Graffiti-Kunst in Ägypten Was vom Arabischen Frühling übrig blieb

Graffiti waren wichtige Symbole der ägyptischen Revolution. Heute werden die Künstler aus dem Land getrieben. Ammar Abo Bakr zeigt die Macht der Kunst, die den Arabischen Frühling prägte.

Silviu Guiman

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Die Hebebühne vor der Hauswand wackelt. Ammar Abo Bakr wackelt mit, ein 35-Jähriger mit dunklem Haar und ersten Furchen auf der Stirn, der bei der Arbeit mit dem Pinsel leise singt, sich ganz vertieft. Mit Acrylfarben zieht er auf zehn Metern Höhe die Konturen eines Turbans, im Regen an diesem ersten Herbsttag in Köln zerfließen sie in weiche Flüsse aus Farbe.

An dem vierstöckigen Sechzigerjahrebau im Stadtteil Mülheim wächst unter Abo Bakrs Händen das Porträt eines Sufi, eines Anhängers der asketischen Strömung des Islam. Geschlossen die Augen, gefaltet die Hände, umgeben von bunten Farben. Ein Mann voller Ruhe.

Abo Bakr malt legal, ein paar Tage lang ist er für ein Street-Art-Festival nach Köln gekommen. Um die Nase des Schläfers schwirren Dutzende Fliegen aus schwarzer Farbe. Die Insekten sind Abo Bakrs Markenzeichen. "Weil sie klein sind, aber immer stören", sagt Abo Bakr. "Ägypten schläft. Vielleicht werden wir aber wieder aufwachen."

Künstler Ammar Abo Bakr: "Weiterkämpfen"
Silviu Guiman

Künstler Ammar Abo Bakr: "Weiterkämpfen"

Es ist nicht mal fünf Jahre her, da brannten sich die Bilder von Massenprotesten gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak ins Weltgedächtnis ein. Im Februar 2012, der Militärrat hatte gerade die ersten Wahlen nach dem Rücktritt Mubaraks bekannt gegeben, kündigte Abo Bakr seinen Job als Lehrbeauftragter an der Kunstakademie in Luxor und zog nach Kairo.

"Ich weiß nicht, ob ich bereit war für die Straße", sagt er. "Aber die Entscheidung schien mir damals ganz klar. Ganz sauber." Abo Bakr kritisierte vor allem Polizeigewalt, malte Revolutionäre mit Flügeln und Gasmasken, mit einem feinen Gespür für Farbharmonie. Porträtierte die, die bei Demonstrationen erschossen wurden - gegen das Vergessen.

Baustelle statt Wandkunst

Seine Kunst floss ein in die politische Street-Art-Szene Ägyptens, die 2011 mit einer Wucht explodierte, als habe sie nur auf ein passendes Ventil gewartet. Eine kunsthistorische Einzigartigkeit, sonst bauen sich Street-Art-Bewegungen häufig über Jahre aus Jugend- und Subkulturen auf. An den Wänden der Mohamed-Mahmoud-Straße im Zentrum Kairos aber vermengten sich ganz plötzlich Welt und Kunst, dringlich und kaum zu bändigen: Parolen gegen die Polizei, gegen den später gestürzten Staatspräsidenten Mursi, ästhetisch von altägyptischer Grabeskunst beeinflusste Revolutionsszenen.

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Graffitikunst in Ägypten: Die Revolution ist müde
Aber seit Mitte September wird die Mahmoud-Mohamed-Straße, dank der Straßenkunst lange ein Kult-Ort, durch eine Baustelle geprägt. Stücke der Mauer vor der American University werden abtransportiert. Ein Garten soll entstehen, Teil des Plans der Regierung Kairos, den Tahrir-Platz und seine Umgebung wieder zu renovieren. Ein Verschönerungsprojekt, das nebenbei die jüngste Geschichte des Landes wegradiert.

Wenig ist übrig geblieben von den Jahren, die Abo Bakr dem Umbruch widmete. Die liberale Revolutionsbewegung: geschrumpft bis auf einen harten Kern, viele sitzen im Gefängnis oder sind im Ausland. Die Bevölkerung: gespalten, revolutionsmüde. Das Ägypten von heute ist ein Land, in dem zig Missstände an Wänden verarbeitet werden könnten. Unter Staatschef Sisi werden Aktivisten und Journalisten unter fadenscheinigen Gründen verhaftet, wird der radikale Islam als Staatsfeind deklariert, gedeiht aber. Wird Opposition im Keim unterdrückt und als Terrorismus diffamiert.

