Streit um "Zeitungszeugen" Hitler hatte anderes zu tun

Bewegung im Streit um das Magazin "Zeitungszeugen": Die dem Prozess zu Grunde liegende Urheberrechtsklage könnte im Sande verlaufen. Der Grund: Nicht Hitler und Goebbels, sondern die damaligen Verlage gelten als Urheber der wiederveröffentlichten Nazi-Schriften.

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München - Im Streit zwischen dem bayerischen Finanzministerium und dem Magazin "Zeitungszeugen" will das Landgericht München nach mehrmonatigem Streit am 25. März ein Urteil verkünden. Im Moment sieht alles danach aus, als würde der Freistaat Bayern unterliegen: Bisher untersagte das Land den Nachdruck des "Völkischen Beobachters" und der NS-Zeitung "Der Angriff"; ausgelieferte Exemplare wurden von der Polizei bundesweit in Zeitungsläden beschlagnahmt.

Vor Gericht drehte sich alles um die entscheidende Frage, ob die Urheberrechte damals bei den Verlagen lagen oder direkt den Herausgebern der Zeitungen, Adolf Hitler und Joseph Goebbels, gehörten. Verlagsrechte würden 70 Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Ausgabe ablaufen, erklärte der Vorsitzende Richter Thomas Kaess. Gehörten die Urheberrechte aber Goebbels und Hitler, würden sie erst 70 Jahre nach deren Tod - also 2015 - ablaufen, bis dahin stehen sie unter der Verwaltung des Freistaats Bayern.

Die Kammer vertrat jedoch die Ansicht, dass nur Herausgeber, die wirklich an der Erstellung der Zeitung beteiligt waren, die Rechte am Gesamtwerk erhielten. Für Hitler sei das kaum denkbar, er habe anderes zu tun gehabt, erklärte das Gericht.

"Das Urheberecht war das falsche Mittel sich mit 'Zeitungszeugen' auseinanderzusetzen. Eine solche Frage geht alle an. Deshalb muss sie in einer öffentlichen Kontroverse behandelt und gegenbenfalls falls von einem Parlament entschieden werden", sagt Ulrich Michel, Rechtsanwalt des britischen Verlages Albertas Limited, bei dem "Zeitungszeugen" erscheint. "Es sieht sehr gut für uns aus. Wir werden vermutlich den Rechtsstreit gewinnen", meint Sandra Paweronschitz, Chefredakteurin des Blattes.

Allerdings habe man durch den Rechtsstreit auch potentielle Käufer verloren. Paweronschitz: "Viele Kioske haben sich nicht getraut, das Blatt offen auszulegen. Leser haben schon gar nicht mehr nachgefragt, weil sie dachten, 'Zeitungszeugen' sei komplett verboten worden." Zuletzt lag die verkaufte Auflage nach Verlagsangaben bei rund 80.000 Heften.



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