S.P.O.N. - Oben und unten Was heißt Nein?

Kurz vor einer möglichen Reform des Sexualstrafrechts melden sich einflussreiche Kritiker zu Wort. Dabei offenbaren einige Frauen ein ebenso elendes Frauenbild wie manche Männer.

Eine Kolumne von


Sie winden sich, die Experten und Expertinnen, die gegen eine Reform des Sexualstrafrechts sind. Es ist ihnen too much, die Sache mit der sexuellen Selbstbestimmung so ernst zu nehmen, dass Gesetze umgeschrieben werden müssten. Trotzdem wird am Donnerstag der Bundestag wahrscheinlich für die Reform stimmen. Es geht dabei um mehrere Änderungen, unter anderem um die Frage, wann etwas eine Vergewaltigung ist.

Die Kritikerinnen und Kritiker dieser Reform fahren so schauerliche Klischees von Männern, Frauen, Sex und Gewalt auf, dass es zwar bitter ist, das anzuhören, aber eine Untersuchung lohnt, zumal sie sich an entscheidenden Stellen widersprechen.

Einer der Kritiker ist Bundesrichter Thomas Fischer, der in seiner "Zeit Online"-Kolumne eine gewisse Freude daraus zu schöpfen scheint, anderen zu erklären, dass sie keine Ahnung von seinem Fachgebiet haben. So schön es ist, wenn jemand sein Wissen teilt, so tragisch ist es, wenn diese Kompetenz durch frauenfeindliche Polemik getrübt wird oder gar in ihr versinkt, was ihm leider ab und zu passiert.

Fischer, der schon 2015 empfahl, man solle "das Sexualstrafrecht endlich einmal in Ruhe lassen" (hat keiner drauf gehört) schreibt nun über eine Journalistin, die auf Brigitte.de etwas Falsches zum Fall Gina-Lisa Lohfink geschrieben hat, dass "die simpelsten Einsichten des Verstands bei ihr nicht mehr wirken", und er "fürchtet", das komme "irgendwie aus den Hormonen". Aus welchem Körperteil diese Vermutung bei ihm kommt, sollten mal Biologinnen klären.

Dass Expertise im Strafrecht nicht zwingend mit Expertise zu Frauen einhergeht, zeigt auch Fischers Exegese der Sehnsüchte und Ängste "der deutschen Frau": "Kaum trippelt man selbstbestimmt im kurzen schwarzen Spitzenkleidchen übers Parkett [...] - da starren frech schon wieder: Männer." Man kriegt richtig Bock, mit so jemandem mal zusammenzuarbeiten.

Anders als Fischer suggeriert, ist Vergewaltigung allerdings keine "Frauenfrage". Es werden erstens auch Jungs und Männer vergewaltigt und missbraucht (die meisten Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche sind männlich) und zweitens gehört zu jedem Fall, in dem eine Frau von einem Mann vergewaltigt wird, eben auch dieser Mann. Vergewaltigung als Frauenthema zu sehen, heißt Männer, die zu Opfern werden, zu verschweigen, und Männer, die zu Tätern werden, als unhinterfragbare Naturgewalt hinzustellen.

Wenn Schlafzimmer für "gefährlich" erklärt werden

Am Fall Gina-Lisa Lohfink sind für Fischer, apropos Natur, vor allem die Brüste der Angeklagten interessant und die Einkünfte, die sie ihr - seines Erachtens - quasi im Alleingang verschaffen. Er erklärt beleidigt, dass ihr Einkommen "plausibel ist, denn als Mensch mit dem Beruf 'Vorzeigen-von-dicken-Silikonbrüsten' sollte man schon deutlich mehr verdienen als der Präsident eines Obersten Bundesgerichts." Große Worte für einen, dessen Beruf man als "Deuten von dicken Büchern" beschreiben könnte. Abgesehen davon, dass man Lohfink auch "Model, Schauspielerin, Sängerin" nennen könnte, wenn man den Respekt für Menschen nicht an der chemischen Zusammensetzung ihrer Oberweite festmachen würde.

