Street-Art-Projekt "Papergirl" Achtung, Kunst im Anflug!

Vorschriften, Verbote, städtische Reinigungsaktionen - Street-Art-Künstler haben es immer schwerer. Die Berliner "Papergirls" haben jetzt eine legale Alternative für die Verbreitung von Kunst im öffentlichen Raum gefunden: Sie schmeißen sie den Leuten einfach vor die Füße - zufällig und umsonst.

Just.Ekosystem

Eine Fahrradkarawane biegt um die Ecke und bahnt sich hupend und polternd den Weg durch die Leute. Die jungen Männer und Frauen auf den klapprigen Rädern unterhalten sich wild untereinander und sind mit Taschen und Pappkartons beladen. "Hiiier, ein Geschenk für Dich" ruft jemand von hinten, und plötzlich fliegt eine weiße Papierrolle direkt auf einen jungen Mann zu, der gerade in der Sonne sitzt und genüsslich ein Eis isst.

Es ist Sonntagnachmittag am Mauerpark, an der Nahtstelle zwischen Berlin Wedding und Prenzlauer Berg. Hier mischen sich Alteingesessene mit Zugezogenen und Touristen - sie schlendern über den Trödelmarkt, sitzen in den Straßencafés und entspannen sich auf den anliegenden Freiflächen des Parks.

Reflexartig fängt der junge Mann die Rolle und schaut der Radlerkolonne mit verdutztem Blick hinterher. Er öffnet die pinkfarbene Banderole, "Papergirl #5" steht darauf. Rein zufällig ist er soeben Teil einer innovativen Kunstaktion geworden, die am Sonntag in der Hauptstadt stattfand. Das Besondere daran: Kunst umsonst, von irgendwem, an irgendwen, irgendwo in Berlin.

In der Rolle findet er zwölf verschiedene kleine Street Art-Kunstwerke: Fotografien, Zeichnungen, Collagen, Skizzen, Sieb- und Linoldrucke. Sie sind bunt oder schwarz-weiß, manche sind klein, andere größer. Ehe er sich bedanken oder beschweren kann, ist die Kolonne schon hinter der nächsten Straßenecke im Sonnenschein verschwunden.

Wie die amerikanischen Paperboys

Das Ziel von "Papergirl": Kunst unmittelbar, breitflächig und nicht zielgruppengerichtet in die Öffentlichkeit bringen. Aisha Ronniger, Absolventin an der Kunsthochschule Weißensee, hatte die passende Idee dazu. Sie war früher selbst als Street-Art-Künstlerin unterwegs und kleisterte ihre bedruckten Papiere an die Hauswände Berlins.

Als die öffentliche Diskussion aufkam, ob wildes Plakatieren genauso streng bestraft werden soll wie Graffiti, hat sie sich gefragt wie man Kunst anders in den öffentlichen Raum bringen könnte. Eine Freundin, die einige Zeit in New York gelebt hatte, brachte sie auf die Idee: "Man muss den Leuten die Kunst so vor die Füße werfen, wie es die Paperboys in Amerika mit den Zeitungen machen." Damit waren die "Papergirls" geboren und starteten 2006 mit 30 Künstlern und 100 Rollen in Prenzlauer Berg.

Dieses Jahr fand die Aktion seit 2006 zum fünften Mal statt, als Höhepunkt eines über drei Wochen laufenden Festivalprogramms, bestehend aus Ausstellung, Workshop und Symposium. Die Künstler wurden per Mail, über Blogs und die Papergirl-Website dazu aufgerufen, ihre Arbeiten zum Thema "Highlight" bis zum 19. Mai einzuschicken. Per Post, denn digitalisiert oder reproduziert wird bei den "Papergirls" nichts.

240 Künstler aus 18 Ländern

240 Künstler aus 18 Ländern schickten schließlich eine Auswahl ihrer Arbeiten. Bevor die Kunst verteilt wird, wurden alle eingereichten Beiträge in einer Ausstellung zum Anfassen und Durchblättern in der Neurotitan Galerie in Mitte ausgestellt. Als Höhepunkt werden jeweils fünf bis sieben Skizzen, Zeichnungen, Fotografien oder Drucke zu unzähligen Rollen zusammengefasst und mit einer informierenden Banderole samt Kontaktdaten der "Papergirls" versehen.

Mit einer großen, hupenden Fahrradkarawane sind die "Papergirls" dann am Sonntag mit 60 Helfern durch Wedding und Prenzlauer Berg gefahren, um ahnungslosen Passanten die Kunstrollen in die Arme zu werfen. Den Termin kennen nur die Leute, die sich per Mail als Freiwillige für die Verteilung anmelden. "Niemand soll vorher von der Aktion wissen, schließlich wollen wir ahnungslose Leute überraschen", sagt Aisha Ronniger. "Daraus entstehen die schönsten Momente." Eine ältere Frau habe mürrisch an einer Bushaltestelle gesessen, als ihr die Rolle vor die Füße geworfen wurde. Erst nach dem Zuruf: "Das ist ein Geschenk für Dich", habe sie die Rolle aufgehoben. "Sie blieb mit einem Lächeln zurück und war ganz in die Betrachtung der Kunstwerke vertieft."

"In diesem Jahr haben wir 584 Rollen verteilt, alles Unikate", sagt Ronniger. "Zu kaufen gibt es sie nicht. Alles ist Glück, Zufall und Überraschung."

Auf die unverhofften Kunstpräsente reagierten die meisten Leute positiv. "Es gibt aber auch welche, die die Rolle schimpfend zurückwerfen", erzählt Ronniger. Geschenkte Kunst - daran müssen sich die Berliner wohl erst noch gewöhnen.

Papergirl-Ausstellung noch bis zum 23. Juli: Galerie Neurotitan, Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39 in Berlin Mitte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
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faustjucken_de 21.07.2010
1. .
eine wunderschöne, kleine Aktion... glücklich ist, wer soviel kreative Energie hat
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