Streit um Papstsatire "Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an Jesus"

Einst waren sich Partei und Musikkanal ganz nah. Jetzt stehen sie sich möglicherweise bald im Gerichtssaal gegenüber. CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann beschwört die Gefahr der Blasphemie, die SPD erinnert an Jesus – und MTV entschuldigt sich ein bisschen.

Von , München


München – Erwin Huber war total aufgedreht. Auf der Einweihungsparty entwendete der damalige Chef der bayerischen Staatskanzlei der Band Lemonbabies eine E-Gitarre und ließ sich breit grinsend fotografieren. Im November 1999 nämlich war es endlich geschafft: Huber hatte nach einem Abendessen mit der Senderchefin und einigen aus des Freistaats Schatulle locker gemachten Milliönchen den Musiksender MTV von Hamburg-Barmbek nach München-Schwabing gelockt.

Streitfall "Popetown": "Beschwerden sehr ernst genommen"
DPA/ MTV/ BBC

Streitfall "Popetown": "Beschwerden sehr ernst genommen"

So nah waren sich Christsoziale und Musikfernsehen einmal. Doch schon nach zwei Jahren zerbrach das Verhältnis: MTV zog es in die "kreative Musik-Hauptstadt" Berlin. Zurück blieb ein geknickter Erwin Huber: "Es schmerzt mich, zumal ich mich mit großem Einsatz bemüht habe, MTV zu halten", sagte er im Dezember 2002.

Nun hat MTV seine ab Mai geplante Papstsatire "Popetown" in Zeitschriftenanzeigen mit einem vom Kreuz herabgestiegenen Jesus beworben, der freudig vorm Fernseher sitzt: "Lachen statt rumhängen", lautet die Bildunterschrift. Deshalb ist das Verhältnis CSU/MTV ab sofort nur noch ein juristisches. Der bayerische CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann hat Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Senders gestellt.

"MTV gibt den Glauben der Lächerlichkeit preis"

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft ging Herrmanns Anzeige heute früh vorab per Fax ein. Die "Popetown"-Werbung, so das Schreiben des Fraktionschefs, "erfüllt den Straftatbestand des § 166 StGB". Der christliche Glaube werde "beschimpft". Das Leiden, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus stehe "für die allermeisten Christen im Zentrum ihres Glaubens". Die MTV-Anzeige gebe somit den christlichen Glauben "in besonders herabsetzender Weise der Lächerlichkeit preis".

Die Aussichten für die Aufnahme eines Strafverfahrens gegen MTV stehen allerdings nicht gut. In einem ähnlichen Fall hatte der heutige stellvertretende bayerische SPD-Vorsitzende Florian Pronold vor zehn Jahren den gekreuzigten Jesus als "Latten-Gustl" bezeichnet. Das damalige Verfahren verlief im Sande. So kündigt Joachim Herrmann schon jetzt Konsequenzen an, falls auch MTV ungeschoren davonkommt: "Sollte die Staatsanwaltschaft das nicht verfolgen, dann ist der gesetzgeberische Handlungsbedarf offenkundig."

Heißt im Klartext: Wenn die Staatsanwälte nicht durchgreifen, muss eben das Gesetz verschärft werden. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat schon den Auftrag, bis Juli einen Vorschlag für die Neufassung des Paragraphen 166 auszuarbeiten.

In einer Aktuellen Stunde des bayerischen Landtags machte CSU-Fraktionschef Herrmann noch einmal deutlich, dass es ihm nicht um die MTV-Serie als solche, sondern um die Werbung dafür gehe. Mit einem eher kruden Vergleich mühte er sich um den Beleg der Gefährlichkeit solch blasphemischen Gedankenguts. Im März 2001 hätten die Taliban die Buddha-Statuen in Afghanistan zerstört. Man sehe, wohin das geführt habe: "Zu den schrecklichen Flugzeugangriffen in Washington und New York am 11. September."

SPD-Vertreter Hans Joachim Werner bezeichnete die geplante MTV-Serie als "Machwerk", warf der CSU aber vor, sie mache "völlig kostenlose Werbung für MTV, die Macher von 'Popetown' können Ihnen ein Dankeschön schreiben". Hatte CSU-Herrmann mit afghanischen Buddha-Statuen im Rücken klare Kante gegen den Musiksender gefordert, berief sich SPD-Werner auf Jesus: "Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an Jesus", rief er Herrmann zu. "Was hat der Mann für eine Souveränität gehabt, Jesus hätte wesentlich souveräner reagiert als Sie!"

Die Grüne Ulrike Gote warf der CSU "Kulturkampf" vor. "Popetown" sei eine "nicht besonders gelungene Satire über die römisch-katholische Kirche". Mit dem Glauben habe das nichts zu tun. Deutschland sei "kein Gottesstaat, sondern eine freiheitliche Demokratie". Der Ex-Richter und CSU-Abgeordnete Peter Welnhofer sprach sich für eine klarstellende Änderung des Paragraphen 166 aus: Nicht mehr die Störung des öffentlichen Friedens sondern "die Religionsbeschimpfung soll bestraft werden". Denn bisher würden vor allem jene in ihrem Glauben geschützt, die gewaltbereit seien.

MTV bedauert "geschürte Emotionen"

Am Ende gab's noch eine Prise Selbstkritik: Hatten die Unionsparteien in den achtziger Jahren die Einführung des Privatfernsehens durchgesetzt, so erklärte der CSU-Abgeordnete Henning Kaul heute in Bezug auf MTV: "Das ist nicht im Sinne derer, die einst für die privaten Rundfunkanstalten die Hand gehoben haben."

Die christsoziale Strafanzeige hat MTV bisher nicht erreicht. Der Sender ist zurzeit noch mit der Unterlassungsverzichtserklärung des Erzbischöflichen Ordinariats München beschäftigt, die die Ausstrahlung der gesamten Serie betrifft. Bis Mittwoch, 18 Uhr, läuft die Frist, bevor die Kirche rechtliche Schritte einleiten will. Der Musikkanal will dann eine Stellungnahme abgeben, wie man sich verhalten werde, sagte MTV-Sprecher Mats Wappmann SPIEGEL ONLINE.

Die Werbung mit Jesus vorm Fernseher aber wird seit dem 11. April nicht mehr gesendet. "Die bei uns eingegangenen Beschwerden haben wir sehr ernst genommen und bedauern natürlich, mit der Kampagne Emotionen geschürt zu haben", so Wappmann.

Das dürfte auch Erwin Huber freuen. Denn der hatte im CSU-MTV-Medienrausch 1999 versprochen, künftig jeden Abend mal kurz bei MTV einzuschalten.



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