Street-Art und Kommerz Müdes Eigentor mit flotter Sohle

Ein Sportschuhhersteller sponsert Berliner Straßenkunst, um sich ein hippes und rebellisches Image zuzulegen. Die Künstler sabotierten die Werbeaktion - und müssen nun feststellen, dass Kunst und Kommerz gar nicht so leicht zu trennen sind.

Von Malte Göbel


Berlin - Es sieht aus wie eine typische Underground-Kunstauktion, wie es in Berlin viele gibt. In der Galerie "Superplan" im Bezirk Friedrichshain drängen sich die Leute, ein Auktionator mit amerikanischem Akzent preist die Kunstwerke an. Er ist der einzige im Anzug, die Gäste tragen den Friedrichshainer Schluffi-Look spazieren, ihre Kleidung ist dunkel und sicherheitshalber eine Größe zu groß, die Haare entweder sehr kurz oder etwas zu lang, in der Hand Bierflaschen ohne Logo, einfach mit der Aufschrift "Bier".

Doch etwas ist anders: Versteigert werden ausschließlich Schuhe. Oder was davon übrig geblieben ist: Fabrikneue hellblaue Adidas-Treter in Beton gegossen. Ein zum Monster umgestalteter Schuhkarton. Geschredderte Schuhe in einer Box. Ein selbstgebastelter Pappschuh, der gerade eine Stadt zertrampelt.

Es sind Werke von Streetart-Künstlern. Klassischerweise findet deren Kunst ja nicht in geschlossenen Räumen statt. Ihre Galerie ist die Straße. Doch diesmal ist das anders. Denn die Künstler sind wütend. Wütend auf die Schuhmarke Adidas, die mit einer Promo-Aktion versucht, in der Straßenkunst-Szene Fuß zu fassen und sich damit ein hippes und rebellisches Image zu verleihen. "Wir wollen uns nicht von einer Firma vereinnahmen lassen", sagt eine Mitorganisatorin in grün-grauem Kleid. Sie nennt sich "Astrid Montag". Mit ihrem echten Namen will sie nicht zitiert werden.

Schuhe an "Street Art Hot Spots" verstecken

Der Stein des Anstoßes: Eine Website über Street Art, gesponsert von Adidas. Der "Urban Art Guide" präsentiert Bilder von Straßenkunst in Berlin, schlägt Touristenrouten vor und bietet auch eine Uploadmöglichkeit für Nutzer. Er ist auch über das iPhone abrufbar. Garniert ist das ganze mit Adidas-Werbung, auf dem Stadtplan sind "Street Art Hot Spots" und Adidas-Läden eingezeichnet. "Wir wollen Aufmerksamkeit für Künstler schaffen", sagt Maria Ziemann von der Agentur Neuland&Herzer, die im Auftrag des Schuhherstellers die Website betreibt.

Zum Launch der Seite am 20. März gab es eine Art Rallye für Streetart-Liebhaber. Da Adidas in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, versteckten Mitarbeiter an "Street Art Hot Spots" in der Stadt 60 Paare fabrikneuer Turnschuhe. Um sie zu finden, gab es Hinweise auf der Website - für "Passanten und Fans des Urban Art Guide", sagt Maria Ziemann. Doch sie hatte die Rechnung ohne die Künstler gemacht, deren Werke auf ihrer Website angezeigt werden.

Sie lauerten den Adidas-Mitarbeitern auf und sammelten so viele der frisch versteckten Schuhe wie möglich ein - im Laufe des Tages immerhin 20 Paar. Auch Astrid Montag war dabei. "Uns stört es, wenn Urban Art als Werbung für Adidas missbraucht wird", sagt sie. Und eine simple Sabotage der Promo-Aktion genügte nicht. Sie trommelten eine Reihe von Streetart-Künstlern zusammen, um aus den Schuhen selbst etwas zu machen: Kunst.

"Die Resonanz war umwerfend!", sagt Astrid Montag. Am Ende waren es über fünfzig Künstler, die Schuhe gestalten wollten - viel mehr, als Schuhe da waren. Und so brachten die meisten einfach ihre eigenen Treter mit.

"Durch den Urban Art Guide kriegt unsere Kunst ein Branding aufgedrückt, als wäre sie von Adidas", sagt die Künstlerin "mente". Sie hätte sich gewünscht, vorher gefragt worden zu sein. "Ich mache meine Sachen für die Leute und weil es mir Spaß macht, nicht für eine Firma", sagt die Friedrichshainerin.

