Stradivari-Händler Machold Ein reicher Mann vergeigt sein Schloss

Im Geschäft mit Stradivaris hat Dietmar Machold Millionen gemacht. Doch das Geld für seinen jüngsten Mega-Deal bleibt aus, plötzlich steht der Luxus-Geigenhändler vorm Ruin. Sein Rolls-Royce ist schon verscherbelt - sein Schloss könnte folgen.

Von Carsten Holm

Carsten Holm/ DER SPIEGEL

Wenn sich das große Doppeltor zu Schloss Eichbüchl vor den Toren Wiens wie von Geisterhand betrieben öffnet, wird auf dem Parkplatz zur Linken die Krise deutlich, die Hausherr Dietmar Machold, 61, in diesen Tagen das Leben beschwert: Der Rolls-Royce ist weg.

Die Geschäfte des aus Bremen stammenden Kaufmanns laufen schlecht, er steht finanziell am Abgrund. Er hat die Corniche, einen gelben Cabrio-Traum, im Sommer für 113.000 Euro verkauft. Machold hat einen VW Phaeton geleast, Oberklasse immerhin.

Der Deutsche ist einer der drei bedeutendsten Geigenhändler der Welt. Er kauft, vermittelt und verkauft 300 Jahre alte italienische Violinen, vorzugsweise aus den Werkstätten von Antonio Stradivari und Giuseppe Guarneri del Gesù. Machold greift erst ab einem Wert von einer Million Euro zu, dem Einstiegspreis für leicht lädierte Stradivaris, die in bestem Zustand das Sechsfache kosten können. Streichinstrumente für 60.000, 70.000 Euro sind für ihn "Micky-Maus-Geigen".

Ein Vierteljahrhundert hat er davon profitiert, dass der Handel mit den alten Geigen in den vergangenen Jahrzehnten wahnhafte Züge annahm. Sie sind das einzige Kulturgut des Barock, das noch als Handwerkszeug benutzt wird, und man sagt, dass vor allem die "Strads" die leisen Töne besser als andere Geigen in den hinteren Teil eines Konzertsaals tragen. Ihr Preis ist seit 1960 etwa auf das Zweihundertfache gestiegen.

Auf dem Weltmarkt wurden vor der globalen Finanzkrise jährlich 10 bis 20 Stradivaris angeboten. Mehr als 1000 Instrumente hat der Gottvater der Geigenbaukunst bis zu seinem Todesjahr 1737 hergestellt, etwa 600 Geigen, 60 Celli und 12 Bratschen, die im Innern einen echten Stempel mit den Initialen Antonio Stradivaris tragen, sind noch erhalten. Machold hat bald jede zweite "Strad" in den Händen gehalten. Geige spielen kann er "nicht so gut".

Banken fordern 19 Millionen Euro

Machold serviert Kaffee und Kuchen im Esszimmer von Schloss Eichbüchl. Rund 700 Jahre alt sind dessen Mauern, Zinnen und Türmchen, er hat das Anwesen 1997 für eine Million Mark erworben und vier hineingesteckt. Da hatte Machold gerade drei Stradivaris und eine Guarneri verkauft und Millionen verdient. Auf dem Schloss wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Regierungsproklamation der Zweiten Republik ausgearbeitet. Eine Schwester Napoleons habe hier rauschende Feste gegeben, erzählt der Schlossherr stolz.

Er wirkt bedrückt, wie eine schwere Last tragend, als er durch das breite Sprossenfenster schaut. Die Sonne ist über den Ostalpen untergegangen, sie hat den Himmel in zarte Pastelltöne getaucht. Steht das Firmengeflecht "Machold Rare Violins" vor dem Zusammenbruch, Herr Machold? "Nein", sagt der Kaufmann, "aber die Banken fordern 19 Millionen Euro, und die habe ich jetzt nicht". Er warte "täglich auf Millionen aus einem großen Geschäft".

Machold führt das Familienunternehmen in fünfter Generation. Er erzählt, dass die Banken die Geduld verloren hätten, für ihn "völlig unverständlich", weil er doch die Verträge über einen Mega-Deal mit einem Volumen von 40 Millionen Euro vorgelegt habe. Machold legt SPIEGEL ONLINE die Verträge vor. 8 bis 14 Millionen, sagt er, sollten als erste Tranche "bald" auf seine Konten fließen. Ein italienischer Immobilien-Tycoon wolle sich eine Sammlung zulegen, 17 "Strads" und Guarneris gehörten dazu. Machold sagt, er habe zehn in seinem Besitz und für den Rest Kaufoptionen. Er könne "innerhalb von 24 Stunden liefern".

