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Kabarettisten nehmen Abschied: "Dieter wusste immer weiter"

Dieter Hildebrandt: Intelligent war seine Kunst Fotos
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Ein Kollege, auf den man sich verlassen konnte, ein Förderer und ein Freund: Kollegen und Weggefährten trauern um Dieter Hildebrandt. Und einige Politiker haben sich ebenfalls geäußert.

Bruno Jonas : "Hildebrandt war der prägende Kabarettist der Nachkriegszeit."  Zur Großansicht
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Bruno Jonas: "Hildebrandt war der prägende Kabarettist der Nachkriegszeit."

Der Kabarettist Bruno Jonas im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Der Tod verlangt Stille und Respekt vor der Lebensleistung dieses großen Mannes. Aber Dieter Hildebrandt hat selbst immer alles kommentiert, und deshalb denke ich, dass er damit einverstanden wäre, wenn ich jetzt etwas über ihn sage.

Unser letztes Gespräch hatten wir vor etwa zwei Wochen in seinem Haus in Waldperlach. Er war wie immer bestens informiert über das, was in der Welt und in der deutschen Politik gerade geschieht, und wie immer sind wir alles durchgegangen. Er erzählte mir, dass er 'zur Reparatur' in der Klinik gewesen sei - und wirkte überzeugt davon, es noch mal zu packen. Dass es dann so schnell gegangen ist, hat uns alle überrascht.

Persönlich kennengelernt habe ich Dieter Hildebrandt Anfang der achtziger Jahre, aber vorher hatte ich ihn natürlich im Fernsehen gesehen. Mit seiner Sendung 'Notizen aus der Provinz' hat er die Satire im deutschen Fernsehen erfunden, hat Meilensteine und Maßstäbe gesetzt. Er hat die gesamte Kabarettszene geprägt.

Dieter Hildebrandt war immer neugierig auf junge Leute, er hat unglaublich viele junge Menschen gefördert, hat ihnen ein Forum gegeben in der Lach- und Schießgesellschaft und später auch im 'Scheibenwischer'. Und er war stets aufgeschlossen für neue Wege, die eigentlich uralten Mittel des Kabarettisten neu zu kombinieren, ihnen neue Perspektiven zu geben in der Art der Darstellung. Er hat einem von Anfang an das Gefühl gegeben, ebenbürtig zu sein. Mit ihm auf der Bühne musste man keine Angst haben, einen Texthänger zu haben, denn Dieter wusste immer weiter.

Hildebrandt war ein schreibender Kabarettist, und diese Identität von Autorenschaft und Darstellung war für sein Publikum spürbar. Da stand einer, der sagte, was er dachte. Dieter Hildebrandt war authentisch.

Er war der prägende Kabarettist der Nachkriegszeit. Wenn man seine Texte aus der Adenauer-Zeit bis heute sichten und als Buch herausgeben würde, dann hätte man einen Spiegel der politischen Entwicklung dieses Landes, ein satirisches Geschichtsbuch - in mehreren Bänden."

Werner Schneyder: "Da war immer die gleiche Wut, die gleiche Dynamik, die gleiche Bedenkenlosigkeit im besten Sinne." Zur Großansicht
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Werner Schneyder: "Da war immer die gleiche Wut, die gleiche Dynamik, die gleiche Bedenkenlosigkeit im besten Sinne."

Der Kabarettist Werner Schneyder erinnert sich: "Denke ich an Dieter Hildebrandt, dann denke ich an acht Jahre intensive Zusammenarbeit in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und auf Tourneen, die meine Karriere entscheidend geprägt haben. Als Hildebrandt mich nach seiner einjährigen Kabarett-Pause im Frühjahr 1974 zu seinem Bühnenpartner gemacht hat, war er schon ein Star - und ich war in München noch völlig unbekannt. Alles, was danach kam, habe ich ihm zu verdanken. Dafür werde ich Dieter Hildebrandt bis an mein Lebensende dankbar sein.

Dieter Hildebrandts Werk zeichnete sich durch eine unglaubliche Konstanz aus, von der ersten Fernsehsendung 'Notizen aus der Provinz' 1973 bis zu seinen letzten Solo-Auftritten: Da war immer die gleiche Wut, die gleiche Dynamik, die gleiche Bedenkenlosigkeit im besten Sinne. Er hinterlässt eine große Lücke in der deutschsprachigen politischen Satire. Qualifizierte junge Menschen sind aufgefordert, diese Lücke zu schließen."

Ottfried Fischer: "Die Erhellung durch Deine Person" Zur Großansicht
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Ottfried Fischer: "Die Erhellung durch Deine Person"

Der Kabarettist und Schauspieler Ottfried Fischer schreibt einen Abschiedsbrief: "Lieber Dieter, wir trauern um Dich, weil wir einen Freund und wichtigen Bruder im Geiste verloren haben.

