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Nachlass-Fotografie: Deutsche Gemütlichkeit

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Teppichfransen, Fernbedienung, Pingpong-Platte: Christian Werner fotografierte den Haushalt eines Verstorbenen und fand dort längst vergessene Dinge eines westdeutschen Lebens. Hässlich, schön, berührend.

Das gelb gekachelte Badezimmer. Die Fototapete im Hobbykeller. Und über dem Ehebett aus weißem Schleiflack mit dem passenden Kopfteil liegt die Steppdecke mit dem grünen Blumenmuster. Diese Dinge waren modern, eine Zeit lang, man fand sie schön, doch nun sind sie Artefakte einer vergangenen Zeit. Und mit dem Tod ihres Besitzers verlieren sie ihre Bedeutung.

Der Berliner Fotograf Christian Werner hat Inventur gemacht im Haus eines Verstorbenen. Im Dezember 2014 bat ihn ein alter Schulfreund, das Haus seines kurz zuvor verstorbenen Großvaters zu fotografieren. Werner lichtete an einem einzigen Tag ab, was von einem 80 Jahre langen Leben übrig war, ohne etwas zu arrangieren. Es ist eine Momentaufnahme, die aus dem Leben von Herrn und Frau B. aus Paderborn erzählt, gleichzeitig aber auch die Wohnkultur und Lebensart der BRD der Nachkriegszeit abbildet. Im Kunstpalais Erlangen sind 40 Aufnahmen aus der Fotoserie "Stillleben BRD - Inventur des Hauses von Herrn und Frau B." zu sehen.

Werner beschäftigt sich mit Geschirr und Flaschenöffnern, Stickbildern und Plastikblumen, Vorhängen und Häkeldeckchen. Dabei wählt er für jeden Gegenstand den passenden Bildausschnitt, seine Bilder wirken wie zufällige Blicke in die Privatsphäre von Unbekannten. "Manchen Gegenständen wurde sicherlich niemals vorher so viel Aufmerksamkeit zuteil", schreibt Kuratorin und Kunstpalais-Chefin Amely Deiss im Vorwort zum Katalog. "Aber vermutlich hat auch niemand vorher bemerkt, wie sehr ein Marmortisch mit einer Liste der TV-Kanäle für die BRD steht."

Mindestens so bemerkenswert wie die Ausstellung ist der dazugehörige mit lila Leinen bezogene Katalog. Neben den Fotografien finden sich darin Abhandlungen und Assoziationen zu den hässlich-schönen Alltagsgegenständen aus Herrn B.s Haushalt. Verfasst haben die kleinen Texte Schriftsteller, Autoren und Journalisten.

"Den Tod konnte man immer schon in den Zwischenräumen des Ordnungsturms tanzen sehen", schreibt etwa der Berliner Kunstkritiker Timo Feldhaus über CD-Ständer. Publizist Holm Friebe erinnert sich synästhetisch an Messing-Rauchglas, an einen "stechend metallisch-ionischen Geschmack, als würde man beim Schokoladeessen auf Alufolie beißen". Und Journalist Clemens Niedenthal schreibt über Gardinen: "Wenn es also so sein sollte, dass die Kleidung unsere zweite und das Haus unsere dritte Haut ist, dann ist der Verzicht auf die Gardine ein Akt der Entblößung."

Schon einmal Poesie über Fototapeten, Partykeller oder Teppichfransenkämme gelesen? Die Textminiaturen in "Stillleben BRD" erweisen diesen vergessenen Dingen eine letzte Ehrung.


Ausstellung: Kunstpalais Erlangen, "Stillleben BRD - Inventur des Hauses von Herrn und Frau B.", bis zum 3. April 2016

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Beklemmend
rennix 19.02.2016
Wirkt in seiner Unmittelbarkeit extrem beklemmend. Wir alle werden irgendwann die Häuser/Wohnungen unserer Eltern/Großeltern entrümpeln müssen. Und stehen dann ebenfalls vor diesen sterilen Wohnlandschaften unserer Kindheit...
2. Ich verstehe nicht, was...
flaps25 19.02.2016
... für eine "Kunst" es sein soll, Opas Wohnung zu fotografieren. Solche Wohnungen in ihrer alltäglichen Banalität kennt jeder, es gibt sie millionenfach in Deutschland, jedes 2. Haus sieht hier so aus...
3. ...
jujo 19.02.2016
So ist das Leben. Mir tut eigentlich meine Tochter jetzt schon leid, wenn sie unseren Haushalt auflösen muss. Irgendwie mussten wir auch da durch und letztlich entscheiden was einem Erhaltens- und Erinnerungswert erscheint. Was uns lieb und teuer ist, ist für die Nachkommen im Zweifel Abfall und Sperrmüll.
4. Kunst
salzzz 19.02.2016
@flaps25: das interessante an der Kunst ist, dass es sie (die Kunst) nicht interessiert, ob Sie (flaps) sie verstehen - oder eben nicht. Und das ist das Wunderbare an der Kunst.
5. Die Idee
rahelrubin 19.02.2016
, die Umsetzung, das, was es auslöst, das ist Kunst. Mich berührt es. Es regt zum Nachdenken an, und es macht auch Angst. Vor Vergänglichkeit und Tod und Abschied. Das hat der Fotograf bei mir erreicht. Und Kunst sollte ins Herz treffen. Diese tut es bei mir.
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