Streit um Berliner Nofretete "Das ist beschämend"

Jahrtausende tot und sorgt trotzdem für Ärger: Nofretete. Der ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass fordert von Berlin die Rückgabe der berühmten Büste der Pharaonen-Gemahlin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Schmuggelverdacht, mögliche Tauschgeschäfte und die Suche nach Kleopatra.


SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Nofretete wirklich von ihrem neuen Ehrenplatz im wiedereröffneten Berliner Neuen Museum nach Kairo holen?

Hawass: Nicht auf Biegen und Brechen, solch ein gewichtiges Thema lässt sich nicht mit Wunschdenken und Absichtserklärungen erledigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nun die Rückführung der Nofretete gefordert oder nicht?

Hawass: Wir befassen uns noch mit der Frage und untersuchen alle Details, die mit dem jetzigen Standort Nefertitis, wie wir die inzwischen weltbekannte Gattin des großen Pharao Echnaton nennen, in Verbindung stehen. Erst wenn wir absolute Klarheit haben, werden wir eine Entscheidung treffen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau muss noch geklärt werden?

Hawass: Wir wollen wissen, ob die Nefertiti-Skulptur, vor allem der Kopf der Königin, wie sie in Berlin ausgestellt ist, Ägypten auf legalem Weg verlassen hat. Wenn das klipp und klar bewiesen wird und die entsprechenden Beweise vorliegen, dürfte es keine Probleme geben.

SPIEGEL ONLINE: Ist es so schwierig, diese Beweise zu erbringen? Die Verantwortlichen in der deutschen Hauptstadt haben bereits mehrfach versichert, dass die wertvolle Skulptur mit Wissen und Einverständnis der ägyptischen Behörden nach Berlin gebracht worden sei.

Hawass: Vor etwa zwei Monaten ersuchte ich die Museumsverwaltung in Berlin, mir den genauen Sachverhalt über die "Ausreise" Nefertitis mitzuteilen und das vorhandene Beweismaterial für die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs zukommen zu lassen. Bis heute ist mein Schreiben nicht beantwortet worden. Das ist ärgerlich. Welche Schlüsse sollen wir daraus ziehen? Das stimmt doch argwöhnisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie zweifeln die Glaubwürdigkeit der Beteuerungen über die legitime Außerlandesbringung also an?

Hawass: Uns liegt Beweismaterial vor, das den Verdacht bestätigt, dass Nefertiti am Gesetz vorbei aus Ägypten hinausgeschmuggelt wurde. Dennoch wollen wir nicht voreilige Konsequenzen ziehen und warten auch jetzt noch auf Antwort und Beweismittel aus Berlin. Weil mein Ersuchen bislang ohne Antwort blieb, war ich natürlich auch nicht bereit, der Einladung zur Eröffnung des Neuen Museums Folge zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht, wenn Ihr Schreiben auch weiterhin nicht beantwortet wird?

Hawass: Wir werden uns wie zivilisierte Menschen verhalten und den Fall durchdiskutieren - in allen Aspekten.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie bereit sind, einem Tauschgeschäft zuzustimmen - schickt die Nofretete in ihre ägyptische Heimat zurück, und wir geben euch dafür einige andere wertvolle altägyptische Artefakte?

Hawass: Das wäre ein Novum. Zwar hatte die ägyptische Regierung bereits zehn Jahre nach dem Deutschlandtransfer Nefertitis solch eine Lösung vorgeschlagen, doch Berlin lehnte das Ansinnen ab.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn wenigstens ein Einvernehmen mit den Deutschen darüber, dass Nofretete in fünf Jahren zur Einweihung des neuen ägyptischen Museums nach Kairo ausgeliehen wird?

Hawass: Festgezurrt ist nichts. Mir ist sogar zu Ohren gekommen, dass man das Ausleihen ägyptischer Altertümer als Risiko einstuft, weil wir Ägypter derartige Leihgaben nicht zurückschicken würden. Das ist beschämend.

SPIEGEL ONLINE: Ist die deutsch-ägyptische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Archäologie gefährdet?

Hawass: Nein, uns liegt sehr an einem langfristigem Miteinander. Ich hoffe sehr, eine befriedigende Lösung mit den Berlinern zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten gräbt noch nach einer anderen großen Königin: Kleopatra. Geht die Suche weiter?

Hawass: Nächsten Sonntag werden die Grabungen fortgesetzt, die mehrere Monate eingestellt werden mussten. Das bisher Erreichte lässt hoffen, dass wir die Grabkammern Kleopatras und ihres Partners Antonius schon recht bald freilegen werden. Aber wir sollten dem alten Ägypten noch einen ganz anderen Tribut zollen.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie noch ausgraben oder vom Meeresboden an Land hieven?

