Von Maren Keller
Lauren O'Farrell ist eine Britin, die von sich sagt, ihr größter Traum sei es, im Weltraum einen Satelliten einzustricken, was zunächst einmal zugegebenermaßen sehr, sehr, sehr wahnsinnig klingt. Zwei der "sehrs" muss man allerdings aus diesem Satz streichen, wenn man bedenkt, was Lauren O'Farrell schon alles eingestrickt hat. Dazu zählen: Ein "Anfassen Verboten"-Schild vor dem Blauwal-Skelett im Naturhistorischen Museum Londons, eine Holzschranke, eine Telefonzelle, ein Telefonkabel in einer Telefonzelle, Brückengeländer, Treppengeländer, Laternenpfahle, Fahrradstangen.
Lauren O'Farrell strickt unter einem Künstlernamen - er lautet "Deadly Knitshade". Als "Deadly Knitshade" ist sie Teil eines Kollektivs, eines Garnsturmkollektivs wie sie sagt. Und dieses Kollektiv hat eine Mission - die raue, nackte Betonstadt London etwas weniger rau und etwas weniger nackt zu machen. Und was würde sich schon besser eignen als Wolle, das belegt die Kulturgeschichte zweifelsfrei, um aus rauen, nackten Dingen, angezogene, flauschige Dinge zu machen. Über Facebook, Twitter und ihren Blog kündigen die Mitglieder des Garnsturmkollektivs ihre Wollstürme an und zeigen die Ergebnisse.
Bei Hoffmann & Campe ist nun ein Buch erschienen, das die Arbeit des Garnsturmkollektivs dokumentiert. "Knit the City" heißt es, und es hat ziemlich viel gemeinsam mit der Arbeit des Strickkollektivs: Mit viel Mühe und Selbstbetrug wird man etwas Politisches darin sehen, aus traditionellen Handarbeitstechniken Street Art zu machen. Aber dieses Buch wird die Welt nicht verändern, es sieht ziemlich fehl am Platz und mickrig aus zwischen den ganzen repräsentativen Ausstellungskatalogen im Holzregal, man kann aus diesem Buch nichts Nützliches lernen (außer wie man einen Tintenfisch strickt). Kurzum: Dieses Buch ist die reinste Zeitverschwendung; aber wenn man seine Zeit fertig verschwendet hat, wird man feststellen, dass man heiterer ist als zuvor.
Welke Häkelblüten und Mäuse mit Monobrauen
Nicht zuletzt liegt es daran, dass die Strickfiguren so herrlich missraten aussehen, als stammten sie aus dem eigenen Handarbeitsunterricht: fette Vögel mit verbogenen Drahtbrillen, löchrige Patchworkstulpen, welke Häkelblüten, Mäuse mit Monobrauen, Schnecken mit Glubschaugen. Einmal in der Stadt ausgesetzt, harren sie ihrem Ende entgegen, das in den allermeisten Fällen darin besteht, dass sie als Souvenir eingesteckt werden. Und in der Zwischenzeit hängen die hässlichen Kreaturen an Statuen, wickeln sich um Geländer, stehen in der Stadt, verunstalten sie und berauben sie allem Großstädtischen. Keine Bank wirkt mehr seriös, von deren Tür ein Strick-Oktopus baumelt. Keine noch so dunkle Gasse schafft es, bedrohlich zu wirken, wenn sie von Strickmeerjungfrauen bewohnt wird.
Das ist das Schicksal alles Bestrickten. Und sich diesem Schicksal zu ergeben, ist eines der größten Zugeständnisse, die man überhaupt machen kann. Das war schon so, als man Wollsocken der Großeltern trug und Strickpullover, die man zu Weihnachten bekam. Etwas Selbstgestricktes zu verschenken, ist einer der größten Zuneigungs-Beweise, die es gibt. Das gilt für jeden einzelnen Socken genauso wie für das "Anfassen Verboten"-Schild vor dem Skelett des Blauwals im Naturhistorischen Museum in London, das Deadly Knitshade eines Tages umstrickte. "Es war ein gestrickter Ausruf des Entzückens, ein handgearbeitetes Zupfen am Ärmel oder Drücken der Hand all jener, die nach mir das Museum besuchten." Eigentlich also ist dieses Büchlein eine Liebesgeschichte. Und so gesehen ist es vielleicht doch nicht gänzlich unnütz, einen Tintenfisch stricken zu können.
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