Street-Art in Kairo: Inspiriert von altägyptischer Kunst
Alaa Awad/ Ali Khaled

Street-Art in Kairo: Inspiriert von altägyptischer Kunst

Der deutsche Verleger und Street-Artist Don Karl betreut die Facebook-Seite, auf der ägyptische Graffitikunst gesammelt wird; die Einsendungen kommen immer seltener. Ganzeer etwa, einer der kritischsten Künstler, der Soldaten auf einem Meer von Totenköpfen malte, wurde im Staatsfernsehen als Anhänger der Muslimbrüder gebrandmarkt, dem erklärten Staatsfeind Nummer eins. Er floh daraufhin in die USA. Abo Bakr sagt, dass er bleibt, so bestimmt, als gebe es keine andere Möglichkeit. Freunde von ihm sitzen im Gefängnis. "Für sie muss ich weitermalen."

Warnungen an die Street-Art-Szene

2013 kursierte ein Gesetzesentwurf, der hohe Strafen für Graffitikünstler vorsah, Zeitungen berichten, dass das Gesetz 2014 in Kraft trat. "Generell sind Gesetze in Ägypten ohnehin häufig so vage formuliert, dass sie großen Interpretationsspielraum bieten", sagt Fabian Heerbaart, der zu arabischer Street-Art an der Universität Köln forscht. "Wenn sie dich verhaften wollen, verhaften sie dich", sagt Abo Bakr. Im vergangenen Jahr starb der Graffitikünstler Hisham Rizk, offiziell ertrank er im Nil. Viele sahen das als Warnung an die Szene. Abo Bakr hielt sein Gesicht an der Mauer in der Mohamed-Mahmoud-Straße fest, ein Junge hinter einer weißen Maske, ein lächelnder Riesen-Pantomime.

Sein letztes Werk in Ägypten malte Abo Bakr vor drei Monaten: Ein Pärchen, ohne Parolen - im Vergleich zu Früherem harmlos. Als die Polizei kam, musste er mit auf die Wache, ein Verfahren wurde eingeleitet. Als er nach acht Stunden freikam, stellte er es fertig. Die Polizei kam wieder. Er sagte: "Ich musste das fertigmachen. Wir sehen uns vor Gericht."

Im Feierabendverkehr staunen Kölner aus dem Auto über Abo Bakrs Riesen-Sufi. Ein türkischer Rentner fragt, ob er Malerarbeiten in seiner Wohnung übernehmen kann, Hipster machen Handyfotos, ein syrischer Flüchtling unterhält sich mit Abo Bakr, er sucht eine Übersetzungshilfe.

Vor seinem Bild treffen sich Menschen, die sonst selten zusammenfinden. Es ist aber auf gewisse Weise auch eine sehr bequeme Art, Kunst zu machen, hier in Köln, organisiert, behördlich genehmigt. "Ich könnte Sisi hier nackt malen", sagt Abo Bakr. "Aber wenn, würde ich es in Ägypten tun, hier ist es nicht stark genug."

Er hat sein Atelier noch immer ein paar Straßen nur vom Tahrir-Platz entfernt, gemeinsam mit 15 Leuten organisieren sie heute vor allem private Treffen, sie wollen außerdem eine Art Refugium gründen, ein Haus, in das sich Künstler zurückziehen können.

"Offiziell ist die Revolution weg", sagt Abo Bakr. "Aber wer sagt das? Wer bestimmt das?" Er schwärmt von Mariam Malak, einer Einser-Schülerin, die durch ihre Abschlussprüfungen fiel, die Familie vermutete dahinter Manipulation. Die 19-Jährige ließ nicht locker und wurde in den letzten Monaten in Ägypten zum Symbol für den Kampf gegen Korruption. Abo Bakr hofft auf neue Generation des politischen Protests.

"Weiterkämpfen", sagt er. Dann sagt er noch: "Aber was macht man in der Zeit zwischen den Kämpfen?"



