Streit um Berliner Hauptbahnhof "Schildbürgerstreich erster Güte"

Er baute den neuen gefeierten Berliner Hauptbahnhof, aber mit dem Ergebnis ist er nicht glücklich: Star-Architekt Meinhard von Gerkan beklagt im Interview mit SPIEGEL ONLINE das mangelnde ästhetische Bewusstsein von Bahnchef Mehdorn und die unnötigen Abweichungen von seinem Entwurf.


SPIEGEL ONLINE: Herr von Gerkan, werden Sie heute Abend bei der Eröffnung Ihres Bahnhofs in Berlin dabei sein?

von Gerkan: Das werde ich noch entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt das ab?

von Gerkan: Vom Wetter (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wegen baulicher Veränderungen liegen Sie seit Jahren im Streit mit der Bahn und deren Chef Hartmut Mehdorn. Die Bahn wollte sie nicht als Redner zur Eröffnung, angeblich aus Zeitgründen. Man hat Ihnen nur ein Interview im Bahnmagazin angeboten. Sind Sie enttäuscht?

von Gerkan: Das spiegelt nur die grundlegende Einstellung wider, in der die Rolle der Architekten und Ingenieure keinen Platz hat. Nach der Auffassung der Bahn ist die Eröffnung eine politische Angelegenheit - um den Bahnhof als solchen geht es schon lange nicht mehr. Der Bahnhof dient als Selbstdarstellung der wirtschaftlichen Stärke des Unternehmens.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn hat das Dach verkürzt, angeblich aus Kosten- und Zeitgründen, hat im Untergeschoss die filigrane Deckenkonstruktion durch eine schlichtere Variante ersetzt. Im November soll in einem Urheberrechtsstreit das Landgericht in Berlin beiden Fällen entscheiden. Aber hat Herr Mehdorn nicht nur das getan, was ohnehin zwischen Bauherrn und Architekt im Verlaufe eines Projektes üblich ist?

von Gerkan: Er hat ästhetisches Gefühl gar nicht erst entwickelt und dem auch keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Herr Mehdorn ist Empfehlungen gefolgt, die er nicht überprüft hat und die auf falschen Angaben basieren. Es wurden einseitige und willkürliche Entscheidungen getroffen, obwohl die Bahn uns vor zehn Jahren zugesichert hat, dass der Bahnhof so gebaut wird, wie wir es vorgesehen hatten. Herr Mehdorn hat diese Vereinbarungen gebrochen - aber auch das hat ihn nicht weiter erschüttert. Die Verkürzung des Daches ist ein Schildbürgerstreich ersten Ranges - heute werden sogar ältere Bahnhöfe mit kürzeren Dächern wieder mit Provisorien verlängert.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie denn noch zu Ihrem Bau?

von Gerkan: Aber selbstverständlich. Es ist so, als hätten sie ein Kind, dem zwei Kinderkrankheiten mutwillig zugefügt worden sind. Das geben sie ja auch nicht auf. Die Tatsache, dass es einen Schaden hat, ist ja Veranlassung, sich ihm besonders zuzuwenden. Deshalb werde ich nicht ermüden, diese Verunstaltungen wieder rückgängig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll das bewerkstelligen - der Vater Staat als Aufsichtsbehörde der Bahn?

von Gerkan: Die Bundesrepublik Deutschland kann sich eine solche Verstümmelung des Bahnhofs nicht leisten. Das ist weder im Interesse der deutschen Baukultur noch unserer Politik. Ich vertraue darauf, dass die momentane Aufmerksamkeit, die der Bahnhof durch die Eröffnung erfährt, auch die Politiker dafür interessieren wird, diesen Makel zu beseitigen.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit, dass sich die Kanzlerin einschaltet, die heute Abend die Eröffnungsrede hält?