Aber auch die Gesellschaft hat einen Gerechten zu beweinen: das Symbol Hildebrandt, den Rufer in der Wüste, der es uns seit Jahrzehnten immer gezeigt, sowie dafür den Finger in die Wunden gelegt, und das Bett für eine öffentlich-rechtliche Satire bereitet hat, wodurch Ironie-Erkenner und Satire-Versteher wenigstens virtuell Aufnahme fanden im kritischen Bereich.

Aufgrund Deines Beispiels sind viele Kabarettisten solche erst geworden. Hilfreich, damals im Bayerischen Wald, statt umständlicher Erklärung, was für ein Theater ich da denn mache, in München? Dann die Erhellung durch Deine Person: 'Ah, Hildebrandt, versteh'!'

Die Institution Münchener Lach- und Schiess-Gesellschaft, mit ihr warst Du eins und auch in Zukunft werden noch viele Leute es ignorieren, dass es ein Dasein in Deutschland ohne Dich gibt und spätestens in der Pause eines Gastspiels fragen: 'Wann kommt denn jetzt der Hildebrandt?'"

Konstantin Wecker: "Dieter strotzte vor Vitalität." Zur Großansicht
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Konstantin Wecker: "Dieter strotzte vor Vitalität."

Der Liedermacher Konstantin Wecker bewundert Hildebrandts andauernde Wut: "Ich stand mit 21 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne der Lach- und Schießgesellschaft. Seitdem bin ich mit Dieter Hildebrandt befreundet gewesen, und die Nachricht von seinem Tod erschüttert mich zutiefst. Auch deswegen, weil Dieter bis zu seiner Erkrankung vor Vitalität nur so strotzte - und vor wachsamer Scharfsinnigkeit.

Verschmitzt wie immer, klug und sprühend vor Geist und Witz hat Dieter Hildebrandt in den letzten Jahren wirklich gebrannt vor Wut. Das Internet-Projekt 'StörsenderTV' mit Dieter Hanitzsch ist ein Ergebnis dieser Wut. Der Traum des Dieter Hildebrandt war ja immer der Traum vom Verstand - und die Dummheit und Gemeinheit, die Gier und die Niedertracht unserer Tage haben ihn zum Schluss noch einmal auf die Barrikade getrieben.

Jetzt fehlt uns der Dieter - was für eine Lücke wird da gerissen!"

Biermösl Blosn: "Für uns war er der liebe Gott des politischen Kabaretts" Zur Großansicht
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Biermösl Blosn: "Für uns war er der liebe Gott des politischen Kabaretts"

Christoph und Michael Well von der bayerischen Band Biermösl Blosn: "Der Dieter war für uns eine moralische Instanz, ohne moralisch zu sein. Wir kannten ihn aus seiner Sendung 'Notizen aus der Provinz', das war das erste Mal, dass wir im Fernsehen Kabarett sehen konnten. Für uns war er der liebe Gott des politischen Kabaretts, der sich dann später beim Kennenlernen als ein sehr nahbarer und warmherziger Mensch gezeigt hat.

Als der Bayerische Rundfunk die Biermösl Blosn wegen unserer BayWa-Hymne mit dem Bann belegte, war er es, der uns gerade mit Fleiß im 'Scheibenwischer' aufspielen ließ, und der wurde ja über die ARD auch in Bayern gesehen. Auf der Bühne mit ihm zu sein, war immer ein Glück und eine große Ehre. Aber er war auch ein Meister des Schafkopfens und auch auf dem Tennis- oder Fußballplatz für uns ein großes Vorbild. Doch vor allem war er ein liebenswerter guter Freund, mit dem es die reinste Freude war zusammen sein zu dürfen."

Bundespräsident Joachim Gauck zum Tod von Dieter Hildebrandt: "Dieter Hildebrandt war mehr als ein Mann des Kabaretts. Sein Lachen, sein fragendes Schweigen; seine Zwischentöne, seine Attacken, seine Urteile, seine absichtsvollen Überzeichnungen - all das war für ihn kein Selbstzweck. Ich empfand es so, wie unendlich viele Landsleute auch, als eine Einladung zum Nachdenken, auch zum Protest. Wer ihm zuhörte, war - ob man seine Meinung teilte oder nicht - mittendrin in der Diskussion über Macht und Ohnmacht, über die Zustände, in denen wir leben. Er konnte scharfzüngig sein und mochte dennoch nicht auf Menschlichkeit verzichten. Er konnte seine Mitmenschen ermutigen, Bürger zu sein. Was könnte einem Kabarettisten Besseres widerfahren?"

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer würdigt den Verstorbenen: "In tiefer Trauer sagt Bayern Dieter Hildebrandt, der Ikone des politischen Kabaretts schlechthin, ein letztes 'Dankeschön'. Dieter Hildebrandt hat mit spitzer Feder und spitzer Zunge über Jahrzehnte Politikern in Deutschland den Spiegel vorgehalten. Bayern verneigt sich mit Achtung und Respekt vor Dieter Hildebrandt. Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei seiner Familie und seinen Freunden."

