Streit um Moscheen-Lesung Wallraff beschimpft Islamfunktionär

Der Disput um die geplante Lesung aus den "Satanischen Versen" in der Kölner Zentralmoschee verschärft sich: Initiator Günter Wallraff bezeichnete den Chef der türkisch-islamischen Organisation als Bürokraten - und will die Debatte nun bis in die Türkei tragen.


Köln - Ende Oktober oder Anfang November will Wallraff in die Türkei reisen und versuchen, den Vertreter des Amtes für religiöse Angelegenheiten von seinem Vorhaben zu überzeugen. Der Staatsdiener untersteht direkt dem Regierungschef.

Schriftsteller Wallraff: "Aufpasser, Wächter, Abschirmer"
DPA

Schriftsteller Wallraff: "Aufpasser, Wächter, Abschirmer"

Wallraff sagte, er wolle versuchen, die türkische Regierung davon zu überzeugen, dass er doch noch der Ditib-Moschee im westlichen Kölner Stadtteil Ehrenfeld aus den "Satanischen Versen" lesen darf. Die türkisch-islamische Organisation Ditib hatte dies zuvor abgelehnt.

Im Kölner "Express" bezeichnete Wallraff Ditib-Chef Sadi Arslan daraufhin als "Aufpasser, Wächter, Abschirmer im Auftrag des türkischen Staates", als "türkischen Beamten, der sich wenig für die Integration seiner Organisation und der hier lebenden türkischen Muslime einsetzt". Die Ditib reagierte "bestürzt" über Wallraffs Reaktion. Sie wies die Kritik zurück und nannte Wallraffs persönliche Attacke "unverständlich".

Wallraff hatte vorgeschlagen, der Schriftsteller Salman Rushdie solle in der Kölner Moschee aus seinem 1988 erschienen Roman "Satanische Verse" vorlesen, nachdem die Ditib angekündigt hatte, sie wolle ihre in Köln-Ehrenfeld geplante repräsentative Moschee für kulturelle Veranstaltungen öffnen. Wegen seines Vorschlags war Wallraff auf einer radikalislamischen Website und in anonymen Anrufen bedroht worden. Internet-Dschihadisten erklärten Wallraff gar zum "Feind des Islam".

Rushdies Buch handelt von indischen Immigranten in Großbritannien und enthält zahlreiche Anspielungen auf den Islam. Radikale Muslime werfen Rushdie vor, mit seinem Buch den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Der damalige iranische Staatschef Ajatollah Khomeini verurteilte Rushdie am 14. Februar 1989 mittels einer Fatwa zum Tode.

Religiös aufgeladener "Eiertanz"

Die Ditib hatte am Montag erklärt, eine Lesung, wie sie Wallraff in Köln plant, würde "die religiösen Gefühle der Muslime verletzen". Äußerungen von Wallraff, die Ditib sei nur integrationsfähig, wenn sie an einer Lesung nach seinen Vorstellungen mitwirke, seien "anmaßend". Arslan befasse sich seit seinem Amtsantritt im vergangenen April "intensiv mit Fragen des interreligiösen Dialogs und der Integration".

"In einer Demokratie darf man auch zu dem Entschluss kommen, dass eine von einem prominenten Schriftsteller angefragte Veranstaltung nicht mit der religiösen Auffassung der Gemeinde zu vereinbaren ist", sagte ein Ditib-Sprecher.

Aus der türkischen Community erlebe er "fast nur Zustimmung", sagte dagegen Wallraff. Auch habe er bei sich zu Hause bereits eine Probelesung vor muslimischen Moschee-Gängern abgehalten, bei der die Zuhörer an Stellen gelacht hätten, die sich Nichtmuslimen gar nicht erschließen. "Daran sieht man, dass dieses Buch in den muslimischen Kontext gehört", sagte Wallraff.

Die Gespräche mit der Ditib bezeichnete er als "Eiertanz". Er habe zuletzt sogar angeboten, die Lesung auf dem Parkplatz des Moschee-Geländes zu veranstalten, auch das sei abgelehnt worden. Die Ditib führt das Scheitern der Gespräche hingegen auf Wallraffs "Kompromisslosigkeit" zurück. Und auf sein "mangelndes Verständnis für die Gefühle und Belange der muslimischen Gemeindemitglieder".

Die Ehrenfelder Zentralmoschee ist seit Monaten umstritten, seit bekannt wurde, dass die Ditib ihr seit 40 Jahren als Moschee genutztes Industriegebäude abreißen und einen Moschee-Neubau vom renommierten Architekten Paul Böhm erstellen lassen wird.

ssu/AFP/dpa



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