von Gerkan: Ja, sicher denke ich an Frau Merkel. Aber nicht nur an sie. Ich habe ja schon in der Vergangenheit darüber mit Schröder, Stolpe, Steinbrück, Tiefensee und Steinmeier gesprochen. Jetzt muss ich es halt mit den Neuen im Kabinett nochmals versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon Signale erhalten?

von Gerkan: Noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Bahnhof liegt noch in einer städtischen Brache. Zugleich ist Berlin eine arme Stadt, es gibt immensen Büroleerstand. Haben Sie wirklich Hoffnungen, dass die Leere gefüllt wird?

von Gerkan: Es ist bedauerlich, dass trotz eines verbindlichen Bebauungsplans seit zehn Jahren nichts realisiert worden ist. Das hängt nicht nur mit der Immobiliensituation in Berlin zusammen, sondern auch daran, dass man ungern neben einer Großbaustelle baut. Mit der Fertigstellung des Bahnhofs dürfte die Gegend aber wieder sehr interessant für Investoren werden. Ich rechne damit, dass über kurz oder lang die Bautätigkeit dort einsetzt und wir in einigen Jahren dann dort ein urbanes Quartier vorfinden.

SPIEGEL ONLINE: Ein wenig hat man den Eindruck, die Bahn habe aus Ihrem Bahnhof ein gigantisches Einkaufszentrum mit Gleisanschluss gemacht.

Hamburger Stararchitekt Meinhard von Gerkan: "Ich habe lebhafte Erinnerungen an den Zoo"
DPA

Hamburger Stararchitekt Meinhard von Gerkan: "Ich habe lebhafte Erinnerungen an den Zoo"

von Gerkan: Das ist ein Dilemma, das sie bei den meisten Bahnhöfen und Flughäfen heute haben. Die Einnahmen, die nicht unmittelbar aus dem Betrieb stammen, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite sollte ein Bahnhof auch Leben ausstrahlen. Und da sind die 80 Geschäfte mehr oder weniger gut integriert. Weder verstellen noch dominieren sie den Bahnhof.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den großen Werbeflächen im Eingangsbereich, wie sie die Bahn vorsieht?

von Gerkan: Das macht mir auch Sorgen. Ich hoffe nicht, dass die Großzügigkeit, die gute Orientierung im Gebäude selbst verstellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Eröffnung des Hauptbahnhofs wird der Bahnhof Zoo vom ICE-Netz genommen. Tausende Berliner haben gegen die Entscheidung Mehdorns mit Unterschriften protestiert. Haben Sie Verständnis dafür?

von Gerkan: Ja, zumal ich als Student lebhafte Erinnerungen an den Bahnhof Zoo habe. Nur, kaum eine Großstadt leistet sich den Luxus, schon nach wenigen Kilometern eine Station zu haben, in der überregionale Züge in kurzer Folge halten. Insofern ist es verständlich, dass man den Umschlagsplatz an dieses neue Drehkreuz verlagert. Das wird natürlich im Umfeld des Bahnhofs Zoo Auswirkungen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einem der Hundertausenden, die am Wochenende sich den Bahnhof ansehen, Ihre Lieblingsstelle zeigen müssten, welche wäre das?

von Gerkan: Es sind zwei. Die eine ist auf dem oberen Bahnsteig, in der Mitte der Kreuzungsvierung, wo man den gesamten Bahnhof von minus 15 Meter bis unter die große, lange Halle erfassen kann. Die andere Stelle ist die vorgelagerte Terrasse nach Süden mit dem Blick auf das Kanzleramt, das Reichstagsgebäude und in der Ferne den Potsdamer Platz. In diesem Moment vergesse ich, dass drumherum noch eine Wüste existiert.

SPIEGEL ONLINE: Und für einen Augenblick auch den Streit mit der Bahn?

von Gerkan: Der ist leider immer im Bauch, das ist nun mal im Leben so.