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Liberalitärer 29.09.2015
1. Graffiti
Das klingt alles ein wenig zu sentimental. Der arabische Frühling hat Deutungshoheiten gebrochen. Das wird bleiben und weiterhin wirken. Nicht nur in Ägypten.
neanderspezi 29.09.2015
2. Erstaunlich, was alles zu einem Kunstobjekt hoch gepuscht werden kann
Die altägyptische Grabeskunst ist selbst für den Laien in bildender Kunst bedeutend überzeugender als die neuzeitliche Frühlings- und Nachfrühlingskunst in Ägypten mit eigentümlichen Anlehnungsversuchen an die Symbolik der Kunst zuzeiten der Pharaonen. Bei diesen neu veranstalteten Kunstversuchen haben zu viele Pinselschwinger unter Anwendung der vollen Farbpalette mitgewirkt, dass das Auge geradezu unwillkürlich den Blick abwenden will und nach einer verbliebenen in harmonischen Ockertönen sich zeigenden Wand Ausschau hält. Von einer beseelenden Funktion bildhafter Darstellung hat den hier mit ihren absurden Farbmisshandlungen vorgestellten Adepten in der Kunst des Freskos vermutlich noch niemand etwas geflüstert. Sie sollten sich also nicht wundern oder gar empört zeigen, wenn ihre Kunstversuche aus öffentlichem Unverständnis und enttäuschtem Harmoniebedürfnis zur Aufhellung der Stimmung der diesen Pinseleien Ausgesetzten entfernt werden.
publikationen 29.09.2015
3. Eine Studentin auf Spurensuche
Die Absolventin Judika Zerrer begab sich für ihre Bachelorarbeit auf Spurensuche nach Ägyten, interviewte Protagonisten der politischen Sprayerszene und fotografierte die großflächigen Graffitis in Kairo. Herausgekommen ist ein beeindruckendes aber auch beklemmendes Buch über die Überreste des arabischen Frühlings. Ihr Artikel gibt dieser Thematik Raum gegen ein Vergessen des medialen Interesses. Judikas "Don't say it. Spray it. – Der Kampf kritischer Künstler um Kommunikation." erregte bei der Ausstellung soviel Aufmerksamkeit und Presseecho, dass die Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung Kunst und Medien in Stuttgart ihr Buch publizieren wird. http://www.merz-akademie.de/projects/dont-say-it-spray-it
bertholdrosswag 30.09.2015
4. Mißratener Frühling.
Unbestritten ist im Nachhinein, dass der Frühling ausgeblieben ist. Warum? Die Beantwortung dieser Frage führt zu der Frage, warum man Assad nicht mit Gewalt wegputschen sollte. Ein laizistischer Diktator kann mit Geduld und Wahlen beeinflusst werden. Religiöse Milizen die nach einem Putsch wie Pilze aus der Erde schießen und für die Herrschaft ihrer Glaubensdogmen kämpfen ist damit für das Volk der schrecklichste aller Schrecken (Religionsdiktatur) entfesselt.
effesste 30.09.2015
5. Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen...
Zitat von bertholdrosswagUnbestritten ist im Nachhinein, dass der Frühling ausgeblieben ist. Warum? Die Beantwortung dieser Frage führt zu der Frage, warum man Assad nicht mit Gewalt wegputschen sollte. Ein laizistischer Diktator kann mit Geduld und Wahlen beeinflusst werden. Religiöse Milizen die nach einem Putsch wie Pilze aus der Erde schießen und für die Herrschaft ihrer Glaubensdogmen kämpfen ist damit für das Volk der schrecklichste aller Schrecken (Religionsdiktatur) entfesselt.
... Das Einzige, das der ach so tolle "Arabische Frühling" meiner Wahrnehmung nach hervorgebracht hat, ist die Ablösung einiger Diktatoren durch Horden primitivster Irrer, die weitgehend ungestört ihren Religionsterror verbreiten. Da hat garantiert niemand gewonnen. Es wurde nur dem Krebsgeschwür des fantischen Islamismus weiter der Weg bereitet, sonst nichts. Ägypten hat wenigstens die Notbremse gezogen; jetzt gibt es eine andere Diktatur. Das ist auch nicht schön, aber vielleicht sollten wir endlich einsehen, dass unsere Vostellungen von Freiheit und Demokratie nicht einfach auf den Rest der Welt übertagbar sind.
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