnell darüber hinweg. King mag einen Ruf als Popkultur-Autor haben, aber er schafft durchaus vielschichtige Welten. So spiegelt sich in James Francos engagiertem Spiel zunächst Jakes nonchalanter Optimismus, dann die tiefe Verunsicherung, die ihn erfasst, als ihm die weitreichenden Konsequenzen seiner korrektiven Handlungen bewusst werden. Auch diese breiten sich nämlich wiederum wellenartig im Gefüge des Geschehens aus, mit unkontrollierbaren Folgen.

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"11.22.63": Zurück in die Vergangenheit

Es ist vor allem diesem cleveren, wenn auch nicht neuen Gedankenspiel zu verdanken, sowie der eleganten Inszenierung und der bis in die Nebenrollen großen Besetzung, dass man sich hier gern in eine weitläufige Erzählung verstricken lässt, die es keineswegs eilig hat, zum Ziel zu kommen. Immer wieder verlagert sie sich auf Nebenschauplätze, wo unter anderem die Tücken des Zeitreisens, eine tragische Männerfreundschaft, eine manchmal allzu altmodische Liebesgeschichte und Lee Harvey Oswalds Verbindungen zu George de Mohrenschildt, einer schillernden Gestalt mit Kontakten zur CIA, aufgeblättert werden.

Letzteres ist ein kluger Handgriff in einer Story um ein Ereignis, das von zahllosen und vielfach schlecht kolportierten Verschwörungstheorien umrankt ist. Denn obwohl sich die Serie zum Glück nicht in die Tiefen der Rätsel um den Kennedy-Mord versenkt, bietet sie doch genügend Hintergrundinformationen, um die Annahmen, mit denen sie operiert, plausibel zu machen.

Bewusst langatmiger Politthriller

Kings 850 Seiten langer Roman um die Ausradierung eines zentralen amerikanischen Traumas lässt einer TV-Adaption viel Raum, sich zu verzetteln. Aber die Serienschöpferin Bridget Carpenter ("Friday Night Lights") fügt die Stücke gekonnt zu einem schlüssigen Ganzen zusammen. Carpenter adaptierte den Roman unter der Ägide der Produzenten J.J. Abrams und Stephen King, und mehrfach zieht sie dabei den Hut vor King - zum Beispiel mit wohldosiertem Grusel, der aus der gegen Veränderungen aufbegehrenden Vergangenheit erwächst.

Ihre Serie spiegelt auch strukturell den begeisterten Erzähler King, der weit weniger an Plots als an den Figuren interessiert ist, die sie besiedeln - nicht selten zum Nachteil eines befriedigenden Schlusses. Auch deswegen sind Kings Romane in der Vergangenheit ja mit sehr unterschiedlicher Resonanz als Filme und Serien aufgelegt worden - zuletzt mit der zunehmend verquasten Adaption "Under The Dome", bei der sich die Produzenten schmerzhaft lang das Ende offen hielten (nach drei Staffeln war endlich Schluss).

Die Adaption von "11.22.63" dagegen ist als abgeschlossener Achtteiler konzipiert. Sie verbindet wie der Roman ihre vielen Motive elegant zu einer großen Hommage an die Sechziger, die gleichzeitig in aller Schärfe die unguten Seiten der "guten alten Zeit" zeigt, als Schwarzen schon mal das Benzin an "weißen" Tankstellen verweigert wurde, der "Fänger im Roggen" in der Schulbibliothek verboten war und die Welt während der Kuba-Krise der nuklearen Vernichtung ins Auge blickte.

Trotz der vielen schicken Autos und der großen Ausstattung ist Nostalgie - "Mad Men" lässt grüßen - hier mit einem großen Fragezeichen versehen. Vielmehr erlaubt dieser bewusst langatmige Politthriller seinem geduldigen Zuschauer, die komplizierte Frage nach den langfristigen Konsequenzen der kleinen und großen Dinge zu stellen, die unsere Leben so unterschiedlich prägen. Und das ist trotz einiger Längen ganz schön unterhaltsam.

"11.22.63 - Der Anschlag", Montag, 21 Uhr, FOX



insgesamt 15 Beiträge
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kaktuss 08.04.2016
1. Wenig gute King-Verfilmungen?
Also mir fallen sofort einige ein, die teilweise zu meinen Lieblingsfilmen gehören: Shining, The Shawshank Redemption, Stand by me, Green Mile
Topf Gun 08.04.2016
2. Das
Das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Zeitreisen sind immer ein Minenfeld für jeden Autor und sowieso für einen Filmemacher. Das Buch war einigermaßen unterhaltsam. Ich bin gespannt.....
Sponatiker 08.04.2016
3. Geht so
Ich habe mir die Serie ganz angeschaut, also alle acht Folgen. Es war zwar unetrhaltsam, jedoch verpasst man auch nicht viel wenn man sie nicht sieht. Irgendwelche Erkenntnisse gibt es da gar nicht, in keiner Richtung. Jedoch hat die Hauptdarstellerin ein wirklich sehr symphatisches Lächeln zu bieten. Auch wenn die Serie einen nicht vom Hocker reißen sollte, hat man wenigstens das Mädel für die Augen.
MarkusW77 08.04.2016
4.
Läuft schon auf sky on demand. Ich fand den Start schon mal klasse!
bronstin 08.04.2016
5. Da
wird ja der Vietnamkrieg auch nicht verhindert... Wäre es nicht möglich gewesen, Lyndon B. gleich zum Präsidenten zu machen? Der wird meist absolut unterschätzt, obwohl er viel mehr bewirkt hat (und zwar positiv) als der "smartboy" John Fitzgerald
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