Selbstbestimmter Tod "Der Staat sollte die Sterbehilfe organisieren"

Die Debatte über Sterbehilfe gehört zu den wichtigsten Kontroversen in Deutschland. Hier spricht der Autor Josef Girshovich darüber, warum er manche Patienten als "Biomasse am Tropf" bezeichnet - und wie ein würdevoller Tod aussieht.

Corbis

Ein Interview von


Zur Person
  • Amin Akhtar
    Josef Girshovich, Jahrgang 1981, ist promovierter Literaturwissenschaftler und arbeitet im Bundestag, außerdem ist er Journalist und Buchautor. Zum Thema Sterbehilfe kam er, als er sich ausgiebig mit Pränataldiagnostik beschäftigte. Beginn und Ende des Lebens sind zwei Seiten der gleichen Medaille, findet er. Sein Essay "Wem gehört der Tod?" ist 2014 im Kein & Aber Verlag erschienen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Girshovich, in Ihrem Buch "Wem gehört der Tod?" fällt gleich zu Beginn der Begriff "Euthanasie". Als Leser zuckt man kurz zusammen. Warum ist das Wort für Sie so wichtig?

Girshovich: Wenn Sie wegen dieses Wortes zusammenzucken, kann ich das verstehen. Der Begriff wurde von den Nazis zu rassischen Zwecken missbraucht, aber wir sollten uns an sein ursprüngliches Konzept erinnern: Euthanasie meint einen guten, schmerzfreien Tod.

SPIEGEL ONLINE: In bestimmten Fällen ist der nur durch Sterbehilfe zu erreichen?

Girshovich: Ja, und die Nachbarländer erlauben sie auch, nur wir nicht. Damit fördern wir einen Sterbetourismus - und berufen uns gleichzeitig auf den hippokratischen Eid: Der Arzt darf nur heilen, nicht töten. Das ist naiv, scheinheilig und überheblich. Als ob belgische Ärzte ihren Eid nicht ernst nähmen.

SPIEGEL ONLINE: Also sollten wir hierzulande auch Sterbehilfevereine zulassen, wie zum Beispiel in der Schweiz?

Girshovich: Ich bin gegen die private Organisation von Sterbehilfe. Bei meinen Recherchen habe ich Gruseliges herausgefunden. In der Schweiz gibt es eine Organisation, da begutachtet ein Psychologe die Sterbewilligen - und sitzt gleichzeitig im Beirat und Kuratorium des Vereins. Natürlich wird er dann positive Bescheide ausstellen! Da gehen bei mir alle Alarmglocken an. Besser ist es, wenn der Staat die Organisation der Sterbehilfe übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe das konkret aus?

Girshovich: Im Moment ist die Lage so, dass am Leben gehalten wird, wer keine Patientenverfügung unterschrieben hat. Ich bin aber für eine Umkehr der Patientenverfügung: Bei Menschen, die nur noch Schmerzen haben, die nur noch leben, weil sie an Maschinen hängen und sich nicht mehr äußern können, muss man davon ausgehen, dass sie nicht mehr leben wollen. Nicht umgekehrt. Diese Annahme sollte immer gelten, es sei denn, der Mensch hat sich vorher von dieser Regelung schriftlich losgesagt. Bei der Organspende existiert mittlerweile eine ähnliche Forderung: Alle sollen Spender sein, es sei denn, sie widersprechen vorher.

SPIEGEL ONLINE: Wer entscheidet dann über den Tod eines Patienten, für den es keine Hoffnung gibt?

Girshovich: Natürlich nicht nur ein Stationsarzt. Aber wenn zwei gute Ärzte sagen: Hier können wir nicht mehr helfen, der Patient ist komatös, wir können ihn wahrscheinlich nicht zurückholen, dann muss man doch davon ausgehen, dass dieser Mensch möchte, dass man ihn sterben lässt.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es nicht nur komatöse Fälle, sondern auch Menschen, die noch bei klarem Verstand sind, die aber trotzdem sterben wollen, weil sie eine schwere Krankheit haben. Wie sollten wir mit denen verfahren?

Girshovich: Wir sollten sterbehilfemedizinische Etappen aufbauen. Es muss Psychologen geben, die Sterbewillige betreuen, Gutachter, die die Situation einschätzen. Dazu natürlich Fachärzte, Sozialarbeiter und Familienpsychologen. Von Fall zu Fall müssen diese Leute entscheiden, ob Sterbehilfe praktiziert werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Dafür brauchen wir aber mehr Personal im Gesundheitswesen.

Girshovich: Das nicht zu fordern wäre unlogisch. Es werden ja immer mehr Menschen immer älter. Dank dem demografischen Wandel verwandeln sich Krankenhäuser in Untotenhäuser...