Sigmar Gabriel, Vorsitzender der SPD, würdigt Dieter Hildebrandt als "großartigen Kabarettisten". "Mehr als ein halbes Jahrhundert lang brachte er uns zum Lachen und regte dabei zugleich kritisches Denken an", sagte Gabriel. "Unser Land hat einen großartigen Kabarettisten verloren, die SPD einen kritischen Unterstützer." Er habe den Geist der Freiheit und ein Verantwortungsgefühl für die Demokratie und den Frieden in der Bundesrepublik verkörpert, "ohne dabei dogmatisch oder gar humorlos zu werden." Auch der SPD habe er den Spiegel vorgehalten "und uns damit stets daran erinnert, dass auch die Tagespolitik der SPD unseren Wurzeln in der Aufklärung, der Arbeiterbewegung und im Antimilitarismus gerecht werden muss". Die SPD habe ihren wohl charmantesten Kritiker verloren, sagte Gabriel. Hildebrandt sei nie der Versuchung erlegen, "in postmoderne Beliebigkeit abzudriften oder mit bloßer Comedy für Einschaltquoten zu sorgen". Man werde seinen linken, demokratischen und im besten Sinne liberalen Geist schmerzlich vermissen, sagte der SPD-Chef.

Linksfraktionschef Gregor Gysi hat den verstorbenen Kabarettisten als "großen Künstler" gewürdigt. "Er war genial, humorvoll, provokativ, konsequent und mit der Eigenschaft versehen, Freundinnen und Freunde auch dann nicht zu verlassen, wenn sie in größten Schwierigkeiten steckten", schrieb Gysi am Mittwoch auf Facebook. Seine gute Laune sei ansteckend gewesen. "Dieter Hildebrandt war aber auch wichtig für den Zeitgeist, für die politische Auseinandersetzung", betonte Gysi. Er habe Politikern auch wehtun müssen, um sie zum Nachdenken zu veranlassen. "Wir alle hatten ihn nötig und verdient. Hoffentlich wird die Lücke, die er hinterlässt, nicht zu groß."

Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat den verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt als blitzklugen Analysten des politischen Geschehens gewürdigt. "Auch in den bleiernen Zeiten dieser Republik hat Dieter Hildebrandt mit seinem Kabarett stets Mut bewiesen und gesellschaftliche Bedeutung erlangt, auch als Stimme gegen das Vergessen und für die historische Verantwortung", sagte die Bundestagsvizepräsidentin und frühere Parteichefin am Mittwoch in Berlin. "Im Gegensatz zu manchem Hau-Drauf-Comedian war seine Wortwaffe eher das feine Florett, mit dem er messerscharf ins Herz der politischen Klasse vordrang." Sein Kabarett sei gerade im Bayern der CSU der Stachel der linksliberalen Bürgergesellschaft gewesen.

Der amtierende Außenminister Guido Westerwelle hat den verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt als "scharfzüngigen großen Geist" gewürdigt. "Hildebrandt war einer der wenigen Kabarettisten, der die Politiker nicht nur aufs Korn genommen, sondern oftmals auch die Politik beeinflusst hat", erklärte der FDP-Politiker am Mittwoch in Berlin. "Auch wenn er politisch anders gedacht hat als ich selbst, so habe ich seine Beiträge stets als Erweiterung unserer politischen Horizonte verstanden." Hildebrandt starb in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 86 Jahren an Krebs.

kuz/dpa

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1. Dankbar
RoSo 20.11.2013
Ohne ihn wären wir Idioten geblieben. Stumpfsinnige. Graue Ja-Sager. Humorlose teutonische Knobelstiefel. Ich bin dankbar, dass es ihn gab. Leb wohl Dier Hildebrandt. Ich bin sehr traurig.
2. Dankbar
RoSo 20.11.2013
Ohne ihn wären wir Idioten geblieben. Stumpfsinnige. Graue Ja-Sager. Humorlose teutonische Knobelstiefel. Ich bin dankbar, dass es ihn gab. Leb wohl Dier Hildebrandt. Ich bin sehr traurig.
3. Dieter H.
dr.faridi 20.11.2013
Er ließ, wie es nur wenige in seiner Zeit vermochten, Umstände eitrig werden, damit sie von den wenigen Bemühten wahrgenommen werden konnten, gegen solchen Erreger blieben die Antibiotika der Antibioten wirkungslos, vielleicht sieht man sich noch an anderem Ort zum Tennismatch, Hut ab !
4. danke Dieter
thustra 20.11.2013
...ein großes Stück meines Daseins hast Du maßgeblich geprägt und beeinflußt. Du warst das Deutsche Kabarett. Mewin Lachen , meine Freude. Danke schön!
5.
classwar! 20.11.2013
Drastisch ausgedrückt, aber sicher nicht ganz zu unrecht, "RoSo". Ein ganz Großer ist gegangen - mirt der ihm eigenen Bescheidenheit. Danke, Dieter!
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