Street Art Sprühend vor Subversion

Von der Straße ins Museum: Längst hat Street Art seine illegale Nische verlassen und erzielt inzwischen Top-Preise bei Auktionen. In Berlin gibt es nun mehrere spannende Ausstellungen zu Graffiti und Co.

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Sie hat den Reiz des Verbotenen: Street Art gilt als anarchisch und subversiv. In ihr treffen sich Kunst und Kriminalität. Mit Sprühdosen, Aufklebern und Postern bearbeiten die Straßenkünstler Hauswände, aber auch so ziemlich alle anderen Flächen im öffentlichen Raum: Laternenmasten, Ampeln, Stromkästen, Altglascontainer, Straßenschilder. Was die Stadt so hergibt eben. Gemeinsames Prinzip: keine Erlaubnis von den Eigentümern der Flächen – und kein Eintritt für das Publikum. Jeder kann die Kunst sehen, ohne für sie zu zahlen.

Viele Arbeiten haben gesellschafts- oder sozialkritische Botschaften. Dennoch wurde Street Art bis vor kurzem fast ausschließlich als strafbare Schmiererei betrachtet. Nun wird sie plötzlich salonfähig: Sie verlässt die Schmuddelecke – und wird von einem Kunstmarkt geschluckt, der nach Authentizität und Street Credibility giert.

Die Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pitt gelten als Fans des derzeit wohl bekanntesten Street Artists: Banksy, ein anonymer Schablonen-Sprüher aus Bristol. Im Februar versteigerte das Londoner Auktionshaus Bonhams eine seiner Arbeiten für 228.000 britische Pfund. Im April campierten Besucher vor der Black Rat Press Galerie, ebenfalls in London, um sich Arbeiten von Nick Walker zu sichern. Bis 25. August zeigt dort nun sogar die Tate Modern einige Arbeiten von Street Artists, darunter El Tono.

Er ist auch eingeladen zum Kunstfestival "Urban Affairs" in Berlin: Rund 45 Künstler aus zehn Ländern haben in der vergangenen Woche die Räume der Brauerei Friedrichshöhe gestaltet, einer alten Industrieruine im Stadtteil Friedrichshain. Keine der Arbeiten stammt wirklich von der Straße, alle wurden speziell für die Ausstellung entworfen. Der Eintritt ist zwar frei, ein Teil der Arbeiten wird im integrierten Art Store aber auch verkauft: für moderate Preise zwischen 100 und 250 Euro. Die neue Marktgängigkeit der Street Art liegt dennoch auf der Hand und soll daher auch Thema von Diskussionen sein.

Zu den Partnern des Ausstellungsprojekts gehört die Circleculture Gallery, die Mitte Juli zusätzlich eine eigene Street-Art-Ausstellung eröffnet. Unter dem Titel "Molotov High Heels" zeigt und verkauft der Berliner Künstler mit dem Pseudonym XOOOOX seine Schablonengraffiti: meist lebensgroße Silhouetten und manipulierte Logos von Luxusmarken wie Chanel, Breitling und Hermes.

Bereits am kommenden Sonntag hat die Street-Art-Szene einen weiteren Auftritt, ebenfalls in der Hauptstadt: Zum Abschluss des 9. Poesiefestivals Berlin sprühen Künstler aus Berlin, Barcelona und Rio de Janeiro ihre Version von Gedichten als Graffiti auf das ehemalige Kaufhofgebäude am Anton-Saefkow-Platz im Stadtteil Lichtenberg, direkt neben die von den Dichtern handgeschriebenen Texte. Zur Vernissage gibt es Lesungen und DJ-Sets.

Wer es zu keinem der drei Termine schafft, greift vielleicht zu einem der im Juli erscheinenden Fotobücher des Prestel Verlags: "Brighton Graffiti", "Paris Street Art" oder "Berlin Street Art 2". Auch sie machen die Subversion salonfähig – und die einst anarchische Kunst zu Geld.


Urban Affairs: bis 3. August, dienstags bis donnerstags von 14 bis 21 Uhr, freitags bis sonntags von 15 bis 23 Uhr, Brauerei Friedrichshöhe, Landsberger Allee 45 in Berlin-Friedrichshain.

poesiefestival berlin: Vernissage am 13. Juli, 14 bis 18 Uhr, ehemaliges Kaufhofgebäude am Anton-Saefkow-Platz, Berlin-Lichtenberg

XOOOOX: Vernissage am 17. Juli von 19 Uhr an, Ausstellung bis 10. September dienstags bis samstags 14 bis 18 Uhr; Circleculture Gallery, Gipsstraße 11 in Berlin-Mitte.



insgesamt 2 Beiträge
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nhayduk 08.07.2008
1. Nicht nur dort
Im Bürgerhaus Weserterassen in Bremen findet ebenfalls eine Ausstellung von Bernd Erllenbrock mit dem Titel "Fotograffiti" statt. Ein ausfühliches Interview mit dem Künstler kann man hier finden: http://www.kulturlabskaus.de/2008/06/25/kulturlabscast-folge-009-bernd-ellenbrock/
thinktanker 08.07.2008
2. ....
Austellungen von Graffiti ist wie Schwimmen im Sand oder lesen im Dunkeln: ein Oxymoron und nicht als ein lächerlicher Versuch, eine freie Kunstform aus dem Untergrund für das Bürgertum zugänglich zu machen.
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