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25. September 2008, 20:41 Uhr

Strauß-Buch "Mein Vater"

Papa und die Politik

Von Hartmut Palmer

Zum 20. Todestag des umstrittenen CSU-Patriarchen Franz-Josef Strauß erscheint "Mein Vater", ein Erinnerungsbuch seines Sohnes Franz Georg. Die Geschichte muss deswegen nicht umgeschrieben werden, doch immerhin erfährt man, warum die Strauß-Kinder auf die CSU nicht gut zu sprechen sind.

Wer wissen will, wie Franz Josef Strauß privat war, was er zu Hause, im Urlaub, auf Reisen und als Pilot im Cockpit trieb, mit welchen Freunden er verkehrte, und wer seine ewigen Feinde waren und bis heute geblieben sind, der sollte dieses Buch lesen.

Autor Franz Georg Strauß: Nicht gut zu sprechen auf die politischen Erben seines Vaters
DDP

Autor Franz Georg Strauß: Nicht gut zu sprechen auf die politischen Erben seines Vaters

Denn "Mein Vater", das Werk seines Sohnes und rechtzeitig zum 20. Todestag des legendären CSU-Patriarchen erschienen, ist erstens kürzer als die weitschweifigen "Erinnerungen", die Wilfried Scharnagl, Chefredakteur des "Bayernkurier" und einer der engsten Berater des CSU-Vorsitzenden, anhand der Tonbänder verfasste, die der Politiker vom Herbst 1987 bis zu seinem Tod am 3. Oktober 1988 besprochen hatte. Zweitens liest es sich flüssiger. Und drittens versteht man besser, warum die Kinder des legendären Vorsitzenden auf dessen politische Erben an der Spitze der CSU und in der Staatskanzlei gar nicht so gut zu sprechen sind.

Über den Politiker Strauß erfährt man nichts grundsätzlich Neues, man erfährt noch nicht einmal, wie alles wirklich war. Aber man erfährt aus dem Blickwinkel des Sohnes, wie FJS glaubte, dass es war und wie er sich selbst und die Welt wohl gesehen hat: Als politischen Riesen, umgeben von Zwergen, als Gutmenschen, dem immer nur Böses angedichtet wurde. Als Weitsichtigen, der nicht nur den Fall der Mauer und den Untergang des Kommunismus vorhersah, sondern auch die wirtschaftliche Bedeutung des von ihm gegen mannigfache Widerstände voran getriebenen Rhein-Main-Donau-Kanals und des neuen Flughafens in München, der heute seinen Namen trägt. Vor allem aber als Opfer von Verleumdungen, Intrigen, Medienkampagnen und übler Nachrede, die über den Tod hinaus auch seinen Kindern noch zu schaffen machten.

Fakten ausgeblendet

Manchmal freilich werden dabei auch einfache Fakten schlicht ausgeblendet. Dass Strauß zum Beispiel 1962 das Parlament belog, als er behauptete, mit der Verhaftung des SPIEGEL-Redakteurs Conrad Ahlers nichts zu tun gehabt zu haben, kommt in dem Büchlein des Sohnes nicht vor. Dort wird die ganze SPIEGEL-Affäre auf gerade mal 30 Buchzeilen abgehandelt: Nicht als ein Skandal, den Strauß ausgelöst hatte, sondern als eine "Intrige" des damaligen BND-Chefs Reinhard Gehlen.

Auch die krachende Wahlniederlage, die der CSU-Chef 1980 erlebte, und die ihn endgültig von der Bundesbühne abtreten ließ, schrumpft in der Nachbetrachtung des Sohnes zum Zweizeiler: "Die Wahl 1980 war von den Mandaten her nicht zu gewinnen, aber zwei Jahre später wählte der nach der Schmidt-Strauß-Wahl zusammengetretene Bundestag Kohl zum Kanzler." Punktum – das war’s.

Einfühlsam und glaubhaft beschreibt Franz Georg Strauß hingegen die Qualen, die sein Vater und die ganze Familie am Wahlabend des 6. März 1983 vor dem Fernsehschirm erdulden mussten. Die FDP hatte im Oktober 1982 durch ihren Koalitionsbruch den Kanzler Helmut Kohl überhaupt erst an die Macht gebracht. Jetzt hoffte Strauß, dass die Liberalen bei den Neuwahlen im März 1983 wenn schon nicht aus dem Parlament, so doch wenigstens aus der Regierung fliegen würden.

Am frühen Abend rückte eine absolute Mehrheit der Union in greifbare Nähe: "Ständig schwankten die Hochrechnungen. Mal bei 48,6 Prozent, dann über der absoluten Mehrheit von 49 Prozent, anschließend wieder darunter. Für alle im Raum war es eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Familie fieberte. Um 19 Uhr dann die Gewissheit: Die absolute Mehrheit der Sitze für die Union kommt nicht zustande (Endergebnis CDU/CSU: 48,8 Prozent)... 14 Jahre hatte mein Vater auf diesen Moment gewartet. Mit dem Gewinn der absoluten Unionsmehrheit wäre er vereinbarungsgemäß Außenminister geworden und hätte so einen seiner Lebensträume verwirklicht... Als feststand, dass es nicht reichte, sah ich, wie in ihm die Wut entbrannte angesichts all der verlorenen Hoffnungen über die 14 langen Jahre des Wartens hinweg."