Hawass: Wir sollten das Studium der altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift an unseren Schulen einführen, so wie die Europäer Lateinisch und Altgriechisch unterrichten, um die kulturelle Bewusstseinsbildung zu stärken. Dabei könnten uns sicher auch die Deutschen helfen.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr, Kairo



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mavoe 18.10.2009
1. Nefertiti-Nofretete
Zitat von sysopJahrtausende tot und sorgt trotzdem für Ärger: Nofretete. Der ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass fordert von Berlin die Rückgabe der berühmten Büste der Pharaonen-Gemahlin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Schmuggelverdacht, mögliche Tauschgeschäfte und die Suche nach Kleopatra. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,655707,00.html
Wir haben ja alles untersucht, bis auf den "Kern", CT-mäßig. Jetzt produzieren wir eine "perfekte" Replik und stellen diese im Neuen Museum aus. Und das Original geben wir zurück nach Ägypten. Bedingung: Die sollen ihr Chaos im Ägyptischen Museum in Kairo bereinigen. Da sieht man nämlich den Wald vor lauter Bäume nicht mehr. Da können sie viel lernen von Berlin. Gruß aus Berlin
Meckerliese 18.10.2009
2. Nofretete
Hawass hat REcht. Sie gehört den Ägyptern nicht Deutschland. Wurde doch nur geklaut.
Hubert Rudnick, 18.10.2009
3. Nofretete?
Zitat von sysopJahrtausende tot und sorgt trotzdem für Ärger: Nofretete. Der ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass fordert von Berlin die Rückgabe der berühmten Büste der Pharaonen-Gemahlin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Schmuggelverdacht, mögliche Tauschgeschäfte und die Suche nach Kleopatra. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,655707,00.html
---------------------------------------------------------- Ja so ist es nun mal, die sogenannten zivilisieretn Staaten haben in ihren Musen eigentlich fast immer nur gestohlende Ausstellungsstücke, sie schmücken sich mit geklauten Gegenständen. Aber mal eine ganz anderes Frage, wer glaubt denn wirklich daran, dass diese Stücke auch echt sind? Man hat schon immer geklaut, manipuliert und gefälscht und das nicht erst seit heute, auch unsere Vorgänger aus dem dritten Reich taten es und nun zeigt man der Öffentlichkeit nur vermeindliche Fundstücke, denn die echten sind doch schon längst in irgentwelchen Sammlerkellern für sehr viel Geld verschwunden. Wenn ich in irgenein Museum gehe, dann betrachte ich nur die Gegenstände weil sie mir gefallen, aber wer sie jemals produziert hat interessiert mich nur beiläufig, denn ob es immer ein echtes Kunstobjekt ist, dass bezweifel ich. HR
loth06 18.10.2009
4. Doppelte Staat-Zugehörigkeit
Zitat von sysopJahrtausende tot und sorgt trotzdem für Ärger: Nofretete. Der ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass fordert von Berlin die Rückgabe der berühmten Büste der Pharaonen-Gemahlin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Schmuggelverdacht, mögliche Tauschgeschäfte und die Suche nach Kleopatra. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,655707,00.html
Den ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass würde ich lieber einen ägyptischen Staat-Archäologen nennen. Mir gefällt seine kultivierte Sprache, seine Zurückhaltung, obwohl er von deutschen Behörden düpiert wurde. Nofretete eignet sich, um ein bilaterales Modell auszuprobieren. Ich meine damit eine doppelte Staat-Zugehörigkeit, ähnlich wie es doppelte Staat-Bürgerschaften gibt. Ein solches Modell müsste vertraglich abgesichert sein, enthält eine ganze Reihe von Vorteilen. 1. Beide Länder können wechselseitig ausstellen 2. Beide Länder können ein Bündel ihrer neueren Forschung mitschicken 3. Aus Besitz-Konfrontation wird wissenschaftliche Zusammenarbeit 4. Die Büste wird als Weltkulturerbe gewürdigt. Das nationale Gewandt ist für einen solchen Schatz der Menschheit zu eng. 5. Das Original wird für die Wissenschaft gekennzeichnet, getreue Repliken werden angefertigt, so dass ein Katz- und Mausspiel möglich ist, um das Original vor Gefährdungen jeglicher Art zu schützen, in Berlin oder in Kairo. 6. Dieses Modell könnte später für überlappende Staat-Bürgerschaften ausprobiert werden, ebenfalls im Sinne Gewinn-bringender Vorteile - diesmal für Bürger. Ein solches Modell wäre für Kurden ebenso anwendbar wie für Basken und viele andere Gebiete. 7. Statt Zerrissenheit gibt es dann etwas Doppeltes, das wäre weit mehr. micha vRhein
sam clemens, 18.10.2009
5. Eigentum?
Die Königin "gehört" niemandem - weder "den Ägyptern" noch dem Berliner Museum. In Berlin wird sie "nur" aufbewahrt, geschützt und gezeigt. Mit der Eigentumsfrage versucht Hawass Berlin zu erpressen - was auch immer dabei erreicht werden soll. Beschämend ist das allemal.
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