Streit um Leonardo-Kunstwerk Der 100-Millionen-Euro-Code

Hat ein Sammler ein bisher unbekanntes Werk Leonardo da Vincis entdeckt? Mit Hilfe von Kunsthistorikern und einer Hightech-Analyse glaubt Peter Silverman, die Echtheit des Porträts endlich bewiesen zu haben. Sollte er recht behalten - er wäre um rund 100 Millionen Euro reicher.

lumiere-technology.com

Von


"Es war so eine Art Liebe auf den ersten Blick." Der Kunstsammler Peter Silverman sah das anmutige Mädchen zum ersten Mal im Januar 1998 bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christie's in New York. Angeboten wurde es dort als "Junges Mädchen im Profil und in Renaissance-Kleidung". Der Kanadier witterte, dass sich hinter dem Profil der Schönheit mehr verbergen könnte als ein Werk, dessen Herkunft im Katalog seinerzeit mit "deutsch, frühes 19. Jahrhundert" beschrieben wurde.

Pech für den in Paris lebenden Kunstkenner: Das Porträt in zarten, leicht verblichenen Ockertönen überstieg damals schlichtweg seine Mittel. Als der Hammer bei 21.850 Dollar fiel, erhielt die New Yorker Händlerin Kate Ganz den Zuschlag. Silverman, 59, gab die Hoffnung nicht auf. Diskret begann er Recherchen zu Stil, Zeit und Ursprung des Gemäldes, das er eher der italienischen Renaissance zugeordnet hatte, als einem Zeitgenossen Caspar David Friedrichs aus dem deutschsprachigen Raum.

"Die Datierung schien mir einfach zu spät", erinnert er sich bei einem Kaffee unweit des Place Vendôme: "Kleidung und Haartracht schienen eher auf eine Darstellung aus dem 16. Jahrhundert hinzuweisen. Irgendwie passte das alles nicht zusammen."

Abdruck einer Handfläche

Eine unvermutete Chance bietet sich 2007: Silverman besuchte bei einem Abstecher nach New York die Galerie von Kate Ganz und stellt fest, dass das Bild zum Verkauf ansteht. Er zögert keine Sekunde. "Ich habe nicht übermäßig Interesse gezeigt, ein bisschen gehandelt - die Prinzessin gehörte mir." Endlich hat er die Möglichkeit, seine Intuition am Original zu überprüfen. Silverman schickt Fotos an Wissenschaftler und Renaissance-Experten.

Die ersten Reaktionen stimmen ihn optimistisch: Die Pinselführung, die leicht geschwungene Ausführung des Kreidestrichs könnte auf einen Linkshänder hinweisen - und damit auf Leonardo da Vinci.

Bestätigt findet sich Silverman bei einem Besuch im Louvre eineinhalb Jahre später. Er steht, seine Digitalkamera in der Hand, vor dem Bild eines Leonardo-Schülers um Stil, Farbgebung und Details auf Ähnlichkeiten zu überprüfen, als er zufällig auf Nicolas Turner trifft - einen Kunsthistoriker, früher am Britischen Museum und am Paul Getty Museum zuständig für Drucke und Zeichnungen. Turner blickt kurz auf das Digitalbild und weiß sofort: "Das Bild kenne ich, ein Händler hat es mir gezeigt. Könnte ein Leonardo sein…"

Die Meinung des Briten elektrisiert Silverman. Doch er will, jenseits der Einschätzungen, handfeste Beweise, wissenschaftlich exakt, kunsthistorisch unangreifbar. Die können ihm nach seinem Dafürhalten nur zwei Spezialisten verschaffen: Jean Penicaut und Pascal Cotte - die Gründer von Lumière Technology. Das Zwei-Mann-Unternehmen mit dem französisch-englischen Firmennamen verfügt über eine hochauflösende Multispektralkamera - eine Eigenentwicklung und weltweit einmalig. Die Ingenieure, "die seriöse Version von Dan Brown", so "Le Figaro", können mit ihrer Erfindung 12.000-Pixel-Auflösung produzieren. Die digitalen Abbildungen decken dabei das gesamte Farbspektrum ab - von Infrarot bis Ultraviolett, ohne dabei die Vorlage zu berühren.

