Straßenfotografin Helen Levitt Geradeheraus und unsentimental

Jahrzehntelang war die Fotografin Helen Levitt mit ihrer Kamera in den Straßen New Yorks unterwegs. Eine Ausstellung in Hannover feiert nun ihr beeindruckendes Lebenswerk, das so wirkt wie sie selbst: geradeheraus und unsentimental.


New York, Spanish Harlem, 1938. Eine zierliche junge Frau läuft durch die belebten Straßen des Viertels, sie hat ein schmales Gesicht und kinnlange braune Haare, ihre großen dunklen Augen sehen ernst und entschlossen aus. Die Frau blickt um sich, immer wieder, bleibt stehen, als suche sie etwas, aber keiner achtet auf sie. Sie beobachtet die Leute, die vor ihren Häusern auf den Stufen sitzen, die Kinder auf der Straße, dann, plötzlich, hält sie ihren kleinen Fotoapparat vors Auge, drückt ab, einmal, zweimal, und geht weiter. So muss es gewesen sein.


Was wirkt, als mache da jemand unbedeutende Schnappschüsse, ist in Wahrheit ein neues Kapitel in der Geschichte der Fotografie. Die Bilder sind heute, 70 Jahre später, in jedem besseren Fachbuch zu finden, Stichwort Street Photography; Abzüge davon gibt es in der Sammlung des Museum of Modern Art, zusammen mit denen von Walker Evans und Henri Cartier-Bresson, und auch auf der Documenta waren Levitts Fotos 1997 zu sehen. Die Stiftung Niedersachsen verleiht der Fotografin jetzt den Spectrum-Preis für Fotografie, dazu gehört die bislang umfangreichste Werkschau im Sprengel Museum Hannover.

New York, Greenwich Village, 2008. Ein fünfstöckiges, rotbraunes Haus in der Nähe des Washington Square Parks, das jetzt, am Vormittag, im Schatten des 20-stöckigen Gebäudes gegenüber steht. Die zierliche, fast zerbrechlich wirkende alte Dame, die dort unter dem Dach wohnt, hat kinnlange braune Haare, große, dunkle Augen, einen entschlossenen Blick und interessiert sich nicht die Bohne für die Geschichte der Fotografie und ihren Platz darin.

Helen Levitt ist 94 Jahre alt und glaubt nicht an Theorie. "Wenn ich über meine Bilder sprechen könnte, wäre ich Schriftstellerin geworden und nicht Fotografin."

Dass sie Fotografin wurde, führt sie auf ein weiteres Defizit zurück, das sie an sich feststellte: Sie wollte gern zeichnen, merkte aber schnell, dass sie nicht gut genug war. Doch dann sah sie, sie war noch ein Teenager, eine Ausstellung der "Pictorial Photographers of America" und begriff: Die Kamera war ihre Lösung.

Levitt sitzt auf dem terrakottafarbenen Sofa im Wohnzimmer ihrer Dachwohnung, in der sie seit rund 40 Jahren lebt. Sie trägt einen lila Wollpullover, der sich gut auf einem ihrer in den siebziger Jahren entstandenen Farbbilder machen würde, eine schwarze Hose aus Nickistoff und hellbraune chinesische Stoffschuhe mit Riemchen. Ihre Haut sieht aus wie zerknülltes Pergament. Um den Hals hat sie einen Piepser hängen, mit dem sie Alarm geben kann, wenn sie Hilfe braucht. Aber so aufrecht wie sie dasitzt, trotz Rückenschmerzen, hat sie bestimmt nicht vor, das Gerät jemals zu benutzen.

Levitt lebt allein, aber sie hat Freunde, vor allem ihren Assistenten Marvin Hoshino, 60, Dozent für Grafikdesign am Queens College, den sie seit 33 Jahren kennt und der ihr hilft, wo immer es nötig ist - bei neuen Abzügen ihrer Farbdias, bei der Gestaltung ihrer Bücher, aber auch im Alltag. Kaum kommt er zur Tür herein, stellt er Levitt erst einmal einen Tee hin.

Sie nimmt einen Schluck und erzählt weiter: Kurz vor dem Abschluss schmiss sie die Schule - "Was konnte man schon werden damals als Frau, außer Lehrerin, und das hat mich nicht interessiert" - und begann bei einem Porträtfotografen in Brooklyn zu arbeiten, wo sie zwar nichts über ihre Kunst, aber viel über die nötigen Techniken lernte. Ihren Kunstverstand versuchte sie zu schulen, indem sie sich möglichst viele Ausstellungen und Filme europäischer Regisseure anschaute.

Und dann, 1935, sie war 22, traf sie Henri Cartier-Bresson.

"Als ich seine Arbeiten sah, wusste ich, das ist der richtige Weg", sagt Levitt. "Mir gefiel, was er tat, deshalb wollte ich es genauso machen: raus auf die Straße, unter die Leute gehen." Der Franzose nahm sie auf seine Streifzüge mit. "Er sagte, ich sei in Ordnung, weil ich ihm bei der Arbeit nicht dazwischengeredet habe."

1936 kauft sie sich ihren ersten Fotoapparat, second hand, eine Leica, "weil Henri auch eine Leica hatte". Mit dieser unauffälligen Kleinbildkamera entstehen ihre berühmten frühen Schwarzweißbilder - dass das Objektiv beschädigt ist und es also nicht an ihrem Unvermögen liegt, dass bei manchen Aufnahmen störende Lichtreflexe zu sehen sind, wird erst Jahre später der ebenfalls berühmte Fotograf Robert Frank feststellen.

Levitt fotografiert die Menschen auf den Straßen von Spanish Harlem und in der Lower East Side in ihrem Alltag. Ein Mann mit Hut, der einem Mädchen im Türeingang vielleicht gerade eine Ohrfeige gegeben hat, ältere Menschen, die ihre Stühle an die Straße gestellt haben und gestikulierend miteinander reden, und immer wieder Kinder beim Spielen: Jungs mit Pudel- und Schiebermützen, die wie Profi-Gangster hinter einer Mauer hervorlugen, die Spielzeugpistole gezückt; Kinder mit Halloween-Masken, seltsam surreal; Bengel in kurzen Hosen, die auf einem Sims über einer Eingangstür miteinander kämpfen, eingefangen im "entscheidenden Moment", den Cartier-Bresson predigte, so dass sie wirken wie Figuren eines antiken Reliefs.

Man sieht, dass die Menschen auf den Bildern - Schwarze, Weiße, Hispanics - nicht zu den Privilegierten gehören, aber man sieht auch: Darum geht es hier nicht.



© KulturSPIEGEL 2/2008
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