Street-Art in Baden-Baden Störmanöver in der Kurstadt

Der Street-Art-Künstler JR plakatiert Wände, Dächer oder sogar ganze Häuser mit riesengroßen Porträts - in den Slums von Nairobi, aber auch in New York oder Paris. Jetzt hat JR eine Museumsschau in Baden-Baden. Und plakatiert gleich auch die Stadt.

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Mitten im beschaulichen Baden-Baden stürmen französische Soldaten entlang der Hauseingänge in die Stadt. Etwas weiter, am Ufer des durch die Innenstadt plätschernden Baches Oos, arbeitet das französische Militär gegen die Überflutung an, und von einer Hauswand in der hügeligen Altstadt blickt das große Gesicht eines kleinen Mädchens den Betrachter erwartungsvoll an. Alle diese Szenen finden sich auf überdimensionalen schwarzweißen Fotos, "pasted" - was so viel wie "kleben und positionieren" heißt - vom französische Street-Art-Star JR an Hauswänden, Mauern und Kirchtürmen Baden-Badens.

JR führt nicht nur die Regie bei diesem künstlerischen Störmanöver in der Kurstadt-Idylle von Baden-Baden, er bespielt gleichzeitig auch das Museum Frieder Burda mit einer großen retrospektiven Schau, in deren Mittelpunkt Fotos und Videos seiner oft noch fortlaufenden Projekte stehen. Sie zeigen die biografische Geschichte des 1983 geborenen, in Paris und New York lebenden Künstlers.

Mit großen Projekten in aller Welt - in Südamerika, Afrika, Asien und in den USA, in Berlin, Marseille und natürlich in Paris - ist JR bekannt geworden. Und trotzdem ist es ihm bis heute gelungen, seine Anonymität zu bewahren. Dabei helfen eine schwarze Sonnenbrille und ein Hut, die inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden sind, und wahrscheinlich auch die Tatsache, dass JR seine Karriere als 16-Jähriger in Paris als illegaler Sprayer begann und anonym nur immer sein Tag hinterließ.

Ein Jahr später begann er, seine Kumpel bei ihren illegalen Aktionen mit einer billigen Kamera zu fotografieren und Kopien der Aufnahmen an die Wände zu kleben. Dann zog JR sich zurück, beschäftigte sich mit Fotografie und Wirtschaft und wurde 2004 in den Vorstädten mit einem Fotoprojekt über Jugendliche mit Migrationshintergrund wieder sichtbar, deren großformatige, mit Namen versehene Porträts er illegal in der Pariser Innenstadt an Hauswände klebte. Ein Jahr später, während der Proteste in den Pariser Banlieues, porträtierte er die Jugendlichen mit einem 28-mm-Weitwinkelobjektiv, und die Stadt erlaubte ihm, seine Aktion "28 millimètres - Portrait d'une génération" in feinen Vierteln wie dem Marais zu plakatieren. Damit konfrontiert er die schockierten Pariser vor ihren Haustüren mit den Personen, die sie nur in den sozialen Randgebieten der Stadt tolerierten und deren Aufständen sie höchstens in den Medien begegnen wollten.

Aus persönlichen Erinnerungen der Baden-Badener werden Bild-Stadt-Landschaften

Auch mit seinem Projekt "Unframed in Baden-Baden", den großen Fotos im Außenraum, kratzt JR gewieft an der Oberfläche der Stadt, um an ihre historischen Wurzeln zu gelangen. Hier, nur 30 Kilometer von der französischen Grenze entfernt, ist sein zentrales Thema die deutsch-französische Versöhnung nach zwei großen Kriegen - und damit die Überwindung der jahrhundertealten "Erbfeindschaft". Dafür hat er die Bürger Baden-Badens im Vorfeld aufgefordert, persönliche Erinnerungen als Bild- und Textmaterial einzureichen, aus dem er dann seine Stadt-Bild-Landschaften entwickelt hat.

Da ist zum Beispiel die Lehrerin, Tochter eines deutschen Soldaten, die trotz aller Widerstände einen französischen Militär geheiratet hat. Ihr durchsetzungsfähiges, dauerhaftes Glück präsentiert sich nun - scherzend im Badesee - als Großbild an einer Einfahrtsstraße. Über das kleine Mädchen auf der großen Wand erfährt man allerdings nur, dass sie Françoise heißt. "Hier entfaltet ein Bild seine maximale Wirkung", sagt JR, und er liebe es, die Reaktionen der Menschen wie "ein Ethnologe" auf seine Bilder in den Straßen zu beobachten. "Ihr naiver Blick auf ein Bild ohne jegliche Erklärung fasziniert mich", sagt er, "weil ihr Umgang, ihre Kritik damit völlig frei ist und sie unmittelbar auf ihre intimen Geschichten, ihre persönlichen Erfahrungen zurückgeworfen werden - und nicht auf irgendein externes Medium oder eine Information, die ihre Reaktion einschränken würde."

Außerdem arbeite er gern "mit der Substanz einer Stadt". Ihm gehe es immer darum, "eine klare Verbindung zu einem Gebäude, der Nachbarschaft und auch der gesamten Stadt herzustellen". Und damit tue er "nichts anderes, als die andere Seite der Geschichte einer Stadt zu erzählen." Und das tut er am liebsten mit den Geschichten der einfachen Leute.

Davon sind nun viele als Foto- und Filmdokumentationen im Museum Frieder Burda zu sehen. Wie zum Beispiel "Face2Face" von 2007, in dem JR gleichermaßen Juden, Christen und Muslims, Israelis und Palästinenser mit den gleichen Berufen in Porträts gegenüberstellte und in der Westbank und in benachbarten Siedlungen plakatierte.

Auch das Pariser Porträt-Projekt ist ausgestellt, genau wie "Wrinkels of the City" aus Berlin. Und natürlich sind die starken Frauen des Projekts "Women are Heroes 2008-10" in den Elendsvierteln von Rio zu sehen, deren Konterfeis die Hütten und Dächer schmücken und sich im Blick auf den besiedelten Hügel zu einem eindrucksvollen Gesamtbild zusammenfügen und denen ein Gesicht geben, die sonst in der Anonymität verharren müssen. Zu diesem Projekt zählen auch Orte in Indien, Kambodscha, Kenia und Sierra Leone.

Im Museum kann der Besucher bei "Inside Out 2011" sogar mitmachen: Aus einer Fotokabine im Museum wandert ein Bildauftrag zu einem Riesendrucker und kommt als Foto auf einem Fließband zurück. "Weck den JR in dir" heißt die Aufforderung. Mit anderen Worten: Klebe es an eine Hauswand und werde so Teil eines großen Gesamtkunstwerks.


JR - Baden-Baden. Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 1.3.-29.6.

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