Aber Fischer macht sich lieber lustig über die "kaum noch beherrschbare Welle von Sexualdelikten, die Deutschland bekanntlich überschwemmt". Ich weiß nicht, ob es eine zynischere Art gibt, Opfern von Sexualstraftaten so richtig auf die Fresse zu geben.

Ein Nein, das dazu dienen soll, eine Vergewaltigung zu verhindern, ist für Fischer nur mittelmäßig bedeutsam: "Wie jede andere Aussage in jedem anderem Zusammenhang kann das 'Nein' oder 'Hör' auf' ganz ernst, halb ernst oder gar nicht ernst gemeint sein [...]. Was denn sonst?" Das sonst: Man könnte die Worte von Personen, die man zu penetrieren oder lutschen gedenkt, auch einfach mal ernst nehmen und nachfragen, was sie wollen.

So sinnlos er die Reform findet, so sehr weiß Fischer, dass sie kaum zu vielen neuen Verurteilungen führen wird, denn natürlich bleibt die Beweisbarkeit weiterhin schwierig: Es gibt von den wenigsten Vergewaltigungen Videos oder Zeugen, und die Unschuldsvermutung bleibt bestehen.

Das hindert allerdings eine andere Kritikerin der Reform nicht daran, das Schlafzimmer nun für "gefährlich" zu erklären. Sabine Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der "Zeit" und dort meist redaktionell für Fischers Kolumne zuständig. Sie schreibt über die "unnötige und verhängnisvolle Verschärfung des Sexualstrafrechts", die am Donnerstag "durchgepeitscht" werden soll: "Was leidenschaftliche Liebesnacht und was Vergewaltigung war, definiert die Frau am Tag danach."

"Durchpeitschen", na ja. Es geht um eine Reform, die Feministinnen seit Langem fordern, die wegen der Istanbul-Konvention seit Jahren fällig ist und im Grundsatz fraktionsübergreifend befürwortet wird. Rückert findet das verheerend: "Das Intime gerät in Verdacht, das Schlafzimmer wird zum gefährlichen Ort." Gefährlich für diejenigen, die potenziell Täter oder Täterin werden könnten. Für potenzielle Opfer hingegen war das Schlafzimmer bisher schon "ein gefährlicher Ort": Im Jahr 2004 gaben in einer repräsentativen Studie in Deutschland 25 Prozent der Frauen an, körperliche und/oder sexualisierte Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben. Längst nicht alle zeigen die Taten an.

Das mag für Rückert wenig glaubwürdig klingen, die empathisch den Fall eines wegen Nötigung verurteilten Professors beschreibt ("Er ist ruiniert"), während sie zum Fall Lohfink sagt, dass das Model "vergewaltigt worden sein will", obwohl "die Opfereigenschaft des Partygirls mehr als nur fragwürdig ist". Für sie scheint das ganze Thema eine glasklare Sache: "Was Gewalt ist, wissen Täter und Opfer. Sie lässt sich außerdem durch Hämatome und zerrissene Kleidung, aber auch durch ein herrschendes Klima der Angst [...] nachweisen." You wish.

Das Bild der überemotionalen, leicht reizbaren Frau

So begründet also Thomas Fischer seine Ablehnung der Reform damit, dass ein Nein alles Mögliche heißen könne, beim Sex nun mal vieles unklar ist, und es sich bei der Reform um "symbolischen Aktionismus" handele; und Sabine Rückert begründet ihre Ablehnung damit, dass Gewalt ja wohl klar nachweisbar sei und sich wegen der Reform nun jeder Mann in Acht nehmen müsse, dass er nach einer "leidenschaftlichen Liebesnacht" nicht doch plötzlich angezeigt wird. Dabei gibt es keinen Beleg dafür, dass absichtliche Falschbeschuldigungen im Bereich der Sexualstraftaten häufiger vorkämen als bei anderen Delikten (und selbst eine Falschbeschuldigung führt eben längst nicht zur Verurteilung).

