Streit um angebliches Leonardo-Gemälde Jesus im Zwielicht

Der Kunstbetrieb steht Kopf. Ist das Gemälde "Salvator Mundi" ein echtes Leonardo-Werk und tatsächlich 200 Millionen Dollar wert? Absolute Sicherheit wird es in der Frage wohl nie geben. Klar ist jedoch, wer von solchen Sensationsmeldungen profitiert: Gutachter und Auktionshäuser.

AP/ Robert Simon

Von Claudia Herstatt


Wann immer ein scheinbar unbekanntes Meisterwerk auftaucht, elektrisiert das den Markt und verstrickt die Experten in erbitterte Diskussionen. Jüngstes Beispiel ist das angeblich von Leonardo da Vinci um 1500 erschaffene Gemälde "Salvator Mundi", das sich seit einigen Jahren in Privatbesitz befindet. Im November soll die auf 200 Millionen Dollar geschätzte, aber angeblich unverkäufliche Christus-Darstellung in der Londoner National Gallery gezeigt werden - und zwar dank einiger Gelehrtenexpertisen mittlerweile als echter da Vinci deklariert. Bis dahin bleibt noch viel Zeit zum Disput um die Echtheit der Holztafel.

Schon ist der Streit in vollem Gange. Während die National Gallery in ihrer Presseerklärung behauptet, es sei bekannt, dass Leonardo das Motiv des Heilsbringers gemalt habe, opponiert der in Leipzig lehrende Kunsthistoriker Frank Zöllner vehement. "Dass Leonardo überhaupt ein Gemälde des Salvator Mundi fertiggestellt hat, ist bis heute nicht gesichert", schreibt er in der "FAZ". Die Biografen des 16. Jahrhunderts hätten keine Kenntnis über das Sujet gehabt. Bekannt seien lediglich zwei Rötelzeichnungen zu dem Thema. Der Herausgeber einer Monografie über den Künstler meint zudem: "Ob sich eine Zuschreibung wird durchsetzen können, hängt vor allem davon ab, ob sich auf die vielen offenen Fragen überzeugende Antworten finden lassen."

Ob Raffael, Michelangelo oder Leonardo - Neuzuschreibungen zu ihrem Werk sind ein lukratives Geschäft. Nicht unbedingt für denjenigen, der sie erwirbt, auf jeden Fall aber für die Gutachter und Auktionshäuser, die in fein dosierten Tranchen immer mal wieder eine Entdeckung ankündigen. So auch in diesem Sommer bei Christie's. So präsentierte das Auktionshaus einen "Männlichen Rückenakt", angeblich eine Zeichnung von der Hand Michelangelos für einen Schätzpreis von drei bis fünf Millionen Pfund. Auch da entbrannte ein Streit zwischen Gutachtern und Experten über die Echtheit.

Kunst mischt Markt auf

Kritiker beklagen den wundersamen Zuwachs des Oeuvres berühmter Meister und damit dessen Verwässerung. Derweil gehen inzwischen mehr und mehr Gutachter dazu über, bei der Zuschreibung eine gewisse Laxheit an den Tag zu legen. Da man weiß, dass Michelangelo die meisten seiner Zeichnungen vernichtet hat und von Leonardo da Vinci kaum mehr als zehn Ölgemälde erhalten sind, ist diese Praxis mehr als fragwürdig. Aber es sorgt für Bewegung im Kunstmarkt, wenn wie im Jahr 2005 ein unbekanntes "Frühwerk" von Raffael in einer Kirche im umbrischen Gubbio entdeckt wurde. Wie in vielen der anderen Zuschreibungen variieren auch da die Meinungen.

Mit großen Namen toter Künstler lässt sich im Zusammenspiel von Gutachtern und Auktionshäusern das Gesamtwerk des Erschaffers vergrößern - und die Preise in die Höhe treiben. Im Jahr 2008 bot das Münchner Auktionshaus Neumeister eine "sensationelle Neuentdeckung" an, wie es im Katalog hieß. Es handele sich dabei um eine Madonna von Tilman Riemenschneider, geschätzt auf 800.000 bis 1,2 Millionen Euro.

Die Echtheit bestätigte der Kunsthistoriker Albrecht Miller, laut Neumeister ein "erfahrener Skulpturenspezialist". Er ließ keinen Zweifel daran, dass es sich "um ein wichtiges Frühwerk Tilman Riemenschneiders" handele und damit "die wichtigste Riemenschneider-Entdeckung der letzten Jahrzehnte" sei.

