Strauss-Kahn und die Franzosen: Mon Dieu, wir sind im Eimer!

Die Wirtschaft lahmt, das Geistesleben auch, selbst die Küche ist nicht mehr, was sie mal war: Für seine Landsleute ist der Fall Strauss-Kahn eine nationale Tragödie, schreibt Cécile Calla. Denn der Stolz der Franzosen war schon zuvor derart angekratzt, dass sie sogar die Deutschen beneideten.

"Le Monde"-Lektüre: Frankreich wird vom "DSK-Erdbeben" erschüttert Zur Großansicht
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"Le Monde"-Lektüre: Frankreich wird vom "DSK-Erdbeben" erschüttert

Man weiß noch nicht, was sich in dem Hotelzimmer des Sofitel New York am 14. Mai wirklich abgespielt hat. Doch egal, ob IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wegen "sexueller Belästigung, Vergewaltigungsversuch und Freiheitsberaubung" für schuldig befunden wird oder nicht - die Vorführung ihres Landsmannes bedeutet für alle Franzosen eine tiefe Schmach.

Wie ein Meteor schlug die Nachricht der Festnahme in Frankreich ein. Dass der aussichtsreichste Anwärter für die Präsidentenwahl 2012, einer der besten und profiliertesten Ökonomen des Landes, der eine Schlüsselrolle in der Euro-Krise und beim Rettungspaket für Griechenland spielte, auf solch eine drastische Weise abstürzte, wollen viele meiner Landsleute nicht glauben: Der Begriff Unschuldsvermutung hallt wie ein flehendes Echo durch das ganze Land, die These des Komplotts blüht, und Medien berichten am Montag von einem Alibi.

Noch schockierender: die Bilder von Strauss-Kahn fern der Heimat, vorgeführt in Handschellen. Journalisten und linke Politiker geißelten die amerikanische Justiz, die sich ihrer Meinung nach in Strauss-Kahn verbiss. Man behandelte ihn wie einen normalen Straftäter und schützt ihn nicht vor den Kameras der internationalen TV-Teams. So verwandelte sich DSK, wie sein Name überall im Land abgekürzt wird, vom nationalen Aushängeschild zum Gespött der Welt.

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IWF-Chef Strauss-Kahn: Ein Boss in Handschellen
Mit dem - zumindest vorläufigen - Verlust eines Hoffnungsträgers wird eine alte Wunde erneut aufgerissen: Seit Jahren leidet mein Land unter einem zumindest gefühlten Niedergang. Viele Autoren surfen auf der pessimistischen Welle des "déclin français". Sie bedauern, dass die Stimme Frankreichs zu wenig auf der internationalen Bühne gehört wird, dass die französische Kultur und Sprache an Einfluss verlieren. Und als sei das nicht alles schrecklich genug: Sogar die französische Küche wird von anderen Nationen überholt!

Neidischer Blick auf Deutschland

Letztes Jahr fragte sich die Tageszeitung "Le Monde", ob es überhaupt "noch ein intellektuelles Leben in Frankreich gibt". Vor allem aber die Globalisierung und die Wirtschaft bereiten meinen Landsleuten Sorgen. Es vergeht zurzeit keine Woche, ohne dass Frankreich sich mit dem großen deutschen Nachbarn vergleicht - und dessen wirtschaftliche Erfolge preist.

Die Arbeitslosenquote ist in Frankreich mit 9,5 Prozent um rund drei Prozentpunkte höher als in Deutschland; bei den unter 25-Jährigen ist sie fast dreimal so hoch. Das Staatsdefizit war 2010 zweimal so hoch, und der Fehlbetrag im Außenhandel steht in eklatantem Gegensatz zu den deutschen Überschüssen. Der Anteil Frankreichs am Welthandel ist binnen 15 Jahren von 5,8 auf 3,8 Prozent gesunken, während die Deutschen ihre Position halten konnten.

Die unbefriedigenden Leistungen zwingen Frankreichs Regierung dazu, einen anstrengenden Stabilitätskurs anzusteuern. Im Frühjahr 2010 beschwerte sich die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde noch über die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre und die Exportkraft Deutschlands. Heute lobt man in Paris das deutsche Wirtschaftsmodell und bemüht sich, das Defizit abzubauen. Paris möchte sogar vom deutschen Steuersystem lernen - vor kurzem hat es der Rechnungshof sogar als vorbildlich empfohlen.

Trotzdem ist jede Reform sehr schwer durchzusetzen - und so etwas wie eine Agenda 2010 wäre in meinem Heimatland völlig unvorstellbar. In den Augen vieler Franzosen ist die Globalisierung ein Symbol von sozialer Kälte. Da liegt für sie der wahre Feind, das offensichtlich so angeschlagene französische Wirtschaftsmodell aber wird nicht angezweifelt.

Da flüchten sich meine Landsleute lieber in Debatten über die "nationale Identität", ein Begriff, der den öffentlichen Raum seit ein paar Jahren förmlich überschwemmt (sogar ein Ministerium widmete sich der Frage von 2007 bis 2010) - und der dazu beitrug, die rechtsextremistische Partei Front National salonfähiger zu machen.

