Steuerdebatte bei Illner Bin Winkel? Zum Baden!

Gibt es Parallelen zwischen Terrorfürst Osama Bin Laden und Klaus Zumwinkel? Auf so eine Frage muss man erst mal kommen. Und wer wie Maybrit Illner eine eigene Talksendung hat, kann sie sogar einem Finanzminister stellen. Armes Fernsehen, armes Deutschland.

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Es gibt Fragen, die sind so absurd, dass selbst der Kummer gewohnte Finanzminister kurz ins Stocken gerät. "Gibt es Parallelen zwischen Osama Bin Laden und Klaus Zumwinkel", will Maybrit Illner von Peer Steinbrück wissen. Und bringt den SPD-Politiker damit nicht nur dazu, einen Moment lang fast zu kichern, sondern auch seinen routinemäßig abgespulten Politiker-Sprech für kurze Zeit zu unterbrechen.

Moderatorin Illner, Minister Steinbrück: "Schnauze voll von Steuern"
ZDF

Moderatorin Illner, Minister Steinbrück: "Schnauze voll von Steuern"

Die Frage ist wild - so wild wie die ersten Minuten der Sendung, die unter dem Titel "Zahlen nur die Dummen Steuern?" das Thema aufgreift, das die Nation seit einer Woche beschäftigt: der Skandal um Hunderte von wohlhabenden deutschen Steuersündern, deren Namen auf einer von einem BND-Informanten an die Steuerbehörden verkauften DVD auftauchten.

Es ist eine illustre Runde, die sich Talkmasterin Illner da zusammengesucht hat - vor allem, wenn man sie mit den Kollegen Will und Plasberg vergleicht, die das gleiche Thema in den vergangenen Tagen auch schon behandelt haben. Dort klagten Ex-EnBW-Chef Claasen (Will) und Ex-Tagesthemen-Moderator Wickert (Plasberg) über den Verfall von Moral und Werten. Illner dagegen präsentiert vier Gäste, die jeder für sich eine Facette des Problems abbilden.

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Mit ihm diskutiert Gastgeberin Illner die erste halbe Stunde alleine. Nun ja, was man im Fernsehen so disktutieren nennt. Tatsächlich bügelt der oberste Schatzmeister, Steuerfahnder und Finanzbeamte der Republik jede Frage in der gewohnten "Ich rede routiniert ohne konkret zu antworten"-Manier ab. So hangelt sich Illner von der Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit der SPD mit der Linkspartei über die Folgen des Steuerskandals, der Frage nach dem persönlichen Enttäuschung über Zumwinkel ("massiv") schließlich zur gewagten Frage nach den Parallelen zwischen Bin Laden und Zumwinkel.

Terrorchef und Post-Boss

Bin Laden? Nun, die DVD mit den brisanten Daten wurde über den BND beschafft, der doch eigentlich für die Auslandsspionage und damit also irgendwie auch eher für Bin Laden als für deutsche Steuersünder zuständig ist. Dass Steinbrück dennoch wenig Parallelen zwischen den beiden Millionären erkennt, erstaunt nicht wirklich.

Aber immerhin kommen Minister und Talkmasterin ein wenig in Fahrt, die Fragen werden konkreter, die Antworten kürzer - wenn auch nicht unbedingt erhellender: "Warum fällt keiner Steuerbehörde auf, dass Zumwinkel laut Steuererklärung nichts verdient haben will", fragt Illner. "Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich die Steuerakte nicht kenne", gibt Steinbrück bissig zurück.

So richtig kriegt ihn Illner, die bisweilen Liechtenstein mit der Schweiz verwechselt und ab und an auch Milliarden mit Millionen, nicht zu fassen - greift aber zu einer wahrhaft formidablen Waffe: Im Publikum hat sie Andreas Woitzik sitzen, einen Vermögensberater aus der Schweiz, der perfekt ins Klischee des zwielichtigen Treuhänders passt.

"Krebsgeschwür" Staat

Ohne sich von Steinbrücks Augenrollen aus dem Konzept bringen zu lassen, berichtet dieser von bedauernswerten Handwerksmeistern, Kinderärztinnen und sonstigen "gut ausgebildeten Leuten", die ihm ihr Geld bringen, weil sie die "Schnauze voll haben vom deutschen Steuersystem". Diese Bürger der Mittelschicht müssten vor dem "gefräßigen Staat" geschützt werden, der wuchere "wie ein Krebsgeschwür".

Mit dieser Vorlage geht Illner schließlich in die dritte und letzte Runde, zu der sich Sven Giegold vom Netzwerk Steuerehrlichkeit und Mitgründer des deutschen attac-Netzwerkes sowie BDI-Vorstand und Unternehmer Diether Klingelnberg einfinden. Da haben sie sich also versammelt und bilden wunderbar die verschiedenen Akteure des gesamten deutschen Steuerdramas ab.