Aber wie ist Machold, der seit Jahrzehnten mit Millionen jongliert, in diese Lage gekommen? Hat er sich verkalkuliert oder einfach zu hoch gepokert?

"Nein", sagt der Jurist. Aber kaum war die weltweite Finanzkrise vor zwei Jahren entstanden, sei die Nachfrage nach kostspieligen, alten Geigen nahezu zum Erliegen gekommen. Er habe Instrumente angekauft und nicht verkaufen können, für die Zwischenfinanzierung trage er eine Zinslast von bis zu 16 Prozent.

Ein Problem seines Geschäftsmodells sei, dass er wertvolle Geigen beim Verkauf noch wertvollerer Instrumente in Zahlung nehme. "Da erwirbt jemand eine Strad für vier Millionen Euro, die mir eine Bank finanziert hat, gibt eine Guarneri im Wert von drei Millionen in Zahlung und überweist mir eine Million auf mein Konto. Da muss ich natürlich drei Millionen weiterfinanzieren, bis ich die Guarneri los bin", sagt Machold.

80 Prozent seiner Umsätze mache er auf diese Weise. Die weltweit wenigen Mitbewerber würden Geigen lieber in Kommission nehmen und kämen mit weniger Fremdkapital aus: "Die fahren im Moment besser durch die Krise."

"Nachts zwei, drei Stunden" wach

Vor ein paar Jahren war die Luft für Machold schon einmal knapp. Er war Hauptdarsteller eines Eckgeschäfts, wie es im Geigenhandel oft abgewickelt wird: Ein Violinist des Symphonischen Orchesters in Chicago hatte dem dort residierenden, wichtigsten US-Händler Bein&Fushi seine Guarneri angeboten. Davon hörte die Münchner Geigenhändlerin Renate Koeckert und bot sie Machold an. Es war ein Geschäft, das der Hütchenspielerei in nichts nachsteht: Bein&Fushi waren ahnungslos darüber, dass die wertvolle Geige bei ihrem Händlerkollegen in Wien landete. Machold wusste nicht, dass sie aus Chicago kam. Der Sinn der Geheimnistuerei: Alle Beteiligten können mit einer satten Provision rechnen. 15 Prozent der Verkaufssumme sind üblich, manchmal gibt es mehr - und der Preis der Geigen steigt.

Machold verkaufte das teure Stück Edelholz aus Chicago für 2,6 Millionen Dollar an einen Franzosen. Doch er war klamm, er konnte nur einen kleinen Teil an Koeckert weitergeben, die Bein&Fushi nicht auszahlen konnte - und die wiederum nicht den eigentlichen Besitzer. Die Firma Renate Koeckerts wäre an dem missglückten Deal beinahe zugrunde gegangen; mit mehrmonatiger Verspätung zahlte Machold schließlich doch noch. Er habe "ein Cash-Flow-Problem" gehabt und sich gegenüber seiner langjährigen Münchner Bekannten Koeckert "geschämt", sagte der Deutsche. Der Fall sprach sich in der Branche schnell herum und schadete ihm schwer.

Am 21. Oktober hat Machold, der sein Firmengeflecht von Wien aus dirigiert, vor dem Landgericht Wiener Neustadt und sechs Tage später vor dem Wiener Handelsgericht seine Zahlungsunfähigkeit erklärt und bei den Gerichten Anträge auf "Eröffnung des Sanierungsverfahrens mit Eigenverwaltung unter Aufsicht eines Verwalters" gestellt. Seine Filialen in Zürich und Berlin sind davon nicht betroffen.

Dass Machold "nachts zwei, drei Stunden" wachliegt und auch Gott um Hilfe anruft, liegt wohl auch daran, dass er nicht sicher sein kann, ob die Gläubiger auf ihrer Versammlung am 23. Dezember dem Antrag zustimmen und sich zunächst mit 30 Prozent ihrer Forderungen zufriedengeben.

Wer aber ist der vermögende Unbekannte, auf dessen Überweisung Machold nun sehnlichst wartet? Die Anonymität des älteren Italieners, sagt der Schlossherr, müsse er wahren. Nur so viel: Der Mann sei reich, in der italienischen Öffentlichkeit aber unbekannt. Ein sehr gebildeter Mensch, sagt Machold, bei seinen mehr als 30 Reisen nach Italien, bei denen das Geschäft eingefädelt worden sei, habe er ihn fünf-, sechsmal persönlich getroffen. Ungemein gelassen und souverän sei der Italiener und beinahe asketisch: er trinke keinen Alkohol und ernähre sich vegetarisch. Sein Kunde, so Machold, habe ihm signalisiert, dass er nach diesem Geigengeschäft ein weiteres in gleicher Größenordnung mit ihm aushandeln wolle.

