Street Art Anfassen erlaubt

Der Kunstmarkt bejubelt die Renaissance der Skulptur. Dabei bespielen Straßenkünstler bereits seit Jahren mit ihren dreidimensionalen Objekten den öffentlichen Raum. Ein Spaziergang durch den Ausstellungsraum Stadt.

Von Alain Bieber


Nur einmal hatte Slinkachu Ärger mit der Polizei. Er kniete gerade auf dem Asphalt, hatte seine große Tube Sekundenkleber in der Hand und wollte eine seiner Miniaturfiguren anbringen. Da näherte sich plötzlich ein Polizist und stellte ihn zur Rede. Der Beamte dachte, er hätte einen Klebstoffschnüffler in flagranti erwischt. Nur das Kunstwerk, das sah er nicht.

Kein Wunder. Denn die Werke von Slinkachu sind nur wenige Zentimeter groß. Wer nicht aufpasst, tritt entweder darauf oder übersieht die Installationen einfach. Seit knapp einem Jahr klebt der Engländer Miniaturfiguren in den Londoner Stadtraum. Winzige Menschen, die man vor allem als Bewohner von Modelleisenbahnanlagen kennt. Es gibt da ein rotes und weißes Männchen, die sich vor einer Kirche streiten. Farmer, die auf einem Stückchen Gras den Acker bearbeiten. Oder einen Camper, der aus seinem Zelt kriecht. "Meine Figuren stehen für die Isolation und Einsamkeit in Großstädten. Jeder kennt dieses Gefühl, wenn man sich klein und verloren fühlt. Und ich mag den Gedanken, dass fast niemand meine Kunstwerke sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt."

Slinkachu ist einer von vielen zeitgenössischen Street Artists. Street Art ist heute zu einem Sammelbegriff für ein buntes Spektrum an Interventionen im öffentlichen Raum geworden. Mit den Graffitis der siebziger Jahre hat diese Straßenkunst nicht mehr viel gemeinsam. Die Stadt ist zum Experimentierfeld einer jungen Künstleravantgarde geworden, die meist die Straße dem offiziellen Kunstraum vorzieht. Der Kunstmarkt bejubelt die Renaissance der Skulptur erst jetzt, dabei experimentieren zahlreiche Künstler bereits seit Jahren mit dreidimensionalen Objekten im öffentlichen Raum.

Beine in Beuteln

Auch die Skulpturen des Amerikaners Mark Jenkins sehen viele Menschen nicht. "Weil sie zu beschäftigt damit sind, mit ihren Handys zu sprechen oder auf ihre Schnürsenkel zu schauen", bemerkt Jenkins spöttisch. Viele seiner Skulpturen sehen wie die lebensecht wirkenden Figuren von Maurizio Cattelan oder die hyperrealistischen Polyesterharz-Menschen von Duane Hanson aus. Eines seiner Werke ähnelt einem Bettler: Die Figur kauert im Schneidersitz auf dem Beton, hat den Kapuzenpulli tief in das Gesicht gezogen und lässt den Kopf träge hängen. Bei einer anderen Installation sieht man zunächst vier prall gefüllte Müllbeutel auf einem Haufen und erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass aus allen Beuteln menschliche Beine ragen.

"Die meisten Menschen erschrecken sich, wenn sie meine Skulpturen sehen. Aber meistens löst sich diese erste Schrecksekunde schnell in einem Lachen auf." Mark Jenkins hält nichts von Galerien oder Museen. Er nutzt diese nur, um ein wenig Geld zu verdienen und sich so seine Reisen oder das Material für neue Aktionen zu finanzieren. "Die Gesellschaft schützt Kunst", sagt er. "Gerade in den Museen, mit all ihren Wächtern und Alarmanlagen, die losgehen, sobald man sich dem Kunstwerk nähert. Street Art ist das komplette Gegenteil."

Jeder Street Artist hat dabei eine eigene Technik: Der New Yorker Nicholas Georgiou recycelt alte Zeitungen und produziert aus den Schnipseln absurde Tierskulpturen. "Am Anfang war der Baum, dann kam das Papier und dann die Skulptur", sagt er. Die Pariser Künstlerin Prune gestaltet hybride Skulpturen, die wie eine Mischung aus Hund und Kleinkind aussehen. "Meine Arbeiten reflektieren die Grenzen zwischen Kindern und Haustieren in unserer heutigen Gesellschaft", erklärt sie ihr Projekt "Domestic Babies". "Ich leine meine Skulpturen vor Geschäfte an oder binde sie an Bäume. Die Reaktionen dabei sind sehr unterschiedlich: Kinder spielen damit, Senioren lachen, Hunde fürchten sich davor und junge Mütter sind schockiert. Und manche meiner Skulpturen werden auch adoptiert und nach Hause mitgenommen."

Die Straße als grenzenlose Galerie

Truth, ein polnischer Street Artist aus Warschau, hat ein Faible für Konstruktivismus und Minimal Art. Seine Arbeiten bestehen aus Styropor, alten Kartons und abstrakten Formen, dreidimensionalen Buchstaben oder Logos. "Ich benutzte vor allem gefundenes Material aus der Werbung. Dieses Material recycle ich und versuche es in eine wertvollerer Form zu bringen, vielleicht Kunst." Und der New Yorker Leon Reid lötet und schweißt in seinem Atelier gefälschte Schilder, krumme Straßenlaternen oder Überwachungskameras zusammen und platziert diese in der Stadt.

All diese Künstler haben eines gemeinsam: Sie sind auf der Suche nach authentischen Reaktionen. In einem öffentlichen Kunstraum erwartet den Besucher Kunst – und die Kunst erwartet den Besucher. Aber es gibt keine Überraschungen, keine Konfrontation mit der Realität. Die Kunst und der Betrachter befinden sich in einem hermetisch abgeriegelten und offiziellen Raum für Kunst. Die Regeln dabei sind starr und die Reaktionen konditioniert: Die Kunst hängt, liegt, steht – der Betrachter staunt, sieht, geht.

Doch Kunst im öffentlichen Raum funktioniert anders. Sie provoziert einen Moment der Überraschung, interveniert in den Stadtraum und spielt mit Symbolen und Zeichen. Im Gegensatz zur Museumskunst, die oft äußerst elitär daherkommt und die große Masse der Menschen oft schon im Ansatz ausschließt, ist Kunst auf der Straße demokratisch: Der öffentliche Raum wird zur grenzenlosen Galerie, jeder kann aktiv werden, und noch der zufälligste Passant wird zum Zuschauer, zum Teil der Kunst. Anfassen ist hier sogar ausdrücklich erlaubt.



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