In Merkels Wahlkreis Bürgermeister gibt abgesprochenes Interview

Keine kritische Frage, dafür lange Monologe: Das Interview eines Privatsenders mit Stralsunds Oberbürgermeister ist offenbar präpariert worden. Ein Schriftwechsel soll das Ausmaß der Absprache belegen.

Interview mit OB Alexander Badrow

Interview mit OB Alexander Badrow


Es war ein Gespräch nach Drehbuch. Im Januar ist der Stralsunder Oberbürgermeister Alexander Badrow von einem örtlichen Privatsender interviewt worden. Die Fragen der Moderatorin wurden allerdings nicht frei gestellt, sondern waren vom städtischen Büro für Öffentlichkeitsarbeit minutiös vorgegeben worden, Wort für Wort. Das berichtet der Mediendienst "Übermedien" auf seiner Internetseite.

Der Redaktion liegt demnach der Mailverkehr zwischen Sender und Stadt vor, aus dem die Absprachen hervorgehen. Erste Entwürfe der Pressestelle enthielten mögliche Themen, bis in immer neuen Versionen jede Frage ausformuliert wurde, die Oberbürgermeister Badrow gestellt werden sollte.

Die in den Skripten vorformulierten Fragen finden sich im fertigen Video wieder , teilweise eins zu eins. In dem Interview lobt der Bürgermeister die Arbeit der Stadtverwaltung über den grünen Klee. Er referiert minutenlang, welche Gehwege in welcher Straße instand gesetzt wurden, und darf erzählen, über welche Events in Stralsund er sich besonders gefreut habe.

Die weitschweifigen Monologe unterbricht die Moderatorin an keiner Stelle. Kritische Nachfragen: Fehlanzeige.

Stralsund ist die politische Heimat von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit 1990 tritt sie hier an, im Bundestagswahlkreis Vorpommern-Rügen. Seit der Wende ist die CDU auch stärkste Kraft in der Stralsunder Bürgerschaft und stellt den Oberbürgermeister.

kae

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insgesamt 57 Beiträge
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chronos-kronos 20.04.2016
1. Frage:
Warum hat man das "Interview" denn trotzdem geführt? Dann kann man sich sowas auch sparen.
ulli7 20.04.2016
2. Dieser Privatsender könnte zum Staatsfernsehen gehören
Wenn ich mir bestimmte politische Sendungen der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF anschaue, dann erscheinen mir die Inhalte auch "als vorher präpariert". Erfreulich ist es, wenn sich bestimmte Printmedien noch als vierte Gewalt in Deutschland betätigen und unabhängig berichten. Die ersten drei Gewalten nach dem Grundgesetz: "Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung" sind durch Parteienfilz so eng miteinander verflochten, dass eine gegenseitige Kontrolle kaum möglich ist.
Raisti 20.04.2016
3.
Doofe Frage aber was ist daran berichtenswürdig ? Laufen nicht 90% aller Interviews, egal ob Zeitung oder Fernsehsender, so ab ? Meiner Meinung nach ist das mit einer der Gründe für die Medienvertrauenskrise. Also warum ist dieser Fall etwas besonderes ? Weil Stralsund TV keinen interessiert oder was :D
markus.pfeiffer@gmx.com 20.04.2016
4. Antwort
Zitat von chronos-kronosWarum hat man das "Interview" denn trotzdem geführt? Dann kann man sich sowas auch sparen.
Weil der Sender das Berufsbild der Journalistin falsch interpretiert: Es ist nicht wichtig, welche eigenen Gedanken sich der Kopf der Journalistin macht (oder diese gar formuliert), sondern ob er beim Aufsagen der vorgegebenen Texte gut aussieht. ;-) Früher nannte man diesen Beruf jedenfalls "Ansagerin" und nicht "Journalistin" - zumindest im Westen.
unbekanntgeblieben 20.04.2016
5.
Kennt noch wer das Interview zw. Martin Sonneborn und einem Angestellten der Bank? Ist also durchaus üblich ... man kennt sich. Aber seit wann wird Merkel (wenn auch nur indirekt) kritisiert? Und übrigens, ich höre mir von genannter auch mal Ansprachen und Reden an ... die hat nur selten eine davon mehr als einmal gelesen und rattert die bloß runter ...
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