Deswegen schafft Silverman sein Original 2007 zu dem Labor am Pariser Boulevard Saint Germain. Das Bild wird unter das Objektiv gelegt - und schon die ersten Scans fördern erstaunliche Details zu Tage. Klar wird, dass es sich um eine Ausführung in Mischtechnik aus Kreide, Stift und Tinte handelt. Und dann ist da der, für das bloße Auge nicht sichtbare, Abdruck einer Handfläche hinter dem Hals der porträtierten Frau, der, wie später nachgewiesen wird, weitgehend übereinstimmen könnte mit einem Abdruck Leonardos auf einem anderen, unvollendeten Werk.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Layer_8 23.10.2011
1. 100.000.000,10 €
Zitat von sysopHat*ein Sammler ein bisher*unbekanntes Werk Leonardo da Vincis entdeckt? Mit Hilfe von Kunsthistorikern und einer High-Tech-Analyse glaubt Peter Silverman, die Echtheit des*Porträts endlich bewiesen zu haben. Sollte er recht behalten - er*wäre um rund 100 Millionen Euro reicher. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,791649,00.html
Das Portrait wird schon echt sein. Sehr hübsche Dame vor 500 Jahren. Ob Leonardo oder nicht
Haio Forler 23.10.2011
2. .
Jetzt schau ich doch noch mal im Keller nach.
matthias_b. 23.10.2011
3. Geschäftstüchtigkeit
Der Mann ist im Falle der Echtheit zu beglückwünschen. So einen Fund gibt es wohl nur ein Mal pro Generation. Aber wirklich geschäftstüchtig ist er nicht. 2007 kauft er also das Bild, trifft eineinhalb Jahre später im Louvre einen Kunsthistoriker, ist so elektrisiert von seiner Meinung dass er wieder in der Zeit zurückgeht und 2007 sein Bild mit einer "weltweit einmaligen" Multispektralkamera untersuchen lässt. Nun ja, ich bin kein Multispektralkamerahistoriker, vielleicht war sie damals einzigartig weil eben Eigenbau, aber sicher nicht die erste und vermutlich nicht die beste. Aber dass der gute Mann nicht darauf kommt, seine Zeitreisetechnologie zu vermarkten... vielleicht hat er auch verständlicherweise Angst vor den sich daraus entwickelnden Paradoxa.
Altesocke 23.10.2011
4. Schon gar nicht, wenn es Geld kosten wuerde!
Zitat von sysopHat*ein Sammler ein bisher*unbekanntes Werk Leonardo da Vincis entdeckt? Mit Hilfe von Kunsthistorikern und einer High-Tech-Analyse glaubt Peter Silverman, die Echtheit des*Porträts endlich bewiesen zu haben. Sollte er recht behalten - er*wäre um rund 100 Millionen Euro reicher. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,791649,00.html
Politik, Medizin, Kunst, Kirche, ueberall das Gleiche: "Wir machen keine Fehler! Und wenn doch, war es ein anderer 'wir'!"
Neinsowas 23.10.2011
5. man betrachte das Bildnis...
...der Beatrice d`Este, das Lionardo zusammen mit Ambrogio de Predis gemalt hat: Dass es sich um eine Darstellung aus gleicher Zeit handelt, dürfte unschwer erkennbar sein. Auch die Feinheit der Zeichnung, die "Beseeltheit", deutet auf Lionardo. Wenn nun Wissenschaftler aufgrund ihrer Untersuchungen kein Indiz finden, dass dagegen spricht, so müsste man doch davon ausgehen, dass es stimmt. Allerdings habe ich die Frage, warum es unbedingt zur polnischen Ausgabe der 4 Bücher gehört und nicht etwa zur z.B. italienischen, dem Vatikan gehörenden? Wenn diese Portraitseite das 1. Bild im Buche ist, dann fehlt danach mindestens 1 weitere Seite.... Man müsste doch am Buch erkennen, ob da eine oder mehrere Seiten herausgenommen wurden?... Dass es gleich wieder ums Geld geht, ist schade! Denn damit verschwindet diese wunderschöne Zeichnung gleich wieder in unterirdischen Gefilden auf Nimmerwiedersehen....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.