Und jetzt wird auch noch der ökonomische Hoffnungsträger DSK entzaubert. Ein Drama, von dem sich Frankreichs angeschlagenes Selbstwertgefühl sehr lange nicht erholen wird.

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insgesamt 171 Beiträge
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1. Halb so wild
shokaku 17.05.2011
Müssen sie sich halt auf ihre Marine verlassen, dann klappt es auch wieder mit dem Selbstbewusstsein.
2. -
Vergil 17.05.2011
Zitat von sysopDie Wirtschaft lahmt, das Geistesleben*auch, selbst die Küche ist nicht mehr, was*sie mal war:*Für*seine Landsleute*ist der*Fall*Strauss-Kahn eine nationale Tragödie, schreibt Cécile Calla.*Denn*der Stolz der Franzosen war schon*zuvor*derart*angekratzt, dass sie sogar*die Deutschen*beneideten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762887,00.html
Man sollte solche Artikel wirklich mal deutlich betonen, damit sich die Deutschen darüber klar werden, wozu ihnen die restriktive Lohnpolitik verholfen hat. Wir werden beneidet, wegen unserer geringen Arbeitslosenquote, wegen unserer guten Wirtschaftszahlen!
3. Mon Dieu !
Izmir.Übül 17.05.2011
"Paris möchte sogar vom deutschen Steuersystem lernen - vor kurzem hat es der Rechnungshof sogar als vorbildlich empfohlen." Das kann ich kaum glauben!
4. Vous n'êtes pas dans le seau!
forumgehts? 17.05.2011
Zitat von sysopDie Wirtschaft lahmt, das Geistesleben*auch, selbst die Küche ist nicht mehr, was*sie mal war:*Für*seine Landsleute*ist der*Fall*Strauss-Kahn eine nationale Tragödie, schreibt Cécile Calla.*Denn*der Stolz der Franzosen war schon*zuvor*derart*angekratzt, dass sie sogar*die Deutschen*beneideten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762887,00.html
Wenn die Geschichte stimmt, dann gibt es eigentlich nur eine plausible Erklärung: DSK muss sich etwas eingeworfen haben, das ihn komplett den Verstand abschalten und zum rasenden Sexmonster werden liess. Falls es sich um ein französisches Präparat handelt, so ist Frankreich wirtschaftlich gerettet: Milliarden von Chinesen und Millionen Männer anderer Ethnien suchen seit Jahren verzweifelt ein so potentes Potenzmittel. Frankreich wird mit einem Schlag zum Exportweltmeister und mit dem wirtschaftlichen Erfolg kehrt auch der politische Erfolg zurück.
5. So schlimm sollte es ja nicht sein
emiliolojo 17.05.2011
Zitat von sysopDie Wirtschaft lahmt, das Geistesleben*auch, selbst die Küche ist nicht mehr, was*sie mal war:*Für*seine Landsleute*ist der*Fall*Strauss-Kahn eine nationale Tragödie, schreibt Cécile Calla.*Denn*der Stolz der Franzosen war schon*zuvor*derart*angekratzt, dass sie sogar*die Deutschen*beneideten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762887,00.html
Zitat" Sie bedauern, dass die Stimme Frankreichs zu wenig auf der internationalen Bühne gehört wird, dass die französische Kultur und Sprache an Einfluss verliert. Und als sei das nicht alles schrecklich genug: Sogar die französische Küche wird von anderen Nationen übergeholt!" Na von de Deutschen kann ja, in dieser Disziplin ja wohl kaum eine Gefahr von ausgehen. http://cruisenbcn.com/2011/02/24/kulinarisches-in-deutschland/
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  • Dienstag, 17.05.2011 – 14:01 Uhr
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Zur Person
Cécile Calla, geboren 1977 in Paris, arbeitete von 2006 bis 2010 als Deutschland-Korrespondentin für die französische Tageszeitung "Le Monde", zuvor war sie mehrere Jahre für "Le Figaro" tätig. 2009 erschien ihr Deutschland-Erlebnisbericht "Tour de Franz". Zurzeit lebt und arbeitet Calla als freie Autorin und Journalistin in Berlin.


Der IWF
Die Institution
Gegründet wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit seiner Schwesterinstitution Weltbank im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods. Der in Washington ansässige Fonds wacht als Sonderorganisation der Vereinten Nationen über die Währungspolitik seiner 186 Mitgliedsländer. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss.

Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Häufige Kritik
Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

Die Direktorin
Seit Ende Juni 2011 steht die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde an der IWF-Spitze. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten.
Wer wählt den Direktor?
Das Exekutivdirektorium des IWF besteht aus 24 Direktoren. Fünf von ihnen werden von den Mitgliedstaaten mit den größten Quoten ernannt, die verbleibenden vertreten jeweils mehrere Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, desto höher ist seine Quote. Deshalb haben die USA einen Stimmanteil von fast 17 Prozent, Japan von etwas mehr als sechs und Deutschland knapp unter sechs Prozent. Die USA verfügen über eine Sperrminorität. Denn zentrale Beschlüsse im IWF - wie auch die Wahl des kommenden Geschäftsführenden Direktors - müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden.

Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
Informelle Vereinbarung
Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
Bedingungen für Hilfe
Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.