Und er liefert eine originelle Begründung, warum ausgerechnet sein Vater den maroden SED-Staat DDR mit einem Milliardenkredit vor dem noch schnelleren Zusammenbruch bewahrte: Seine Strategie sei es gewesen "die DDR, wie er sagte, 'vom Geld abhängig zu machen wie einen Drogenabhängigen vom Heroin'." Bitter merkt der Sohn an, dass der Vater dafür von den Bürgern der DDR wie ein Held gefeiert wurde, während ihn die Parteifreunde bestraften: Beim CSU-Parteitag am 15. Juli 1983 bekam der Vorsitzende statt der gewohnten über 90 "nur" noch 77 Prozent der Stimmen.

Verleumderische Worte

Als üble Nachrede bezeichnet Franz Georg das Gerücht, Strauß habe beim Verkauf von Airbus-Flugzeugen an die DDR Provisionen kassiert und auch am Milliardenkredit Geld für die Vermittlung bekommen. Das Gerede darüber hat der Familie nach dem Tod von Strauß sehr zugesetzt. Bezeichnenderweise aber habe die Parteiführung und auch die Staatskanzlei nichts unternommen, um die Gerüchte zu widerlegen.

"Unser Vater war damals, noch nicht einmal zwei Jahre nach seinem Tod, jedem nach wie vor sehr präsent. Posthum wurde sein Ansehen beschädigt, Staatsspitze und CSU waren in Deckung gegangen. Seine Gegner arbeiteten mit allen Tricks und vor allem mit der Unwahrheit." Nur Helmut Kohl erwies sich – was der Sohn ihm nicht vergisst – als treuer Freund und trat im Bundestag energisch den Gerücht entgegen, Strauß habe Schmiergeld für den Milliardenkredit kassiert. "Ab diesem Moment wurde nichts mehr berichtet, kam kein verleumderisches Wort mehr," schreibt Franz Georg.

Indirekt bekommt auch der langjährige Strauß-Vertraute Edmund Stoiber sein Fett ab. Es sei eine "Mär, Franz Josef Strauß sei im Wirtshaus gesessen, während in der Staatskanzlei Edmund Stoiber Akten gefressen habe. In den ersten vier Jahren Strauß in Bayern gab es schlicht keinen Staatsminister oder Staatssekretär in der Staatskanzlei. Der Ministerpräsident zog den Karren selber. Erst als eine gewisse Verwaltungsroutine erkennbar war, holte er sich Edmund Stoiber zur Geschäftsführung in die Prinzregentenstraße."

Peinlich für die Regierungspartei

Stoibers Lieblings-Projekt, der Transrapid vom Münchner Hauptbahnhof bis zum Flughafen, hätte niemals den Segen des Patriarchen bekommen, berichtet der Strauß-Sohn: "Mitte der Achtzigerjahre kam die Überlegung auf, eine Transrapidtrasse von München über den neuen Flughafen nach Nürnberg bauen zu lassen. Mein Vater lehnte die Idee zum einen mit dem Hinweis auf die Unzahl von Betonstelzen ab. 'Das Ganze ist ein Förderprogramm für die Betonindustrie'. Andererseits sei so etwas grundsätzlich nicht zu realisieren: 'Da müssen wir durchs Altmühltal. Das würden hundert Franz Josef Strauß nicht schaffen, geschweige denn einer'."

Noch überraschender und sogar etwas peinlich für die Regierungspartei ist die Enthüllung, dass Franz Josef Strauß im Unterschied zu seinen Nachfolgern alles daran gesetzt hat, um die Privatisierung von Industriebeteiligungen des Freistaates zu vermeiden. "Mein Vater war stolz darauf, dass er als bayrischer Ministerpräsident über die Staatsbeteiligung an Unternehmen Politik machen konnte. Ironie der Geschichte ist, dass die Industriepolitik des Münchner SPD-Oberbürgermeisters Christian Ude im Grunde eine Strauß-Industriepolitik ist. So hat Ude die Energie, die Stadtwerke, und das Geld, die Stadtsparkasse, behalten. Im Gegensatz zu den Nachfolgern im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten liegt der rote Rathauschef klar auf der Linie Strauß. Nach 1988 verkaufte der Freistaat Bayern sein reich vergoldetes Tafelsilber ohne Not und aus heutiger Sicht weit unter Preis. So wurde die Beteiligung an der HypoVereinsbank fast schon verschenkt."

Im roten Rathaus wird man es gerne hören. In der schwarzen Staatskanzlei hingegen wird man das Buch von Franz Georg Strauß mit spitzen Fingern anfassen. Gewiss: Die Geschichte des FJS muss nicht umgeschrieben werden. Aber einiges erscheint nach diesem Buch in einem anderen, einem neuen Licht.


Franz-Georg Strauß: "Mein Vater. Erinnerungen", Herbig Verlag, 295 Seiten, 19,95 Euro

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