Die Rolle des klassischen Steuerflüchtlings gibt dabei Klingelnberg, der unumwunden erklärt, seine Firma ins Ausland verlegt zu haben, um keine Erbschaftssteuer zahlen zu müssen. Trotzdem hält der Unternehmer sich nicht für einen "vaterlandslosen Gesellen" - im Gegenteil: Ohne rot zu werden schwadroniert er direkt im Anschluss über das fehlende Verständnis des Bürgers für seinen Staat und sein Gemeinwesen. "Diese Verdrossenheit halte ich nicht für gut."

Versprecher und Nervsprecher

Daneben sitzt Giegold, dem als Idealisten die Empörung ins Gesicht geschrieben steht, und der von einem solch überzeugenden Fachwissen ist, dass es sich selbst Steinbrück nicht verkneifen kann, ihn irgendwann darauf hin zu weisen: "Das können Sie mit ihrem Fachverstand doch ganz gut unterscheiden", rutscht es ihm raus, als es im munteren Wortgefecht zwischen Steuerlücken, Kapitalerträgen, Erbschaftssteuerreform, Betriebsvermögen, Körperschaftssteuer und Nominalsteuersatz zu Versprechern kommt.

Am Ende sind alle irgendwie der Meinung, dass Steuern hinterziehen nicht richtig ist, man mehr Kontrollen brauche und mehr Moral sowieso.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Manitou, 22.02.2008
1. Steuerhinterziehung und andere Kriminalität
Wer Steuerhinterziehung mit den angeblich zu hohen steuern entschuldigt, der müßte so konsequent sein, auch Ladendiebstahl mit zu hohen Preisen und Bankraub mit zu niedrigen Löhnen, zu scharfen Kreditbedingungen usw. zu entschuldigen. Denn alles vorgenannte ist kriminell!
woksoll 22.02.2008
2. Parallele zu bin Laden
Zitat von sysopGibt es Parallelen zwischen Terrorfürst Osama Bin Laden und Klaus Zumwinkel? Auf so eine Frage muss man erst mal kommen. Und wer wie Maybrit Illner eine eigene Talksendung hat, kann sie sogar einem Finanzminister stellen. Armes Fernsehen, armes Deutschland. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,536978,00.html
Natürlich gibt es Parallelen und es gibt gar keinen Grund, das lächerlich zu machen, wie es der Spiegel macht. US-Ermittlungsbehörden vermuten, dass der Herr bin Laden ein Straftäter sei. Sie würden gerne an Verräter aus seinem Umfeld 25 Mio Dollar zahlen, wenn sie die Daten über den Aufenthaltsort an die US-Ermittlungsbehörde (FBI) verkaufen würden. http://www.fbi.gov/wanted/topten/fugitives/laden.htm Bei Herrn Zumwinkel vermuten deutsche Ermittlungsbehörden, dass er Straftaten begangen habe. Für Hinweise haben sie ein 5 Mio Euro bezahlt. Aber dafür dann auch noch Hinweise auf ein paar hundert weitere mutmassliche Straftäter bekommen. Aus strafrechtlicher Sicht geht es bei beiden darum, in demokratischen Staaten geschaffenes Strafrecht umzusetzen. In beiden Fällen mit exorbitant grosser Pressebegleitung. Über beide Fälle berichtet der Spiegel (über viele andere Straftäter nicht). Viel Lärm um nichts.
spornliebe, 22.02.2008
3. Schulnoten
Der Verfasser dieses Artikels war wohl in einer anderen Talkshow. Wie kann man den sog. Steuerberater positiv darstellen, der nicht einmal den Unterschied von Einkommnessteuer und Mehrwertsteuer anscheinend nicht kennt, denn er addiert 43 % plus 19 %. So tief darf man nicht sinken!! Noten wie in der Schule: (1 = sehr gut, 6= ungenügend) Illner: 3 Steuerberater: 6 Steinbrück: 1 Attac-Mensch: 1 Unternehemer: 3
Mogambo 22.02.2008
4. Klingt lustig
Diese Sendung will ich sehen!! Muss ja sehr lustig gewesen sein! Wann ist die Wiederholung??
Dewerth 22.02.2008
5. Ach, Spiegel!
Früher waren die Sottisen besser. wie alles unter Augstein. Außer dem triefenden Neid auf den eloquenten Finanzminister, dem die illner rein gar nichts entgegensetzen kann, fällt euch Blassjournalisten nichts ein. Ich bin kein Bewunderer von Steinbrück, aber gestern punktete er. Neben Giegold, zu dessen Fachwissen Sie auch nur mit bemüht lustigen Anmerkungen zu seiner Außenwirkung beitragen können. Geht nach Hause. Ihr seid schlecht!
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