Bleiben die Millionen aus Italien aus und lehnen die Gläubiger den Antrag ab, könnte das Schloss zur Disposition stehen. Es ist acht Millionen Euro wert, es ist noch mit Hypotheken in Höhe von 2,3 Millionen belastet.

Macholds Frau Barbara, 34, stößt zur Runde am Kaffeetisch dazu. Sie ist Gymnasiallehrerin, sie verdient im Monat 1800 Euro netto, sie hat ihre Bodenständigkeit nicht verloren. Die schöne, junge Frau genoss die Geschäftsreisen an der Seite ihres Manns in die USA, nach China und auf die Philippinen ebenso wie vor zwei Jahren die Hochzeitsreise nach Italien und Frankreich im gelben Rolls-Royce.

Sie habe "vor unserer Zeit nicht in einem Schloss gelebt", und sie werde "kein Problem damit haben, wenn wir einmal anders wohnen sollten", sagt Barbara Machold. Man mag es ihr glauben.

Bis zum 30. November, so steht es in den Verträgen, sollen die ersten Millionen aus Macholds wohl wichtigstem Geschäft auf seinen österreichischen Konten verbucht sein. Am Donnerstag dieser Woche traf er seinen Kunden nochmals in Mailand. Er habe "keinen Zweifel", dass das Geld komme, "dann werden mich die Banken wieder lieben", sagt Machold.

Doch er weiß: Es wird knapp.

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Seite 1
herkurius 28.11.2010
1. Auf Thema antworten
Na, ich drücke dem Machold die Daumen. Aber viel interessanter wäre, was hinter dem Artikel steht. Wer hat die Zahlen lanciert und warum? Klar übernimmt der Autor alle Daten, die er recherchieren konnte, aber für die allgemein musikalisch oder wirtschaftlich interessierte Öffentlichkeit hat man doch bestimmt nicht mühsam die ganzen Händler und Verkaufswerte aufgelistet. Machold selber als öffentlicher Bonitätsnachweis? Die Konkurrenz, um einen im Hintergrund bleiben wollenden Händler abspenstig machen zu wollen?
günterjoachim 28.11.2010
2. Kleiner Unterschied
Worin unterscheidet sich denn eine Violine von einer Geige? Laut Artikel hat Stradivari 600 Geigen gebaut, da war er ganz schön fleissig, aber nur 12 Violinen.
keoki, 28.11.2010
3. 16 %
Doch nicht so ein cleverer "Geschäftsmann" wenn er seine "Deals" mit 16% über den Kontokorrent finanziert. Es ist schon erstaunlich was alles einen Bericht auf Spiegel-Online wert ist. Der Mann dauert mich ... NICHT !!!
Peter Sonntag 28.11.2010
4. Schande
Zitat von sysopIm Geschäft mit Stradivaris hat Dietmar Machold Millionen gemacht. Doch das Geld* für seinen jüngsten Mega-Deal bleibt aus,*plötzlich steht der Luxus-Geigenhändler vorm Ruin.*Sein Rolls Royce ist schon verscherbelt -*sein*Schloss könnte folgen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,731104,00.html
Eigentlich ist es eine Schande, wenn jemand nur durch Handel mit Kunst, Antiquitäten oder Luxusbehausungen so viel Geld "verdienen" kann. Denn er muss ja wohl dabei seine Kunden immer kräftig übers Ohr gehauen haben. Wenn die so viel bezahlen, haben sie es allerdings auch nicht besser verdient.
Sapientia 28.11.2010
5. Hin und wieder - auch ggf zwangsweise - der materiellen
Zitat von sysopIm Geschäft mit Stradivaris hat Dietmar Machold Millionen gemacht. Doch das Geld* für seinen jüngsten Mega-Deal bleibt aus,*plötzlich steht der Luxus-Geigenhändler vorm Ruin.*Sein Rolls Royce ist schon verscherbelt -*sein*Schloss könnte folgen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,731104,00.html
Übersättigung an der Seite einer normal gebliebenen Frau entgehen zu können und damit wieder zu sehen, mit wie wenig man auch zurecht kommen kann, reinigt den Geist und hält jung - also vielleicht ist es die Chance. Typischerweise folgt dann ein Buch und dann Einladungen in Talkshows.
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