An diesen beiden Beispielen zeigt sich nicht nur, dass Frauen ein ebenso elendes Frauenbild haben können wie manche Männer, sondern auch, dass die Strafrechtsreform nur ein winziger Teil dessen ist, was sich im Umgang mit Sex und sexualisierter Gewalt ändern muss: genau so wichtig sind Aufklärung, Rollenbilder und Information.

Während es für Thomas Fischers Welt stimmen mag, dass "in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland über kein Thema so viel [...] gesprochen wurde wie über das Sexualstrafrecht", sind vielen Leuten die Begriffe und ihre eigenen Rechte absolut unklar. Im Vernehmungsprotokoll von 2012 soll Gina-Lisa Lohfink gesagt haben: "Vergewaltigung, das ist so ein großes Wort", und: "Wie nennt man das, wenn man Sex nicht will?"

Und es ist nicht zuletzt ein Frauenbild wie das von Thomas Fischer gezeichnete - die überemotionale, leicht reizbare Frau -, das auch Frauen internalisiert haben und das sie ihre eigenen Grenzen infrage stellen lässt. Eine Autorin, die fürs "Zeitmagazin" einen sexuellen Übergriff in der Bahn beschreibt, überlegt kurz bevor sie von Fußballfans betatscht und mit Bier begossen wird: "Ich denke, vielleicht muss ich toleranter werden."

Als würde Toleranz für übergriffige Menschen irgendetwas besser machen.

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insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
skylarkin 05.07.2016
1.
Ich hatte es geahnt: An den Stellen wo sich Herr Fischer etwas 'daneben benimmt' in seinen Formulierungen, wird er angegangen. Seine fachlichen und sachlichen Argumente gegen die Verschärfung werden dagegen kaum widerlegt oder gar ignoriert. So erwartbar. Was hätte man ihm bloß vorwerfen können wenn das nicht gewesen wäre. Ich vermute fast Frau Stokowski hat die Kritik an der Verschärfung gar nicht verstanden oder möchte sie nicht verstehen.
hanfiey 05.07.2016
2. 25%
Hier werden gleich alle Gewalttaten in einen Topf geworfen und gut umgerührt kommen 25% vergewaltigte Frauen raus, flacher geht es nicht.
spon-facebook-10000404849 05.07.2016
3.
Es gibt leider zu viele Männer, die sich nicht die Spur benehmen können; vermutlich hat dort zu einem großen Teil die Erziehung -soweit überhaupt vorhanden- versagt. Und es gibt leider ein Versagen, ein völliges Einknicken des Rechtsstaates vor einigen archaischen, männerdominierten Gruppierungen.
exxtreme2 05.07.2016
4. Fischers Kolumne
... ist Sarkasmus pur. Wer das wörtlich genommen hat was er geschrieben hat, ojemine ... MfG
Chefcook 05.07.2016
5.
Zitat von skylarkinIch hatte es geahnt: An den Stellen wo sich Herr Fischer etwas 'daneben benimmt' in seinen Formulierungen, wird er angegangen. Seine fachlichen und sachlichen Argumente gegen die Verschärfung werden dagegen kaum widerlegt oder gar ignoriert. So erwartbar. Was hätte man ihm bloß vorwerfen können wenn das nicht gewesen wäre. Ich vermute fast Frau Stokowski hat die Kritik an der Verschärfung gar nicht verstanden oder möchte sie nicht verstehen.
Dass Herr Fischers scheinbare Kompetenz in Abrede gestellt wird, hat er sich durch seine unangebrachten Äusserungen selbst zuzuschreiben. Wer ernst genommen und als seriös betrachtet werden will, sollte sich entsprechend verhalten. Wenn zudem ein Bundesrichter wie Herr Fischer seinem privaten Hang zur Verallgemeinerung und Vorurteilen in der Öffentlichkeit freien lauf lässt, sollte er sich nicht wundern, wenn seine charakterliche Eignung zum Richteramt und seine richterliche Unabhängigkeit in Frage gestellt wird. Die für einen Richter angebrachte und fachlich korrekte Methode wäre gewesen, sich ohne wertenden Zwischenton auf die Sachkritik zu beschränken.
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