Das Interview führte Severin Weiland



insgesamt 589 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 26.05.2006
1.
@sysop: Langsam wirds unübersichtlich: 2 identische Themen am gleichen Tag? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=491 Schon für den ersten Thread scheint sich ja niemand außer mir interessieren zu können. ;-)
österreicher, 26.05.2006
2. Gigantismus UND Wunderwerk!
Der hamburgische Starachitekt, Meinhad von Gerkan, hat mit dem neuen Berliner Hauptbahnhof sowohl dem typisch-berlinerischen, preußisch-wilhelminischen Gigantismus gehuldigt, als auch ein architektonisches "Wunderwerk" geschaffen. Was von Gerkan mit den Flughafenbauten in Hamburg und Stuttgat begonnen hat, das hat er in Berlin mit dem grandiosen Hauptbahnhofsgebäude vollendet. Schade, dass die Kleingeister innerhalb der Deutschen Bahn und im Berliner Senat dem großartigen Entwurf von Gerkans nicht voll gefolgt sind.
DrKnow 26.05.2006
3. Wer kann das ertragen?
Ich fahre jeden Tag an dem Ding vorbei und kann mir ehrlich gesagt kein 'urbanes Umfeld' vorstellen, welches so ein Ding ertragen kann. Erinnern möchte ich in dem Zusammenhang an Monstren wie den Bahnhof in Rom, an das Riesenrad in london oder das Expo Gelände in Hannover. Keine Integration stattgefunden, sie stehen immer noch wie von Ausserirdischen dort gelandet an ihren jeweiligen Plätzen - und so wird es bis in alle Ewigkeit sein.
bfr123 26.05.2006
4. Gigantismus?
Sicher, der neue Hauptbahnhof hat etwas gigantisches - aber das ändert nichts an der Notwendigkeit dieses Bauwerks. Kritiker die jetzt den "Tod" des Bahnhofs Zoo betrauern sollten sich daran erinnern, dass er bei der ursprünglichen Planung vor ca 120 Jahren auch nichts weiter als ein Regionalbahnhof war. Der Kreis schliesst sich einfach nur. Das Herr Mehdorn kein ästetisches Empfinden besitzt ist nichts neues, dies erleben wir als Bahnkunden jeden Tag. Zum Beispiel der Umbau der neuen "alten" ICE 1 Züge. Die Sitzabstände nähren sich auch in der ersten Klasse immer mehr den Sitzabständen in der "Holzklasse" der Billigflieger an - der Unterschied ist lediglich der Fahrpreis, der steht im Gegensatz zur Bahn nämlich wenigstens in einer vernünftigen Relation zum Platzangebot. Und noch eines sei bemerkt: Der Bau des gesamten Empire State Buildings in New York Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, immerhin damals das grösste Gebäude der Welt, dauerte von der Grundsteinlegung bis zur Eröffnung gerade einmal 11 (in Worten: elf!) Monate. Der Berliner Hauptbahnhof dagegen dauerte 11 (in Worten: elf!) J a h r e!! Es lebe der Fortschritt - aber ich freue mich trotzdem auf den neuen Bahnhof!
axelanne, 26.05.2006
5. Angemessen
Berlin ist nun einmal die Hauptstadt Deutschlands geworden, nachdem Bonn dafür eine horrende Ablösesumme erhalten hatte. Die (halbe) Regierung ist hier und auch das Parlament, der Deutsche Bundestag und vieles mehr. Berlin wird inzwischen weltweit für eine Metropole gehalten, und das ist zutreffend.. Da mußte folgerichtig auch ein neuer Hauptbahnhof her. Der ist nun gelungen, insbesondere architektonisch und eisenbahnverkehrstechnisch. Wir danken der Deutschen Bahn und ganz besonders dem Bauleiter Herrn Hany Azer, der zuerst die Spree unterquerte, um dann einen solch gelungenen neuen Berliner Hauptbahnhof darüber zu setzen. Hoffentlich nimmt Herr Azer sich jetzt eine Ruhezeit, díe er verdient hat.
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