SPIEGEL ONLINE: ...wo Menschen nur noch als "Biomasse" am Tropf hängen, wie Sie schreiben?

Girshovich: Heute gibt es in Krankenhäusern ganze Abteilungen, in denen Patienten in halbkomatösem Zustand vor sich hin siechen. Das sind Menschen, die keine Patientenverfügungen hatten, über deren Willen man nicht mehr mutmaßen kann, und deren Kinder sagen: Ich übernehme die Entscheidung nicht. Es sollte davon ausgegangen werden, dass diese Menschen sterben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ein zentraler Satz Ihres Buches lautet: "Wir müssen weg vom Tod als Zwang und hin zum Tod als Option." Was meinen Sie damit genau?

Girshovich: Wir haben das Bestreben, dass alles natürlich sein soll. In unserer Traumvorstellung gibt es eine natürliche Geburt und einen natürlichen Tod. Aufgrund des medizinischen Fortschritts wird der Tod jedoch immer weiter hinausgeschoben. Wir müssen dem Menschen aber auch die Möglichkeit lassen, sterben zu dürfen. Wir können mit Technik sehr viel tun - die Frage ist, ob wir alles tun müssen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ideal ist, dass man lebenssatt sterben kann und dann auch möglichst schnell. Die Frage ist aber: Ab wann ist man lebenssatt - und ab wann ist die eigene Existenz nur noch schmerzhaft und sinnlos? Ist die Linie zwischen dem einen und dem anderen Zustand nicht sehr dünn?

Girshovich: Mein Opa sagte kurz vor seinem Schlaganfall: "Für mich hat alles gut gereicht." Kurze Zeit später fiel er ins Koma, und die Ärzte stellten die Maschinen ab. So einfach ist es natürlich nicht immer. Wer hat das Recht, zu beurteilen, was sinnlos ist und was nicht? Das ist die Frage. Was machen wir mit einem entstellten Model, das sich nach einem Unfall umbringen will, weil sein Leben keinen Sinn mehr zu machen scheint? Da müssen wir lernen, unser Leben als Geschenk zu nehmen, wie es ist. Wir müssen uns an dem erfreuen, was wir haben - und das ist ja die große menschliche Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, wir sollten nicht ein Sterbehilfegesetz erlassen, in dem festgestellt wird, was sinnvolles menschliches Leben ist und was nicht, welche Personengruppen für einen assistierten Suizid infrage kommen und welche nicht?

Girshovich: Die Entscheidung muss ganz klar den Patienten, Ärzten und Angehörigen überlassen sein. Menschen müssen lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Wir verlassen uns zu gern auf den Staat. Beim Thema Sterbehilfe wird das sehr deutlich: Die Abgeordneten sollen es bitte regeln. 600 Abgeordnete in Berlin können aber nicht das Leben und Sterben jedes einzelnen Menschen regeln. Jedes Sterben ist anders. Sie können nur Rahmenbedingungen schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Der Mensch hat aber nun mal eine Sehnsucht nach Regeln. Sie geben ihm Sicherheit. Sollte man ihm diese gerade bei den letzten Dingen entziehen?

Girshovich: Klar gibt es den Wunsch nach kulturellen Regeln. Aber gerade beim Thema Sterbehilfe müssen die Regeln heißen: Mündig sein! Verantwortung für den eigenen Tod übernehmen!



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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
roflem 04.12.2014
1. Wehe!
NIEMALS darf es ein GESETZ dazu geben! Das muss absolut verhindert werden!
irukandji 04.12.2014
2. makaber
wenn geld für staatlich sanktionierten tod ausgegeben wird aber kein geld für palliativmedizin da ist.
joG 04.12.2014
3. ich glaube nicht, daß ich will, daß der Staat. ...
....sich in meine Entscheidung zum Tode einmischt. Und sicher will ich keine Beamte bezahlen, die das bei anderen Bürgern tun.
thewizardofohz 04.12.2014
4. Wer sowas sagt...
...hat noch nie einen Menschen elendig an Krebs verrecken sehen. Es gibt keine Option zur Sterbehilfe. Eine staatliche Organisation wie im Artikel beschrieben klingt akzeptabel. Das es noch immer keine gibt ist lediglich die Schuld reaktionärer Christdemokraten und, der Geißel einer jeden Gesellschaft, der Religion!
kopp 04.12.2014
5. 'Besser ist es, wenn der Staat die Organisation der Sterbehilfe übernimmt'.
Der Staat macht schon soviel Mist. Immer weniger Bürger vertrauen ihm. Am Ende bekämde womöglich nur der Sterbehilfe, der sich auch zur Organspende bereit erklärt.
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