"Es ist eine moralische Frage, keine rechtliche", sagt Astrid Montag. Denn Kunst im öffentlichen Raum unterliegt nicht dem Urheberrecht. Jeder kann sie fotografieren und auf Webseiten platzieren. Und der von Adidas gesponserte Online-Straßenkunstführer macht nichts anderes. "Wir verkaufen ja auch kein Produkt", verteidigt sich Maria Ziemann, die das Projekt redaktionell betreut. "Wir schaffen nur Aufmerksamkeit für Künstler."

Die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz

Nicht alle Streetart-Künstler verweigern sich der Zusammenarbeit mit dem Adidas-Projekt. "Die Stadt muss auch etwas davon haben", sagt der Künstler Nomad. Der 38-Jährige hat im Auftrag des Urban Art Guide eine Häuserwand in Berlin-Mitte gestaltet. "So hatte ich die Möglichkeit, ganz legal eine große Fläche zu bemalen." Doch wenn da ein Firmenlogo dran gewesen wäre, hätte er das nicht gemacht, sagt er. "Man muss Grenzen ziehen." Aber er plädiert dafür, das Engagement von großen Firmen wie Adidas anzunehmen und das beste daraus zu machen.

Denn Straßenkunst ist eigentlich illegal. Auch Nomad wurde vor ein paar Jahren von der Polizei erwischt, seine Geldstrafe wegen Vandalismus stottert er noch heute ab. Die Schuh-Aktion seiner Friedrichshainer Kollegen findet er trotzdem gut. "Eine schöne Idee!", findet er, ist sich aber nicht sicher, ob die Umgestaltung von Marken-Schuhen nicht ein Eigentor wird. "Das ändert doch nichts, sie bieten der Marke nur ein neues Forum und machen sie noch populärer."

Dieser Widersprüche ist sich auch Astrid Montag bewusst. "Alle brauchen Geld", gibt sie zu, "aber wir wollen keine bestimme Marke durch unsere Neudesigns aufwerten". Letztendlich richte sich die Schuh-Auktion auch nicht explizit und ausschließlich gegen Adidas. Ein Künstler der "Møbelcrew" bestätigt das: "Ich will nicht Adidas dissen, sondern die Art, wie unsere Arbeit benutzt wird."

"Super Aufmerksamkeit"

Doch zu spät. Beim Urban Art Guide ist man begeistert von der Aktion der Streetart-Künstler. "Das ist doch super Aufmerksamkeit für die Szene und die Künstler!", freut sich Ziemann. Dass die von ihr ausgelegten Schuhe abgefangen und neu verwertet wurden, ist für sie eine "unerwartete, aber witzige Wendung". Auch bei der Auktion der umgestalteten Schuhe ist sie im Publikum. "Ich bin doch selbst auch Streetart-Fan!"

Die Auktion in der Galerie "Superplan" ist so oder so ein voller Erfolg - es ist so voll, dass die Leute sogar auf der Straße stehen. Die Gäste tragen Markenschuhe oder nicht, ein paar haben die Logos übermalt oder verändert, aber ausgelatscht sind fast alle Schuhe. Das Einstiegsgebot liegt bei 20 Euro, und nur bei wenigen Kunstwerken geht es über hundert. Auch ein paar Galeristen sind im Raum. Am teuersten wird "Smell" vom Künstler Pabo: das Bild eines Mannes auf Leinwand und Schuhsohle. 200 Euro ist das Schlussgebot, ein Preis, der für Galeristen eher lächerlich ist. Die Menge im Raum johlt trotzdem. Am Ende des Abends kommen knapp über 2000 Euro zusammen, die für Streetart-Projekte gespendet werden.

Auch Nomad gibt sein mit dem Urban Art Guide verdientes Geld gleich wieder für Kunst aus. Er sitzt zum Zeitpunkt der Auktion im Flugzeug auf die Kanaren, um dort ein neues Projekt zu verfolgen: "Land Art" nennt er es, Kunst im öffentlichen ländlichen Raum.

Immerhin beweisen die Streetart-Künstler auf diese Weise, dass Kompromisse auch kreativ genutzt werden können. Kommerzialisierung hin oder her.



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