Streit um Gret-Palucca-Haus Abriss eines Sehnsuchtsorts

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2. Teil: Von Haus aus geschichtsträchtig


Tatsächlich lässt sich über dieses Gebäude eine Menge erzählen: über seine Erbauerin Palucca, die im Westen so wenig bekannt ist, im Osten aber bis heute verehrt wird. Über ihren eisernen Willen, aber auch ihre Fragilität. Vor allem aber lässt sich manches erzählen über ein faszinierendes Spiel zwischen Kultur und Politik. Ein Spiel, das Palucca betrieben hat und mit ihr die Machthaber der DDR. Palucca und die Kulturpolitiker haben dieses Haus immer wieder als Trumpf eingesetzt. Es ging ums Dableiben oder Weggehen, West oder Ost, die beiden feindlichen Prinzipien.

Im Jahr 1948, kurz nach der Währungsreform, kam Palucca das erste Mal nach Hiddensee. Sie war erschöpft, sie hatte fast den ganzen Krieg über, die ganze NS-Zeit und all die Jahre davor getanzt. Seit ihrem ersten Solo-Abend in ihrer Wahlheimatstadt Dresden im Februar 1924 hatte sie pro Jahr an die 75 Auftritte absolviert, war so zu einer der erfolgreichsten künstlerischen Tänzerinnen Deutschlands aufgestiegen.

Josephine Baker, das war Varieté und Frivolität; Palucca dagegen war Kunst, Neue Sachlichkeit, ein Körper perfekt wie eine Maschine: kraftvoll und atemberaubend hoch im Sprung, verblüffend weich im Sinken - ein außerordentliches Talent.

Künstlerischer Selbstbehauptung in NS-Zeiten

Während der Nazizeit war sie immer populärer geworden, wurde gefeiert als die "deutscheste Tänzerin", trat beim Eröffnungsspiel der Olympischen Spiele 1936 als "Schönste", als "Siegerin" auf.

Doch bald nach den Spielen war aufgeflogen, dass Palucca bei ihrem "Ariernachweis" geschummelt hatte, dass sie nach den ominösen NS-"Rassengesetzen" als "Halbjüdin" einzustufen war. Doch Palucca hatte nicht daran gedacht, sich zurückzuziehen. Sie, die "Halbjüdin", hatte im Propagandaministerium eine Sondergenehmigung erwirkt, war weiter aufgetreten - ein seltener, verstörender Fall künstlerischer Selbstbehauptung in NS-Zeiten.

Palucca war dann noch ins Dresdner Bombeninferno vom Februar 1945 geraten, hatte ihre Wohnung verloren, doch auch das hatte sie nicht davon abgehalten, nach dem Kriegsende wieder aufzutreten, nun als weit über 40-jährige Frau.

Sie hat das alles nur durchgehalten, weil sie sich immer wieder Erholungspausen gönnte. In der Zeit, in der sie noch mit Männern zusammenlebte - mit dem Mäzen Friedrich Bienert, mit dem Kunstförderer Will Grohmann -, war sie oft nach Sylt gefahren, am liebsten zweimal im Jahr, allein oder mit einem der Männer.

Dächer aus Rohr, an den grünen Hügeln der Steilküste

Nun aber, 1948, hatte sich manches für sie geändert. Sie lebte mit einer Frau zusammen, mit einer Dresdner Kinderärztin, und ihr Wahlheimatort Dresden lag in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone. Palucca fuhr zwar immer noch viel in den Westen, aber jetzt suchte sie nach einem ostdeutschen Feriendomizil. Hiddensee also, die 18 Kilometer lange und sehr schmale Insel in der Ostsee, auf der seit der Jahrhundertwende vor allem Künstler und Fischer lebten. Der Dramatiker Gerhart Hauptmann hatte sich hier ein Haus gekauft, die dänische Schauspielerin Asta Nielsen auch.

Palucca und ihre Freundin erfuhren von einem Holzhaus im Dorf Vitte, das sie mieten konnten. Palucca schrieb an die Vermieterin der Baracke: "Bettwäsche nehmen wir selbstverständlich mit und auch Glühbirnen (allerdings haben wir nur 220 Volt, hoffentlich hat Hiddensee dieselbe Voltstärke)".

Palucca war begeistert von der Insel, sie fühlte sich an Sylt erinnert, freute sich an den geduckten Fischerhäusern mit den Dächern aus Rohr, an den grünen Hügeln der Steilküste.

Sie reiste nun oft nach Hiddensee, bald war sie von einem ganzen Kreis von Frauen umgeben, die gerne auf die Insel mitkamen. Auch 1953 flüchtete sie hierher, in jenem berüchtigten Sommer nach dem Aufstand des 17. Juni, als die politische Lage in der DDR angespannt war wie nie zuvor.

Für Palucca war es ein schwieriger Sommer gewesen. Schon seit Jahren hatte sie um den Status des modernen Tanzes an ihrer Schule und überhaupt im Staat gekämpft, nun sah es so aus, als würde sie hinter all das, was sie in Jahrzehnten erstritten hatte, zurückfallen. Die Kulturverantwortlichen der DDR hielten nicht viel von Paluccas Tanz, sie bevorzugten klassische Ausdrucksformen, Ballett. Palucca sollte an ihrer Dresdner Schule entmachtet werden und ein kleines Institut für modernen Tanz in Berlin bekommen.

Das aber war mit ihr nicht zu machen. Sie kam aus einer Kaufmannsfamilie, sie hatte kaufmännisches Geschick, sie konnte verhandeln, und diese Begabung setzte sie ein. Sie zog sich mit ihren Freundinnen ins Holzhaus nach Hiddensee zurück, gab sich offiziell verstimmt, hielt aber Kontakt mit den Kulturpolitikern. Der wohl kalkulierte Rückzug war wirksam: Im Kulturministerium beschloss man nach einigen Monaten, Palucca wieder zur künstlerischen Leiterin ihrer Dresdner Schule zu machen und ihr Gehalt auf eine für DDR-Verhältnisse astronomische Summe aufzustocken: 4000 Mark bekam Palucca nun, dazu ein neues Auto mit Chauffeur. Hiddensee als Schmollwinkel - das hatte geholfen.



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