Da feixt die Mona Lisa

Die Konkurrenz feixte angesichts solcher Töne. Das Mainfränkische Museum in Würzburg mit einer international beachteten Sammlung des spätgotischen Bildschnitzers winkte dankend ab - schließlich hatte Riemenschneider eine florierende Werkstatt mit Schülern betrieben und keineswegs immer selbst Hand angelegt. Diesmal konnte die Expertise den Auktionserlös nicht befeuern. 400.000 Euro waren das höchste Gebot, und wie immer in den Fällen von Neuzuschreibungen blieben viele Fragen offen, nicht nur was die Echtheit, sondern auch was die Provenienz und Rechte anging.

Wie viele gutgläubige Kunden mit solchen vermeintlichen Sensationsmeldungen getäuscht und irritiert werden, ist eine Sache. Wenn zunehmend auch fragwürdige Zuschreibung der großen Namen Eingang in private und öffentliche Sammlungen finden, noch eine ganz andere. Ist der Schöpfer der Mona Lisa wirklich auch der Maler des Salvator Mundi mit dem "toten Gesicht", wie Frank Zöllner fragt? Wie steht es mit der Zeichnung "La Bella Principessa", die ebenfalls von seiner Hand stammen soll? Sollte sich ihre Echtheit beweisen, dürfte sich das sehr günstig für den Käufer, den kanadischen Kunsthändler Peter Silverman auswirken. Für 12.800 Euro hatte er das Blatt gekauft. Im Falle einer Handzeichnung von Leonardo wäre es mindestens hundert Millionen wert.

Schnell hochgejubelt verlaufen viele Neuzuschreibungen doch meistens im Off. Aber einmal museal geadelt, wird der Laie leicht einknicken und das für echt halten, was ihm als solches präsentiert wird. Ziemlich sicher ist jedoch, dass die Verfasser von Oeuvreverzeichnissen sich entspannt zurücklehnen und auf ihre Fachkompetenz verlassen können. Sie haben ganz andere Probleme. In den wenigsten Fällen müssen sie die hauptsächlich den Markt bewegenden Neuzuschreibungen in ihre Werkverzeichnisse einarbeiten.

Vielmehr werden wohl in Zukunft eher Werke zu tilgen sein, die als Fälschungen entlarvt wurden und werden.

insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
grashalm, 17.07.2011
1. wertlose Augenwischereien
Zitat von sysopDer Kunstbetrieb steht Kopf: Ist das Gemälde "Salvator Mundi" ein*echtes Da- Vinci-Werk*und*tatsächlich 200 Millionen Dollar wert? Absolute Sicherheit wird es in der Frage wohl nie geben. Klar ist jedoch, wer von solchen Sensationsmeldungen profitiert: Gutachter und Auktionshäuser. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,774247,00.html
Man muss schon auf einem Auge blind sein, die beiden Bilder Leonardo da Vinci zuzuordnen. Das Seitenportrait der Frau ist zu hart gemalt. Salvator Mundis Proporzionen bleiben als blosse Effekte stecken. Leonardos Bilder vermitteln sofort seine Genialität, das sollte auch Massstab für Auktionshäuser bleiben.
motormouth 17.07.2011
2. ...
Zitat von sysopDer Kunstbetrieb steht Kopf: Ist das Gemälde "Salvator Mundi" ein*echtes Da- Vinci-Werk*und*tatsächlich 200 Millionen Dollar wert? Absolute Sicherheit wird es in der Frage wohl nie geben. Klar ist jedoch, wer von solchen Sensationsmeldungen profitiert: Gutachter und Auktionshäuser. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,774247,00.html
...und die klickgierige Online-Sensationspresse.
motormouth 17.07.2011
3. ...
Zitat von sysopDer Kunstbetrieb steht Kopf: Ist das Gemälde "Salvator Mundi" ein*echtes Da- Vinci-Werk*und*tatsächlich 200 Millionen Dollar wert? Absolute Sicherheit wird es in der Frage wohl nie geben. Klar ist jedoch, wer von solchen Sensationsmeldungen profitiert: Gutachter und Auktionshäuser. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,774247,00.html
...und die klickgierige Online-Sensationspresse.
Micha_R3 17.07.2011
4. Salvator ...
Ein recht witziges Bild, dieses "Salvator Mundi": Wer auch immer diesen dargestellten Typ mit den geröteten, leicht wässrigen Augen gemalt hat: Sinn für Humor hatte der, allerdings ist nicht überliefert was für ein "Zeugs" der Dargestellte inhalierte. Dazu kämen noch ein leicht aufgedunsenes Gesicht und verschieden hohe Augen.
willem.fart 17.07.2011
5. Das sehe ich schon auf dem kleinen Foto
Das ist kein da Vinci. Der malte nie so verwaschen mit muffigen Farben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.